Das Elend der Theater/Kritik: Theater Heute

Januar 14th, 2010 Kommentare deaktiviert für Das Elend der Theater/Kritik: Theater Heute Autor: Ulf Schmidt

Lan­ge, lan­ge und zum gro­ßen Miss­ge­fal­len von Umzugs­hel­fern war ich Abon­nent von Thea­ter Heu­te. Sagen wir mal so um die 15 Jah­re lang. Dann bestell­te die groß­zü­gi­ge Geschenk­abo­stif­te­rin das­sel­be ein. Und die Lie­fe­run­gen fan­den nicht mehr statt. Ich kann nicht sagen, dass das ein tie­fer Ein­schnitt in mei­nem Leben gewe­sen wäre. Eigent­lich hab ichs kaum bemerk. Und dann kommt aber doch ab und an der Gedan­ke: Naja, man müss­te wohl mal rein­schau­en. Und man geht zum Bahn­hof, um es sich zu kau­fen. Und schaut her­ein. Und ver­gleicht. Auf der einen Sei­te nachtkritik.de. Auf der ande­ren Thea­ter Heu­te.  Um es vor­weg zu sagen: gäbe es nur die letz­te­res, wür­de ich in kei­nem Thea­ter Deutsch­lands mehr ein Abon­ne­ment abschlie­ßen. Aus Sor­ge, die­se Hor­te der Lang­wei­le lägen in ihren letz­ten Zügen und hauch­ten viel­leicht in mei­ner Anwe­sen­heit ihr Leben gänz­lich aus. Erst ange­sichts der hef­ti­gen Debat­ten in den Kom­men­ta­ren von nacht­kri­tik keimt ein wenig Hoff­nung auf, dass Inter­es­se an Thea­ter und kri­ti­sches Umge­hen damit ande­res sein könn­te als ewi­ge Selbst­be­na­be­lung und Etat­krä­me­rei. Ein Blick auf Thea­ter Heu­te.

Und gleich noch eines vor­weg: Dass eine Zei­tung heut­zu­ta­ge glaubt, ohne eine ver­nünf­ti­ge Inter­net­prä­senz inklu­si­ve Dia­log­mög­lich­keit aus­kom­men zu kön­nen, spricht eigent­lich für sich. Erschüt­tern­de 9,80 Euro für ein Zei­tung, die von stu­den­ti­schen Publi­ka­tio­nen locker geschla­gen wür­de. An Lan­ge­wei­le in etwa mei­nen letz­ten Leseer­fah­run­gen der “Deut­schen Büh­ne” gleich. Inter­es­se, Begeis­te­rung, Neu­gier für das, wor­um es Thea­tern geht (was nicht not­wen­di­ger­wei­se gleich­be­deu­tend mit dem Thea­ter selbst ist) — Fehl­an­zei­ge. Eigent­lich spricht das Bild auf Theaterheute.de für sich und sagt alles:

“Hier fin­den sich nur his­to­ri­sche Inhal­te”. “Schau­spie­ler und Dra­ma­tur­gen geben Ein­bli­cke in den Pro­zess der Pro­ben­ar­beit.” “Alle Pre­mie­ren­ter­mi­ne”. “Ein Über­blick über die inter­es­san­tes­ten Pre­mie­ren”. Und jetzt soll ich das dann bestel­len. Ich kann aller­dings auch noch das Inhalts­ver­zeich­nis dar­un­ter lesen — und hät­te es tun sol­len, bevor ich zum Bahn­hof gestie­felt bin. Ich hät­te es wis­sen müs­sen. Nichts davon ist auch nur ansatz­wei­se inter­es­san­ter als die berufs­in­for­mie­ren­den Schrif­ten der Arbeits­äm­ter in Deutsch­land. Hin­ter den Kulis­sen. Auf der Pro­be. Hier ums Thea­ter kämp­fen. Da gehts um Etats. Irgend­wie scheints wohl auch Auf­füh­run­gen gege­ben zu haben, die da bespro­chen wer­den. Ansons­ten — ist man wohl ent­schlos­sen, sich mit der Finanz­kri­se den Berg hin­un­ter trei­ben zu las­sen.

Nun war ich beim Bahn­hof, hab das Geld aus­ge­ge­ben. Und wer­de nach­dem ich das Wunsch­zet­tel­chen des angeb­li­chen Kul­tur­staats­mi­nis­ters Ram­ses II. über­blät­tert und mich auch nicht ins Inhalts­ver­zeich­nis ver­tieft habe auf Sei­te 5 mit der Fra­ge kon­fron­tiert: “Was machen eigent­lich Thea­ter­re­gis­seu­re?” Darf ich sagen, dass mich die­se Fra­ge vor Lachen vom Stuhl gefegt hat? Und Ent­set­zen. Lie­be Redak­ti­on. Ihr seid im 51. Jahr­gang (weiß das Impres­sum zu ver­kün­den) und stellt euch JETZT die­se Fra­ge? Gut — ver­bu­chen wirs als Nai­vi­tät des Ver­fas­sers, als sti­lis­ti­schen Aus­rut­scher. Decken wir den Vor­hang der Groß­zü­gig­keit drü­ber und blät­tern um. Und fan­ge den Arti­kel selbst zu lesen an:

Die Legen­de erzählt, dass die ers­ten Dra­ma­tur­gen ihre Büros in ver­ges­se­nen Dach­zim­mern hat­ten. Wenn einer im Thea­ter mal eine Fra­ge zum Text hat­te, muss­te er sich durch lan­ge Kor­ri­do­re und über Hin­ter­trep­pen von Eta­ge zu Eta­ge durch­fra­gen, um dann eine scheue Figur bein­ver­kno­tet in alten Tex­ten ver­tieft vor­zu­fin­den, die prompt Ant­wort wuss­te. Aller­dings ver­gaß der Bote, meis­tens ein Prak­ti­kant, auf dem lan­gen Weg zurück zur Pro­be­büh­ne, was der Dra­ma­turg gesagt hat­te. […] Heu­te sind Dra­ma­tur­gen näher dran an den Pro­ben­pro­zes­sen.

Das ist der Beginn des Auf­ma­cher­ar­ti­kels von Thea­ter Heu­te. Die Legen­de erzählt, dass die­se Zei­tung mal bes­ser war. Und schrieb. Wovon redet die­ser Mensch? Strauß, Wiens, Beil, Kipp­hardt — mal gehört? Wer davon ist die scheue Figur? Und wer ist heu­te “näher dran”. Über­sprin­gen wir die­sen Arti­kel und ver­bu­chen ihn in Gän­ze unter der Rubrik “Aus­rut­scher”.

Bernd Ste­ge­manns Bericht über die Arbeits­wei­sen von Wie­ler und Ste­mann — lang­wei­lig. Mei­net­we­gen. Druckts halt. Ich les es nicht. Aber viel­leicht muss man ja auch nicht alles lesen. Als nächs­tes erzählt Eva Beh­rend von einem Abend, den sie offen­bar im Thea­ter ver­bracht hat.  Im Wie­ner Aka­de­mie­thea­ter sogar. Da ist so man­ches auf der Büh­ne pas­siert. Was nicht wei­ter über­rascht. Wie auch der Rest des Arti­kels. Frau Beh­rend — war­um zum Teu­fel schrei­ben Sie die­sen Arti­kel. Und war­um soll ich ihn lesen? War­um schrei­ben Sie Sät­ze wie die­sen:

Dage­gen wäre <Der Idi­ot> (2008, eben­falls Zürich) ein­fach eine äußerst kon­ven­tio­nel­le Form von Qua­si-Sta­nis­law­ski-Thea­ter gewe­sen, hät­te Moni­ka Poma­le den voll­stän­di­gen Haus­rat einer rus­si­schen Adels­fa­mi­lie im 19.Jahrhundert nicht in den sprö­den Beton der Schiff­bau­hal­le ver­pflanzt und auch noch mit pur­pur­ro­tem Samt­vor­hang davon abge­grenzt.

Wow! Da haben wir Schwein gehabt, dass sie das geschafft hat. Apro­pos “sprö­der Beton” — wei­ter lese ich die­sen Text nicht. Je wei­ter die Lese­ver­su­che vor­an­ge­hen, des­to zäher wird der Beton. Eva Beh­rendts Sam­mel­be­spre­chung ver­sucht offen­bar das man­geln­de Inter­es­se der Auto­rin, sich mit ein­zel­nen Insze­nie­run­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen, durch Mas­se (5 Insze­nie­run­gen auf einen Text­schlag) zu kom­pen­sie­ren. Lei­der wird aber nur die Lan­ge­wei­le gestei­gert. Rou­ti­niert rei­bungs­frei run­ter­ge­schrie­ben.

Dann folgt immer­hin ein ganz lesens­wer­tes (und sogar les­ba­res) Schau­spie­ler­por­trät von Wer­ner Wöl­bern, geschrie­ben von Till Brieg­leb. Ich wür­de mir wün­schen, dass am Ende des Bei­trags eine URL abge­druckt wäre, unter der ich mir viel­leicht ein Gespräch zwi­schen den bei­den anschau­en könn­te. Oder ein paar Aus­schnit­te aus der Arbeit von Wöl­bern. Das wäre schön. Fast schon modern. Fast schon “Thea­ter heu­te” — aber bei Thea­ter heu­te fin­den sich im Netz ja lei­der nur “his­to­ri­sche Inhal­te”. Und auf eine Web­sei­te mit dem unglaub­lich blöd­sin­ni­gen Titel “kul­ti­ver­sum” wei­ge­re ich mich zu gehen. Trotz­dem — Brieg­leb macht neu­gie­rig.

Franz Wil­les Stück über Oli­ver Kluck — beginnt selt­sam, wird fast inter­es­sant. Und stürzt dann ab in einen Text, den frus­trier­te Per­so­na­ler in Unter­neh­men vor 40 Jah­ren mal als “Lebens­lauf” akzep­tiert hät­ten. Das Wort “urauf­ge­le­sen” aller­dings ist sehr schön! So viel Zeit muss sein. Im Übri­gen die Fra­ge: War­um?

Dann das nächs­te Por­trät. Und dann ein Text, der einen Zip­fel Gegen­wart jen­seits der Thea­ter­mau­ern erha­schen will. Die ins Thea­ter ein­drin­gen­de Wirk­lich- und -sam­keit “heu­te”. Wup­per­tal. Beschrei­bung der finanz­klam­men Lage. Hin­weis auf die bedroh­te “Kul­tur­ver­sor­gung” — was für ein Wort! Dia­gno­se “Die Kri­se hat die Thea­ter erreicht.” Aha. Wel­che eine Über­ra­schung. Denn in Anbe­tracht der vor­her­ge­hen­den Arti­kel die­ser Aus­ga­be scheint Thea­ter doch etwas zu sein, das weder heu­te noch hier noch über­haupt in einem rea­len Raum statt­fin­det. Als wür­de das Thea­ter heu­te in Taka­tu­ka­land um sich selbst krei­sen kön­nen, sol­len oder müs­sen nimmt Thea­ter heu­te es in den gelang­weil­ten Blick. Und war­um eigent­lich soll ein Thea­ter, wie es aus den Beschrei­bun­gen die­ses kri­tik­ver­sor­gen­den Leit­me­di­ums mit 15.000 Exem­pla­ren Auf­la­ge her­aus­schaut, eigent­lich über­le­ben? War­um soll­te ein Thea­ter nicht durch die Kri­se in sei­ner Exis­tenz bedroht sein, wenn zugleich über 6 Mil­lio­nen Men­schen Hartz IV bezie­hen. In Zah­len: SECHS MILLIONEN. Wenn in Ber­lin 35,9% der Kin­der von Sozi­al­hil­fe leben müs­sen (Quel­le: Brand­Eins). War­um soll eine so grund­lang­wei­li­ge Insti­tu­ti­on, wie es Thea­ter heu­te  gemäß Thea­ter heu­te zu sein schei­nen, über­le­ben? Gibt es einen sol­chen Grund? Macht es Sinn, die­sen Grund her­aus­zu­fin­den? Hat Thea­ter in der Kri­se etwas zu suchen, zu sagen, zu fin­den? Oder ist es so lleon­ce­und­le­nal­eben­über­druss­lang­wei­lig, wies aus die­sem Druck­werk spricht?

Ich schlie­ße Arti­kel und Augen mit dem Fazit: Das Abo von Thea­ter heu­te wird nicht wie­der auf­ge­nom­men. Der Erwerb wird nicht wie­der­holt. Die sat­te, sar­kas­tisch-zyni­sche Vor­schau aufs Febru­ar­heft (“Immer schön authen­tisch blie­ben…”, “Neue Stü­cke von alten Bekann­ten”, “Alle paar Jah­re wird Wil­liam Shake­speare mal wie­der als Pseud­onym ent­larvt…) lässt das nächs­te Hoch­glanz­de­sas­ter erah­nen.  Die gespar­ten Euro wer­de ich spen­den. Irgend­je­man­dem, bei dem die Kri­se schon viel län­ger ange­kom­men ist.

Und packen­de Dis­kus­sio­nen rund um Thea­ter — nur noch auf nacht­kri­tik.

P.S. Bevor irgend­je­mand auf dum­me Gedan­ken kommt. Ich bin mit nacht­kri­tik in keins­ter Wei­se ver­bun­den, den Machern nicht ver­pflich­tet, erwar­te mir weder Gegen­ga­be noch Bespre­chung. Nur wei­ter­hin die Platt­form für Ver­bal­schlä­ge­rei­en rund um Thea­ter und sei­ne Welt. Wie die­sen rund um Pey­mann und Gold­o­ni. Oder die 11 Kom­men­tar-High­lights des Jah­res 09. Unglaub­lich, wie viel Kraft die Debat­te um Thea­ter heu­te ent­fal­ten kann.

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