Das Grundproblem der Wirtschaft(swissenschaft) – Fortsetzung

Februar 22nd, 2010 Kommentare deaktiviert für Das Grundproblem der Wirtschaft(swissenschaft) – Fortsetzung Autor: Ulf Schmidt

Zugegebenermaßen ist das Posting zum Grundproblem von vorgestern etwas instringent und mäandert in der Nähe des argumentativen Ziels herum. Und es ist sicherlich im wissenschaftlichen Sinne weder wasserdicht noch solide argumentiert. Das ist mir zwar peinlich – ich nehme es aber in Kauf, weil hier kein fertifges Buch veröffentlicht wird, sondern die Dinge in Bewegung bleiben können und sollen. Posting um Posting. Trotzdem erfordert eine kurze aber heftige Debatte zu dem Thema, die leider offline geführt wurde und deswegen hier nicht dokumentierbar ist, einige Nachbetrachtungen und Klärungen. Hauptthema dieser Debatte war eine Variante des Sein/Bewusstsein-Problems. Sprich: Ist es zulässig zu behaupten, die verkürzte Sichtweise (ist sie wirklich verkürzt?) der Wirtschaftswissenschaft sei verantwortlich für die sich autonom dünkende und sich in der bekannten Weise ausdifferenzierende und als eigengesetzlich separierende Wirtschaft (also für die Bildung des Subsystems „Wirtschaft“). Oder folgt das wirtschaftswissenschaftlich reflektierende Bewusstsein dem längst separierten Sein des Sektors „Wirtschaft“?

Frage ist ja nicht schlecht – und hat meinerseits mehrere Antworten, die sich ggf. gegenseitig ausschließen (der freudschen kettle logic gleich). Deren erste:

Die Behauptungen sind weder streng wissenschaftlich noch streng historisch. Möglicherweise lassen sich historische Belege dafür finden, dass das ökonomische Denken, das sich vom allgemeinen gesellschaftlichen Denken abspaltet, zeitlich parallel zur Ausbildung eines Wirtschaftssektors beginnt. Vielleicht gar solche Belege, die zeigen, dass das reflektierende Denken die Ausbildung einer sich autonom dünkenden Wirtschaft gefördert haben. Vielleicht aber ist es auch die wachsende Macht der Industrie gewesen, die ein wirtschaftliches Denken befördert haben. Man mag Quesnays Tableau Économique (1758), Smith’s Inquiry (1776) oder Ricardos Principles (1817) als Geburtsstunde ansehen. Ich bin kein studierter Ökonom – nur aus der Ferne betrachtet scheinen mir diese Autoren die Wirtschaft als Funktion oder Kategorie des Staates und der Politik zu begreifen. [Breaking News: Gerade über den Artikel zur Neoklassik in Wikipedia gestolpert – daraufhin vielleicht eine thematische Verschiebung nötig].

Rejustierung auf die „Neoklassische Wirtschaftstheorie“? Eventuell ist es nötig, die vorgebrachte Kritik als Kritik an der Neoklassik zu reformulieren, deren zentrale Thesen (ich kann mich nur auf Wikipedia stützen) im Posting implizit aufgegriffen waren. Beispiele:

Die zentrale Annahme der neoklassischen Theorie ist das Modell des „Homo oeconomicus„. Dabei handelt es sich um ein fiktives Wirtschaftssubjekt, das feststehende Präferenzen hat, über (vollständige) Information verfügt und rational handelt in dem Sinne, dass es unter gegebenen Alternativen stets diejenige auswählt, die seinen eigenen Nutzen maximiert. (Wikipedia a.a.O.)

Von der klassischen Nationalökonomie hob sich die Neoklassik unter anderem durch die verschobene Fragestellung ab: Paradigma der Klassik war die Produktion: Sie fragte nach dem Ursprung, dem Wachstum und der Verteilung des wirtschaftlichen Reichtums in der Gesellschaft. Paradigma der Neoklassik ist der Tausch (Handel) zwischen rationalen Individuen: Sie fragt nach der optimalen Verteilung (Allokation) gegebener knapper Ressourcen auf verschiedene Verwendungen und Individuen mit festen Interessen und vorgegebener Ausstattung an Gütern und Fähigkeiten.

Wenn dem so ist – wäre die zuletzt bemerkte Ausblendung der Gesellschaft als Dimension der Wirtschaftswissenschaft der neoklassischen Fragestellung geschuldet. Sie fragt eben nur nach den fiktiven Tauschsubjekten. Aber sie tut noch mehr – und diesen Punkt gilt es trotz des thematischen Breaks wie geplant vorzubringen:

Die Wirtschaftswissenschaft vermischt Deskription und Normierung. Wer sich mit ästhetischer Theorie beschäftigt hat, kennt die Unterscheidung zwischen normativen und deskriptiven Poetiken seit der ersten Seminarsitzung. Und die ewige Debatte zwischen sich deskriptiv tarnender Normativität und offener Normativität vermag nur noch ein müdes Gähnen hervorzulocken. Ich bin mir nicht sicher, ob die wirtschaftswissenschaftliche Selbstreflektion so weit fortgeschritten ist. Etwa in der Einsicht, dass bereits in der eingrenzenden Wahl des zu beschreibenden Gegenstandes eine Normativität angelegt sein kann. Trotz alledem ist auch in Wikipedia die disziplininterne Separation zwischen Deskription und Normativität beschrieben:

Die Positive Theorie geht davon aus, dass die Ökonomie durch die gemachten Grundannahmen gut modelliert ist, leitet aus diesen Annahmen mit der Mathematik Schlussfolgerungen ab und überprüft die Gültigkeit der Ergebnisse mit ökonometrischen Methoden.

Die Normative Theorie versucht einen optimalen Zustand für eine neoklassisch modellierte Gesellschaft zu bestimmen. Dabei entsteht sofort das Problem, dass entsprechend der Grundannahme des homo oeconomicus sehr viele Optimierungsbedingungen zu betrachten sind, nämlich für jedes Individuum eine, die in aller Regel nicht deckungsgleich sind, da zum Beispiel die Haushalte um die gleichen Güter und Unternehmen um die gleichen Faktoren konkurrieren.

Solange nicht offengelegt und für jeden Beteiligten einsichtig ist, dass diese Wirtschafstheorie eben keine reine Betrachtung des Wirtschaftsprozesses ist, sondern sich darin sowohl Vorgeben zur Optimierung der im eigentlichen Sinne innerwirtschaftlichen Prozesse aber auch Vorgaben hinsichtlich der „Optimierung“ der Gesellschaft hin auf wirtschaftliche Idealzustände (wer definiert übrigens das Ideal und rechtfertigt sich für die Idealkriterien?) – so lange wird weder Wirtschaftswissenschaft sich über ihre eigene Funktion in der Gesellschaft Rechenschaft ablegen können noch auch die Gesellschaft diese Funktion der Wirtschaftswissenschaft reflektieren können. Nunja – diesen Vorwurf könnte man vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch machen. Der Unterschied der Wirtschaftswissenschaften: Sie bilden die Akteure aus. Sie bringen den Wirtschaftenden das bei, was die anderen Wirtschaftenden als Wirtschaften verstehen und akzeptieren – und was sie bei einem Mitspieler voraussetzen müssen. Heißt: Und sei es nur durch Deskription gezielt ausgewählter Sektoren – es findet eine normbasierte Ausbildung von Wirtschaftsakteuern statt, die sich so verhalten, wie es der Wirtschaftstheorie vorschwebt. Das übrigens als Modellplatonismus zu bezeichnen, ist nicht dumm. Es ist erkenntnistheoretisch eine Zirkelstruktur : Man leitet aus der Beobachtung als vorbildlich empfundener (!) Bereiche des Wirtschaftens ein Regelwerk ab und lehrt dieses Regelwerk dann denjenigen, die in der nächsten Generation für die Realisierung der Regeln zuständig sein werden. Drill und Ausbildung zum Homo Oeconomicus. Und damit tendiert die Theorie dazu, sich selbst zu bestätigen. Als würde ein Biologe, der den schwarzen Schwan als den wahren Schwan ausgibt, seine Schüler dazu anleiten, weiße Schwäne zu eliminieren. Missionierung und Scheiterhaufen. Nichts gegen Theorien übrigens, die sich selber bestätigen. Ich habe auch eine. Aber eben eine andere.

Der Homo Oeconomicus als unreflektierte Fiktion. Dass sich angehende Dramen- oder Postdramenschreiber in wirtschaftswissenschaftliche Seminare oder Bibliotheken begeben müssten, ist natürlich dennoch eine völlig absurde Forderung. Schade um die Lebenszeit. Aber den Berührungspunkt mit dieser Disziplin gilt es zu beachten – oder vielmehr: die Berührungspunkte. Die Grundannahmen und Verkürzungen hinsichtlich der Begriffe des Handels und der Handlung sind schon im letzten Posting erwähnt. Mindestens genauso interessant aber ist die Frage nach dem Menschenbild. Gesetzt den Fall, ein Schreiber wolle auf der Bühne noch Menschen bauen (ich würde davon abraten – aber das ist meine Sache) – so müsste er sich mit der uralten Frage: „Was ist der Mensch“ herumschlagen. Und er müsste für sich eine oder mehrere Antworten darauf geben. Oder das Schreiben zum Forschungsprojekt dazu machen. Er würde aber in jedem Fall auf den Homo Oeconomicus als Fiktion stoßen, die in folgender Form bestimmt ist (wieder nur Wikipedia):

Der Homo oeconomicus bezeichnet einen (fiktiven) Akteur, der

  • eigeninteressiert und
  • rational handelt,
  • seinen eigenen Nutzen maximiert,
  • auf Restriktionen reagiert,
  • feststehende Präferenzen hat
  • und über (vollständige) Information verfügt.

Mit dem Modell werden gesellschaftliche Makrophänomene und nicht individuelles Verhalten erklärt. Diese Erklärung wird für viele Fragestellungen, in denen widerstreitende Interessen auftreten, als sachgerechte und praktikable Vereinfachung akzeptiert. Es soll vorhergesagt werden, wie sich beispielsweise ein Geschäftsmann, ein Kunde oder sonst ein wirtschaftlich handelnder Mensch unter bestimmten wirtschaftlichen Bedingungen (z. B. Marktbegebenheiten) verhalten wird. Damit lassen sich elementare wirtschaftliche Zusammenhänge in der Theorie durchsichtig beschreiben.

Aha. Das Modell schickt sich an, gesellschaftliche Makrophänomene zu beschreiben, die von individuell nicht existenten Akteuren getragen werden. Die Wissenschaft reagiert natürlich auf die schwärende Zumutung, sie würde sich eventuell im Bereich der Fiktion bewegen und beginnt, sich zu überprüfen:

Mit der Etablierung der Experimentellen Ökonomik wurde das Konzept des Homo oeconomicus in den vergangen Jahren immer häufiger experimentell überprüft. Dabei zeigte sich, dass unter gewissen eng definierten Laborbedingungen dieses Konzept manchmal als eine geeignete Prognose für tatsächliches menschliches Verhalten herangezogen werden kann. In zahlreichen anderen Versuchen konnte diese Verhaltenshypothese jedoch nicht bestätigt werden. Zur Erklärung des beobachteten Laborverhaltens wird in diesen Fällen das Homo-oeconomicus-Modell häufig erweitert.

Ich mach mal an dieser Stelle Schluss. Ich kann schon jetzt kaum mehr schreiben vor Lachen. Wirtschaftswissenschaft definiert sich Akteure, von denen sie weiß, dass es sie als Individuen nicht gibt – will aber auf dieser Grundlage nicht nur Gesellschaft erklären, sondern gar modellieren. In einem als Deskription missverstandenen Prozess normierender Lehre werden Homini Oeconomici ausgebildet. Aber diese Homunculi missinterpretieren ihre Mitmenschen als Mit-Oekonomen, die sie nicht sind. Beeinfluss aber die politische Entscheidung dahingehend, die Gesellschaft marktideal hin- oder herzurichten. Mein Gott, wie absurd.

Und zum guten Schluss ein verdammt guter Witz:

„Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Im Sozialismus wird die Wirtschaft erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus wird die Wirtschaft erst ruiniert und dann verstaatlicht.“ (Spon)

Man koennte noch einen andern Witz zur Frage des sozialistischen und kapitalistischen oder neoklassischen Menschenbildes anschließen. Aber den muss ich mir noch ausdenken.

Ach so: Ich habe ja hier mit einer Frage begonnen. Die Antwort ist: Ja.

Und noch eins hinterher: „Die Wirtschaftswissenschaft“ ist in etwa eine so unzulässige Abstraktion wie der Homo Oeconomicus. Ist mir bewusst. Und jetzt freu ich mich auf „Abschied vom Homo Oeconomicus: Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen“ von Günther Dück, Schrägdenker und Chief Technologist bei IBM. Vor einigen Jahren hab ich ihn mal live und lichtvoll sprechen erlebt und freu mich nun aufs Gedruckte.

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