Die Facebook Frage (Teil 5): Die Überforderung –Gefangen zwischen Oralität und Literalität

Februar 22nd, 2011 § 4 comments Autor: Ulf Schmidt

Die für den User beschriebene Welle-Teilchen-Kippfigur zieht sich in anderer Form durch weitere Teile der Beschreibung von Phänomenen rund um die Internetkommunikation und von Facebook im Besonderen. Besonders was die Form der Kommunikation angeht, kann man als Betrachter relativ schnell irre werden.

Verba volant – Scripta manent. Vor Zeiten konnte sich, wer sprach, darauf verlassen, dass seine Rede vielleicht von anderen mehr oder weniger genau erinnert, in seltenen Fällen schriftlich protokolliert wurde.  Das Schreiben war – wo erlernt – ein hoch formaler, nahezu ritueller Akt. Edin Brief, selbst eine Ferienpostkarte war von hoher formaler und sozialer Kodifiziertheit. Es gibt darum – mit Kusanowsky zu sprechen -, ein Dokument zu erstellen. Ein Schriftstück. Eine Akte, die einen bewussten Akt voraussetzt. Dem Schreiber war bewusst, dass er schreibt. Er musste nicht nur die Aneinanderreihung der Buchstaben zu Wörtern in der Schule erlernen, sondern auch das Erstellen sogenannter Texte, die sich insbesondere dadurch auszeichneten, Anfang, Mitte und Ende zu haben. Eine innere logische Konsistenz besitzen mussten. Entweder eine Geschichte in ihrer Abfolge oder eine Argumentationskette wiederzugeben.

Die elektronische Kommunikation neigt dazu, diese Unterscheidbarkeit auszuradieren. Zwar wollte kaum jemand bestreiten, dass die Kommunikation im Netz oberflächlich überwiegend schriftförmig stattfindet (Kappes weist darauf ebenfalls hin). Das heißt: Dass die binären Datensätze überwiegend von Klienten wiedergegeben wird, die auf dem Display Schrift erzeugen (wiewohl Sprachausgabe ebenso möglich wäre (Sprachsynthese). Zugleich aber ist in der Nutzung des Mediums kaum mehr etwas von der schriftlichen Formalisierung erhalten geblieben. Man tippt vielmehr wie man spricht. Chattet, tauscht Kurznachrichten aus. Selbst Emails sind mit wenigen Ausnahmen eher der gesprochenen Sprache denn der traditionellen Schrift verwandt: Walter Ong hat das bekanntlich dem traditionellen Begriff von Literalität entgegen gestellt und als „sekundäre Oralität“ bezeichnet, die durch Kommunikation per Rechner und als Internet stattfindet. Darin wird die grundsätzliche Unterscheidung zwischen akustischer Rede und visueller Schrift detrivialisiert und zugleich kompliziert.  Denn ob eine akustische Rede auf einer Schallplatte „niedergeschrieben“ und vom Grammophon wiedergegeben oder von einem Vorleser (wie bei Platon) vorgelesen wird, ist keine maßgebliche Unterscheidung für die Betrachtung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Andersherum ist die Frage, ob eine Schrift mit den Augen abgetastet oder vorgelesen wird ebenfalls kein hinreichendes Kriterium für Schriftlichkeit oder Mündlichkeit. Das machen die elektronischen Medien mit ihren unterschiedlichen Ausgabegeräten hinreichend deutlich. Benutzt als eher mündliches Kommunikationsmedium, ist zugleich natürlich auf Datenebene alles Schrift. Binärschrift, die speicherbar ist und gespeichert wird. Selbst das Skypen lässt sich sehr einfach entflüchtigen und „schriftlich“ sichern.

So wandelt sich flüchtige orale Kommunikation (auch in ihrer schriftlichen Form) unterschwellig in Schrift. Man könnte sagen: Was Kommunikation zwischen zweien war (die vielleicht Informationen austauschten) kann jederzeit zur Information (verstanden hier als Darstellung von Faktischem oder potenziellem Wissen oder auch Inhalt/Gegenstand von Kommunikation) eines Dritten über die beiden Kommunizierenden werden. Was in der „realen“ Welt ein Abhören wäre, ist in der virtuellen Welt ein technischer Prozess. Auch wenn es nur Provider oder Webseitenbetreiber sind, die diese Informationen haben (und nutzen oder nicht). Um einen Vergleich zu bemühen, der wie alle Vergleiche hinkt: Der Post hätte niemand erlaubt, alle Briefe zu kopieren, zu speichern und zur freien Verwendung zu überlassen. Telekomanbietern würde niemand erlauben, Gespräche aufzuzeichnen und auszuwerten. Die Grundrecht des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses stehen dagegen. Warum sollte Facebook sich das gestatten? Man könnte sich an der Eisenbahn- und Energiewirtschaft orientieren und die Trennung von Netz und Betrieb, also von Datenpool und Webseitenbetrieb fordern. Man könnte  verlangen, das der Webseitenbetreiber Facebook die Daten extern zu hosten hat und darauf nicht zugreifen darf …

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§ 4 Responses to Die Facebook Frage (Teil 5): Die Überforderung –Gefangen zwischen Oralität und Literalität"

  • Den Punkt halte ich für extrem wichtig und noch nicht annähernd gedanklich durchdrungen. (Kein Vorwurf hier, das ist alles sehr neu.)

    „Entflüchtigung“ ist ein sehr schönes Stichwort. Widersprechen würde ich der Behauptung, dass es sich bei Mail/SMS/SocialMedia um kaschierte Mündlichkeit handelt. Ja, es gibt „mündliche“ Elemente, aber in Wahrheit ist es weder/noch, sondern etwas Drittes. Orality 2.0 ebenso wie Literacy 2.0, sozusagen.

    Jenseits des alten Gegensatzes, der ja gerade das Wesen der Schriftkultur ausmachte: Denn alle historischen Schriftkultur(en) konstruierte(n) sich ja ihre je eigene(n) „Mündlichkeiten“ als Antithese und Komplement. Das müsste man dann auch für alle Print-Kulturen verfolgen, inklusive der historisch letzten, die sich in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts um den Komplex TV/Print/Radio plus Popkultur herum ausgeformt hat.

    Randbemerkung als Literaturwissenschaftler: Deutsche „Popliteratur“ um 1968, die Literatur der „Neuen Subjektivität“ und dann wieder die Neo-Popliteratur um 1999 experimentierten alle mit neuartig oralisierter Schriftlichkeit. Parallel lernten alle Teenager vom Fernsehen so etwas wie schriftartige Oralität (Reden wie ein Teleprompter) , also den Duktus von Thomas Gottschalk usw. Und für das Englische muss man den Gegensatz ebenso wie seine auch dort stattfindende Aufhebung „Jenseits von Schrift und Rede“ wiederum neu denken und analyieren. Keine Ahnung, wie es im Arabischen ist, usw.)

  • Postdramatiker sagt:

    Stimme dir vollkommen zu. Auch dass die Sache noch nicht ansatzweise durchdrungen ist. Lässt sich in einem kleinen Posting auch nicht tun. Für mich war im ersten Schritt im Rahmen der Gedankenführung erst einmal wichtig, die scheinbar klare Gegenüberstellung etwas aufzuweichen. Damit bin ich auch bei weitem nicht der erste. In der Medien- udn Literaturwissenschaft sind solche Fragen sicher seit 2 Jahrzehnten schon im Gange. Selbst in der Altphilologie, wo Milman Parry gezeigt hat, dass die homerischen Epen „verschriftliche“ münddliche Überlieferungen sind. Andererseits kannst du mir als Theaterschreiber glauben, dass die Frage, wie sich für das inszenierte Sprechen auf der Bühne „schreibt“ eine ganz Wesentliche ist. Aber Work-in-Progress bleibt.

  • das war überhaupt kein vorwurf, wie gesagt. sehr verdienstvoller beitrag (den rest muss ich erst noch lesen …)

    es wäre ein wichtiges neues feld für eine literatur- und medienwissenschaft, von der aber (aus meiner inzwischen distanzierten sicht) nichts zu erwarten ist.

    die universität als konzept ist auch tot, neben vielem anderen. vielleicht ist ja auch das ein phänomen des postbürgerlichen/postdramatischen/postskripturalen zeitalters.

    wenn wir mal dereinst wirklich das derzeit noch hypothetische „Virtuelle Institut für Neo-Strukturalismus und Systemtheorie“ (@vinnstinfo) im Web gründen, als knoten der p2pu, werden deine texte jedenfalls basislektüre ;)

  • Postdramatiker sagt:

    Keine Ursache, habs nicht als Vorwurf verstanden. Freut mich sehr, wenns zu weiteren Überlegungen veranlasst.

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