Die Herausforderung des Internets an die Urheber

Februar 2nd, 2012 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Als Kon­se­quenz des ver­gan­ge­nen, viel zu lan­gen Pos­tings, das ver­mut­lich nicht hin­rei­chend viel Auf­merk­sam­keit hat­te, um bis zu Ende gele­sen zu wer­den, lässt sich kurz for­mu­lie­ren:

Urhe­ber haben sich vier Fra­gen zu stel­len:

  1. Wie erlan­ge ich Auf­merk­sam­keit?
  2. Wie kom­me ich an einen mone­tä­ren Ertrag?
  3. Wie kann ich das Inter­es­se an Auf­merk­sam­keit, das ande­re haben, selbst nut­zen, um einen Ertrag zu erwirt­schaf­ten?
  4. Wer sichert eine freie, unab­hän­gi­ge, kri­ti­sche künst­le­ri­sche und publi­zis­ti­sche Urhe­brschaft jen­seits von Ertrags- und Ver­wer­tungs­zwän­gen?

 

Auf­merk­sam­keit erlan­gen

Die Sharing-Funk­tio­na­li­tät ist eine Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie. Inhal­te von mir, die ande­re wei­ter­lei­ten und ihren Freun­den ver­füg­bar machen, sor­gen dafür, dass mei­ne Auf­merk­sam­keit wächst. Ein Text, Bild, Video, Musik­stück von mir, das wei­ter­ge­lei­te­te, auf ande­ren Platt­for­men gepos­tet wird, sorgt dafür, dass mei­ne Bekannt­heit steigt. Jeder Link zu mir eben­so. Nach klas­si­schem Urhe­ber­recht wäre das eine Rechts­ver­let­zung – was bekannt ist und durch Abmahn­wel­len ver­folgt wird. Das ist däm­lich. Denn die damit ver­bun­de­ne For­de­rung nach Unter­las­sung sorgt dafür, dass die Auf­merk­sam­keit sinkt. Ich habe mein Recht an mei­nem Inhalt – und kein Schwein kuckt. Bil­den­de Künst­ler wis­sen, dass Auf­merk­sam­keit die Ertrags­chan­cen stei­gert. Dar­über hat­te ich im letz­ten Pos­ting geschrie­ben. Von Auf­merk­sam­keit wird aller­dings nie­mand satt.

Mone­tä­re Erträ­ge sichern

Die Fra­ge, wie sich mone­tä­re Erträ­ge erzie­len las­sen, ist von der Auf­merk­sam­keit nicht gänz­lich zu ent­kop­peln – stei­gert doch die Auf­merk­sam­keit die Chan­ce auf mone­tä­re Erträ­ge, bringt sie aber nicht. Des­we­gen lau­tet die zwei­te Fra­ge: Wie lässt sich die Auf­merk­sam­keit mone­ta­ri­sie­ren? Musi­ker wis­sen, dass die Besu­cher­zahl ihrer Kon­zer­te höher ist, wenn mehr über sie gespro­chen wird oder mehr Men­schen ihre Musik online gehört haben. Foto­gra­fen wer­den viel­leicht nicht vom Sha­ren ihrer Bil­der online leben – aber sie wer­den die Chan­ce stei­gern, Pos­ter oder Dru­cke ihrer Fotos zu ver­kau­fen. Jour­na­lis­ten wer­den viel­leicht nicht für jeden Arti­kel oder jedes Pos­ting bezahlt – aber sie stei­gern die Chan­ce, even­tu­ell ein Buch ver­kau­fen zu kön­nen oder eine Fach­zeit­schrift zu pro­du­zie­ren. Das ist aber noch nicht alles.

An der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie par­ti­zi­pie­ren

Es gibt eine gewal­ti­ge Finanz­quel­le, die Geld dafür bezahlt, Auf­merk­sam­keit zu erhal­ten. Gemeint sind wer­be­trei­ben­de Unter­neh­men. Gan­ze Fern­seh­sen­der, Zeit­schrif­ten, Zei­tun­gen leben davon, attrak­ti­ve Inhal­te, die Auf­merk­sam­keit erwe­cken, zu pro­du­zie­ren und sichern sich die Finan­zie­rung durch Unter­neh­men, die in die­sen Auf­merk­sam­keits­raum ihre Bot­schaf­ten ein­schmug­geln. Urhe­ber in jedem Sin­ne sind Men­schen, die in der Lage sind, Auf­merk­sam­keit her­zu­stel­len – und kön­nen die Teil­ha­be an die­ser Auf­merk­sam­keit mone­ta­ri­sie­ren. Ein Skan­dal? Das fin­det doch bereits statt? Wie vie­le Foto­gra­fen leben vom direk­ten Ver­kauf ihrer Foto­gra­fi­en – wie vie­le dage­gen (zumin­dest teil­wei­se) von Auf­trä­gen der Wer­be­in­dus­trie? Wie vie­le Fil­me­ma­cher und Schau­spie­ler? Wie vie­le Dreh­buch­schrei­ber? Wie vie­le Musi­ker? Es lohnt eine Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem bestehen­den Schat­ten­reich der „Neben­jobs“.

Die Wege der zukünf­ti­gen Mone­te­ri­sie­rung sind viel­fäl­tig – von Goo­g­leAds im Blog über Spon­so­ring bis hin zu Auf­trags­pro­duk­tio­nen. Es ist eine Neu­auf­la­ge der öko­no­mi­schen Situa­ti­on der Renais­sance-Künst­ler, deren Wer­ke von der katho­li­schen Kir­che oder von Fürs­ten bezahlt wur­den. Nie­mand ist gezwun­gen, sich die­ser Form der Mone­ta­ri­sie­rung aus­zu­lie­fern –aber es gibt sie. Und wer sich dar­auf ein­lässt, wird sich dafür nicht nur vor sich selbst, son­dern in Zei­ten des Inter­nets auch zuneh­mend gegen­über sei­nen Fans und Freun­den ver­ant­wor­ten müs­sen. Das wie­der­um sorgt für einen zuneh­men­den Druck auf die finan­zie­ren­den Unter­neh­men. In der Ver­gan­gen­heit war es mög­lich, sich eine Auf­merk­sam­keit ein­zu­kau­fen, die eigent­lich Spiel­fil­me oder Seri­en sehen woll­te und Kurz­fil­me dazwi­schen zu schnei­den, die das Blaue vom Him­mel über gesund­heits­för­dern­de Lebens­mit­tel oder umwelt­freund­li­che Fahr­zeu­ge erzähl­ten. Das wird in Zukunft nicht mehr mög­lich sein. Auch die Unter­neh­men müs­sen sich nicht nur dar­um bemü­hen, Auf­merk­sam­keit durch ihre eige­nen, von Urhe­bern erstell­ten Inhal­te zu gewin­nen, son­dern sich dem mög­li­chen Gegen­wind im Netz stel­len. Die­se Macht soll­te nie­mand unter­schät­zen – die meis­ten Unter­neh­men begin­nen gera­de erst das zu ver­ste­hen.

Wo bleibt die kri­ti­sche Öffent­lich­keit?

Wenn wir uns in der Gesell­schaft einig sind, das wir eine unab­hän­gi­ge, kri­ti­sche Bericht­erstat­tung brau­chen, wer­den wir dafür 1.) bezah­len müs­sen und 2.) unse­ren eige­nen, unbe­zahl­ten Bei­trag leis­ten. Wir bezah­len für öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten und für unab­hän­gi­ge Thea­ter. Die­se Bei­trä­ge zur För­de­rung öffent­li­cher und unab­hän­gi­ger Inhal­te müs­sen nicht nur ver­tei­digt, son­dern ver­mut­lich aus­ge­baut wer­den. Unab­hän­gi­gen Publi­zis­ten und Künst­lern muss ein Ein­kom­men garan­tiert wer­den, das ihre Unab­hän­gig­keit bewahrt – wie, das bleibt zu dis­ku­tie­ren. Ob es — wie Kusanow­sky heu­te hier meint — auf dem Wege des Grund­ein­kom­mens mög­lich ist, wür­de ich mir wün­schen, bezwei­fe­le es aber man­gels prak­ti­scher Umsetz­bar­keit. Zudem ist die Teil­nah­me aller im Inter­net erfor­der­lich, die Erfah­run­gen und Wis­sen bei­steu­ern kön­nen. Öffent­lich­keit wird in Zukunft kei­ne Exklu­siv­auf­ga­be von weni­gen Mas­sen­me­di­en sein. Die Mas­se selbst wird das Medi­um sein. Auch wenn nicht jeder Bei­trag hono­riert wer­den wird.

§ One Response to Die Herausforderung des Internets an die Urheber

  • Hans Retep sagt:

    “Ein Text, Bild, Video, Musik­stück von mir, das wei­ter­ge­lei­te­te, auf ande­ren Platt­for­men gepos­tet wird, sorgt dafür, dass mei­ne Bekannt­heit steigt. Jeder Link zu mir eben­so. Nach klas­si­schem Urhe­ber­recht wäre das eine Rechts­ver­let­zung …”

    Dies ist miss­ver­ständ­lich und zeigt gera­de des­halb ein Pro­blem auf. Die behaup­te­te Rechts­ver­let­zung scheint sich aufs Ver­lin­ken zu bezie­hen. Dies ist aber gera­de kei­ne Rechts­ver­let­zung, wenn die Quel­le sau­ber ist. Gera­de die Mög­lich­keit des Ver­lin­kens geht in den Urhe­ber­rechts­de­bat­ten total unter. Dabei ist doch der Link das Cha­rak­te­ris­ti­sche am Web, nicht die Kopie der Kopie der Kopie. Aller­dings ist es so, dass vie­le Nut­zer das Besit­zen­wol­len der­art drin haben, dass Links über­haupt nicht zur Debat­te ste­hen. Ein Bei­spiel: Wür­de sämt­li­che Wer­ke Lori­ots auf einer Web­site der Lorio­t­er­ben so plat­ziert, dass sie driekt ver­link­bar wären, hät­te man eine Ori­gi­nal­quel­le ohne Risi­ko. Doch was wür­de pas­sie­ren? Vide­os wür­den sofort ohne Quel­len­an­ga­be bei You­tube in Dut­zen­den Accounts auf­tau­chen. Und an die­sem “Mecha­nis­mus” schei­tern alle schö­nen Ver­spre­chun­gen der “Auf­merk­sam­keit”. Ich erle­be das immer wie­der an mei­nen eige­nen Tex­ten. Sie wer­den kopiert, der Auto­ren­na­me weg­ge­las­sen und eine Quel­len­an­ga­be sowie­so nicht gesetzt. Auf­merk­sam­keit? Für den Kopie­rer ja. Wenn Nut­zer also nicht bereit sind, wenigs­tens die Grund­prin­zi­pi­en von Geben und Neh­men zu beach­ten, dann wür­de nur die tota­le Frei­ga­be aller Wer­ke nicht zu Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen füh­ren. Das Pro­blem ist folg­lich kein gesetz­li­ches, son­dern eher eins von Bil­dung und Erzie­hung.

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