Die (Neu)Entfaltung der szenischen Kraft – eine Antwort an Frank Kroll, Teil 1

Januar 7th, 2013 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Ich fürch­te, die Zeit für „mal aus­pro­bie­ren“, von der Frank Kroll schreibt, läuft ab. Es geht eher dar­um, neue Mög­lich­kei­ten ent­schlos­sen zu ergrei­fen, um Thea­ter die Kraft (wie­der) zu geben, die es hat­te oder haben könn­te. So mensch­lich ver­ständ­lich es ist, dass das Füh­rungs­per­so­nal nach jahr­zehn­te­lan­ger Bela­ge­rung durch Bud­get­spa­rer und Etat­kür­zer Ermü­dungs- und Ver­schleiß­erschei­nun­gen zeigt, so inak­zep­ta­bel ist es für die Insti­tu­ti­on und Kunst des Thea­ters. Es kann nur die Macht der Gewohn­heit sein, die den Blick für den Dorn­rös­chen­schlaf ver­schlei­ert, in dem Thea­ter sich befin­den. Und der, in die­ser Form fort­ge­setzt, all­mäh­lich und unbe­merkt in einen Big Sleep über­geht. Es ist eben nicht edler, die Pfeil und Schleu­dern des Geschicks zu dul­den, son­dern sich zu waff­nen gegen die­se See der Pla­gen und durch Wider­stand sie zu been­den. Wel­chen Weg der Wider­stand ein­schla­gen soll – das mag jedes ein­zel­ne Thea­ter für sich ent­schei­den. Nur Wider­stand gegen Kame­ra­lis­ten zu leis­ten aber heißt, die Kräf­te auf die fal­sche Flan­ke zu kon­zen­trie­ren. Hier ist nichts zu gewin­nen. Schon gar nicht durch späthon­ecker­haf­te „Thea­ter muss sein“ Auf­kle­ber auf Autos.

Die Bela­ge­rungs­si­tua­ti­on ent­steht ja nicht etwa aus über­mäch­ti­gen Geg­nern, son­dern sie ist selbst­ge­mach­ter Unbe­weg­lich­keit geschul­det.  Aller­dings gemischt mit dem feh­len­den Blick für mög­li­che Alli­an­zen – und dazu zäh­le ich eben die Schrei­ber (form­er­ly known as Auto­ren). Nicht in der Form einer Wie­der­ein­set­zung der Auto­ren­herr­schaft. Dar­über sind wir hof­fent­lich hin­weg. Die Fra­ge beant­wor­ten zu wol­len, ob die Büh­ne dem Text oder der Text der Büh­ne die­nen muss, ist eine Zeit­ver­schwen­dung, die sich Thea­ter in einer Situa­ti­on all­mäh­li­cher Aus­zeh­rung durch Rele­vanz- und Kraft­ver­lust einer­seits, Mit­tel­kür­zun­gen, Spar­ten- und Häu­ser­schlie­ßun­gen oder Zusam­men­le­gun­gen ande­rer­seits nicht mehr leis­ten kann. Ich fürch­te, wenn sich nicht grund­le­gen­des ändert, wer­den wir in weni­gen Jah­ren die berühm­te deut­sche Thea­ter­land­schaft nicht mehr haben. Dann wird es noch ein paar Groß­städ­te geben, die sich Thea­ter als Tou­ris­ten­ma­gne­ten leis­ten. Und mehr nicht. Ist das Schwarz­ma­le­rei? Mag sein. Aber gele­gent­lich sind schwar­ze Umriss­li­ni­en ganz hilf­reich, um die im Grau-in-Grau ver­bor­gen lie­gen­den Gestal­ten und For­men erkenn­bar wer­den zu las­sen.

Der fak­ti­sche Aus­schluss der Schrei­ber aus der thea­tra­len Kunst­pro­duk­ti­on ist für bei­de Sei­ten mehr als unbe­frie­di­gend: Die Schrei­ber pro­du­zie­ren auf eige­ne exis­ten­zi­el­le und finan­zi­el­le Rech­nung Tex­te, die gar nicht oder nicht in die­ser Form von Thea­tern gewollt wer­den. Und Thea­ter auf der ande­ren Sei­te bekla­gen sich, dass sie nicht die Tex­te bekom­men, die sie ger­ne hät­ten. Nur der expli­zi­te oder unaus­ge­spro­che­ne Streit, wer wes­sen die­nen­de Magd zu sein hat, hin­dert dar­an, zu einer ande­ren Form der Zusam­men­ar­beit zu fin­den. Dabei ist die Ant­wort so sim­pel wie nur etwas: nie­mand dient dem ande­ren, bei­de die­nen einer gemein­sa­men Idee. Mit unter­schied­li­chen Mit­tel und Werk­zeu­gen für einen gemein­sa­men Zweck.

Ja, aber wie?

Aller­dings ist es mit einem „na dann stel­len wir halt drei Schrei­ber­lin­ge ein und machen ansons­ten wei­ter wie bis­her“ nicht getan. Das kann man genau­so gut blei­ben las­sen. Das Wei­ter­ma­chen wie das Schrei­ber-ein­stel­len unter die­sen Vor­zei­chen. Ein Wei­ter­so-Thea­ter kann sich die Gesell­schaft nicht leis­ten – und das mei­ne ich nicht im finan­zi­el­len Sin­ne. Falls jetzt der Ein­druck ent­steht, ich wür­de die Mög­lich­kei­ten von Thea­ter in der Gesell­schaft über­schät­zen, hal­te ich dem ent­ge­gen: Das ist kein Frei­brief die Mög­lich­kei­ten von Thea­ter der­ma­ßen zu unter­schät­zen, wie es gegen­wär­tig Gang und Gäbe ist. Ziel von Thea­ter, ins­be­son­de­re von Thea­ter­lei­tung, ist nicht, die Plät­ze mög­lichst gut aus­zu­las­ten. Die Ziel­fra­ge lau­tet viel­mehr: Wofür lohnt es sich, die Plät­ze aus­zu­las­ten? Das Quan­ti­ta­ti­ve folgt dem Qua­li­ta­ti­ven, nicht umge­kehrt.

Die inhalt­li­che Dimen­si­on

Was wären denn the­ma­ti­sche Such- und Arbeits­fel­der. Ein kur­zes Brain­stor­ming dazu, das kei­ner­lei Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhebt, im Gegen­teil: es stellt ver­mut­lich nur einen Mini­mal­aus­schnitt der Mög­lich­kei­ten dar.

Mili­ta­ri­sie­rung

Seit nun­mehr 20 Jah­ren arbei­tet die deut­sche Poli­tik kon­ti­nu­ier­lich dar­an, den Satz, dass vom deut­schen Boden nie wie­der Krieg aus­ge­hen dür­fe, umzu­in­ter­pre­tie­ren, auf­zu­wei­chen, ins Gegen­teil zu ver­keh­ren. Deut­sche Bom­ber über Jugo­sla­wi­en, Deut­sche Eli­te­trup­pen am Hin­du­kusch, die deut­sche Kriegs­ma­ri­ne vor Afri­ka. Kein The­ma?

Mas­sen­me­dia­li­sie­rung

Spä­tes­tens seit Anfang der 80er Jah­re das Pri­vat­fern­se­hen Ein­zug in Deutsch­land gehal­ten hat, hat die Welt sich ver­scho­ben zu einer Medi­en­welt. „Was wir über unse­re Gesell­schaft, ja über die Welt, in der wir leben, wis­sen, wis­sen wir durch die Mas­sen­me­di­en“ schrieb Luh­mann. Die­se Ver­än­de­rung des Welt­ver­hält­nis­ses und in des­sen Gefol­ge not­wen­di­ger­wei­se des Menschen(bildes) – kein The­ma?

Digi­ta­li­sie­rung

Seit 20 Jah­ren sor­gen ver­netz­te und digi­ta­le Medi­en dafür, dass die Lebens- und Arbeits­welt völ­lig umge­krem­pelt wird. Kom­mu­ni­ka­ti­on und Infor­ma­ti­on sind omni­prä­sent, zugleich ver­schiebt die das Ver­hält­nis mensch­li­cher Gegen­wart und Abwe­sen­heit dra­ma­tisch. Netz­po­li­tik ist die­je­ni­ge Poli­tik, in denen in den nächs­ten Jah­ren die wesent­li­chen und wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen fal­len, die die The­men der bür­ger­li­chen und demo­kra­ti­schen Frei­heits­rech­te fun­da­men­tal betref­fen. Kei­ne Ahnung? Kein The­ma?

Euro­pa

Vor gut zwei­hun­dert Jah­ren ent­stan­den die ste­hen­den Büh­nen unter ande­rem aus der deutsch-natio­na­len Bewe­gung, die aller­dings nichts mit dem Deutsch­na­tio­na­len der Gegen­wart gemein hat (oder viel­leicht doch?). Euro­pa hin­ge­gen über­las­sen wir den Wirt­schafts- und Finanz­po­li­ti­kern. Gibt es kei­ne kul­tu­rel­le oder künst­le­ri­sche Visi­on, oder wenigs­tens eine mög­li­che Hal­tung zu einem trans­na­tio­na­len poli­ti­schen Gebil­de, wie es Euro­pa ist. Ist Opa Schmidt der Ein­zi­ge, von dem glaub­haft ver­nom­men wer­den kann, dass Euro­pa nach dem zwei­ten Welt­krieg mehr und ande­res sein soll­te und noch sein könn­te, als ein gemein­sa­mer Wäh­rungs­raum? Kein The­ma?

Arbeit

Das The­ma Arbeit scheint Thea­tern grund­sätz­lich völ­lig fremd zu sein. Was eigent­lich ist an melan­cho­li­schen Lie­bes­ge­schich­ten von Mitt­zwan­zig­jäh­ri­gen so viel inter­es­san­ter, als das The­ma der Arbeit als Weg des Men­schen, Sub­jekts, Bür­gers usw. zu sich selbst einer­seits, Weg in die Abhän­gig­keit, Aus­beu­tung ande­rer­seits? Kein The­ma, die Arbeit? Kein Arbeits­feld, das Feld der Arbeit?

Demo­kra­tie

Noch immer las­sen sich Spiel­plä­ne mit Königs­dra­men, Büh­nen mit Prin­zen und Prin­zes­sin­nen, Gra­fen, Her­zö­gen, Mar­qui­sen fül­len – aber wo sind, und ich wer­de nicht Müde, die­se Fra­ge zu stel­len, die Kanz­ler­dra­men? Sind Bis­marck, Brü­ning, von Papen, Hit­ler, Ade­nau­er, Brandt, Kohl, Schrö­der, Mer­kel kein The­ma? Ist Demo­kra­tie kein The­ma für Thea­ter? Hat man im Thea­ter den Ein­zug der Demo­kra­tie in der Umwelt über­se­hen? Ist er unin­ter­es­sant? Wenn es eines Bewei­ses bedürf­te für die Behaup­tung, dass Thea­ter noch nicht ein­mal im 20., geschwei­ge denn im 21. Jahr­hun­det ange­kom­men ist, dann sicher­lich die­ser, dass Demo­kra­tie kein The­ma ist.

Wirt­schafts­wan­del

Seit nun­mehr 30 Jah­ren wird gehan­delt vom Wan­del der Indus­trie- zur Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft. Mal davon gehört? Mal dar­über nach­ge­dacht, wie sich eine Gesell­schaft ver­än­dert, wenn aus der Selbst­ver­wirk­li­chungs­ideo­lo­gie, die das Selbst im Werk ver­wirk­licht wird, eine Gesell­schaft wird, in der ein jeder jedes Die­ner ist? Die aus Fri­seu­ren, Pizza­lie­fe­ran­ten, Ban­kern, Huren, Beam­ten besteht, anstatt aus Werk­tä­ti­gen? Und die sich zuneh­mend zu einer Gesell­schaft der Frei­be­ruf­ler und Selb­stän­di­gen wan­delt, in der der knech­ten­de Arbeit­ge­ber zugleich sein geknech­te­ter Arbeit­neh­mer ist? Kein The­ma? Ich den­ke, Schau­spie­ler sehen das in Kan­ti­nen­ge­sprä­chen ganz anders.

Thea­ter im wis­sen­schaft­li­chen und mas­sen­me­dia­len Zeit­al­ter

Iso­lier­te Ein­zel­schrei­ber, die zudem noch einen gro­ßen Teil ihrer Zeit dafür ver­wen­den müs­sen, sich einen Lebens­un­ter­halt zu ver­schaf­fen, die sie die Tin­te und das Papier, die Rech­ner und Dru­cker bezah­len lässt, kön­nen die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen The­men nicht satis­fak­ti­ons­fä­hig leis­ten. Denn jeder Schrei­ber muss heu­te vor allem erst ein­mal Leser sein. Im szi­en­tis­tisch-mas­sen­me­dia­len Zeit­al­ter der Gegen­wart scheint alles schon auf­ge­ar­bei­tet und durch­drun­gen, sind die Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en soge­nann­ter Exper­ten so geschlos­sen, dass sie zu durch­drin­gen oder anzu­grei­fen zunächst weit­läu­fi­ge Beschäf­ti­gung mit Dis­kus­si­ons­stän­den vor­aus­setzt, um sich nicht dem berech­tig­ten Vor­wurf der Igno­ranz, Dumm­heit aus­zu­set­zen, oder sich durch genüss­lich vor­ge­tra­ge­ne „Fach“-Argumente aus dem Feld schla­gen zu las­sen. Zudem ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass eini­ge die­ser Ver­öf­fent­li­chun­gen auch als Inspi­ra­ti­ons­quel­le die­nen kön­nen – dafür aber gilt es zumeist, sich bis in die Win­kel wis­sen­schaft­li­cher Hetero­do­xie oder in mas­sen­me­dia­le Rand­be­rei­che vor­zu­wa­gen. Die Zeit will erst ein­mal gehabt sein!

Sel­ber kochen!

Als dra­ma­tur­gi­scher Spiel­pla­ner wür­de ich mich schä­men, in den Con­ve­ni­en­ce-Super­märk­ten der dra­ma­ti­schen Tra­di­ti­on ein­zu­kau­fen und hin­ter­her zu behaup­ten, dar­aus wür­de zeit­ge­mä­ße künst­le­ri­sche Ware auf­ge­tischt wer­den. Mit den Tüten­sup­pen aus dem Hau­se Shake­speare, Goe­the, Schil­ler, Tsche­chow lässt sich nichts Heu­ti­ges zau­bern. Es gibt kei­ne krea­ti­ve Küche mit Mag­gi Tüten­sup­pe. Wür­de es doch bloß Küchen­chefs oder Koch­pro­fis geben, die durch die Dra­ma­tur­gi­en fuhr­wer­ken und die­ses gesam­te dra­ma­ti­sche Junk-Food und die Fer­tig­wa­re ein­fach ent­sorg­ten. Das Igno­rie­ren von Zube­rei­tungs­an­wei­sun­gen und Ser­vier­vor­schlä­gen hat nichts mit Krea­ti­vi­tät zu tun. Und ein kri­tisch-künst­le­ri­scher Umgang mit der Gegen­wart ist damit aus­ge­schlos­sen. Sich dabei ins Bocks­horn jagen zu las­sen von der tita­ni­schen Über­macht der kano­ni­schen Tex­te der Tra­di­ti­on ist fei­ge und fällt hin­ter jedes „sape­re aude“ weit zurück.

Ein Pol­lesch aber und eine Jel­li­nek sind zu wenig, um all das zu stem­men, was zu stem­men wäre. Und so lan­ge tech­nisch kein Klo­nen sol­cher Schrei­ber mög­lich ist, solan­ge zudem Soli­tä­re von ähn­li­cher Bril­li­anz, Intel­li­genz und Sprach­macht rar gesät sind, so lan­ge ist das Kol­lek­tiv der bes­te Weg weg von den Tüten­sup­pen.

Selbst die alten Tüten­sup­pen wol­len aller­dings gele­sen sein – wer Dra­men schrei­ben will, muss das Dra­ma nicht neu erfin­den. Viel­leicht las­sen sich die Rezep­tu­ren der alten Klas­si­ker wie­der ver­wen­den und mit neu­en sprach­li­chen Ingre­di­en­zi­en auf­fri­schen. War­um neue Plots erfin­den, wenn die vor­han­de­nen noch ganz taug­lich als Rezept­vor­la­gen sind? Dazu gibt es kei­ner­lei „sta­te of the art“. Wer für Thea­ter zu schrei­ben beginnt, kann sich auf kei­nen ästhe­tisch-hand­werk­li­chen Refle­xi­ons­stand bezie­hen. Es gibt ihn nicht. Ein paar Bücher zur Form des Dra­mas, die ganz taug­lich sind. Aber kei­nen ech­ten Dis­kurs, kei­ne Dis­kus­si­on, kei­ne Form- und Stil­leh­ren, aus denen zu ler­nen, an denen sich abzu­ar­bei­ten wäre. Jeder Schrei­ber beginnt bei der Neu­erfin­dung des Rades. Und kann das Schei­tern schon abse­hen – zumal wenn die Siche­rung des Lebens­un­ter­halts es aus­schließt, erst ein­mal eine Rei­he von Fehl­ver­su­chen unbe­scha­det hin­zu­le­gen. A for­tio­ri wenn die Iso­la­ti­on des Schrei­bers dazu führt, all­zu lan­ge ein im Ansatz totes kon­zep­tio­nel­les Pferd zu rei­ten.

Alle am Stadt­thea­ter betei­lig­ten Kräf­te wer­den mit Beginn einer Pro­duk­ti­on bereits finan­zi­ell ent­lohnt und abge­si­chert. Kein Schau­spie­ler probt unbe­zahlt (ich bin schon auf Kom­men­ta­re gespannt, die unge­heu­er­li­che Ent­wick­lun­gen am heu­ti­gen Stadt­thea­ter auf­de­cken – für aus­ge­schlos­sen hal­te ich es nicht), kein Kos­tüm­bild­ner stellt Kos­tü­me auf eige­ne Rech­nung her, kein Regis­seur lässt sich dar­auf ein, even­tu­ell nach der Pre­mie­re eine Ent­loh­nung in unbe­kann­ter Höhe zu erhal­ten. Dem Schrei­ber wird hin­ge­gen die vol­le Wucht der Markt­wirt­schaft auf die Schul­tern geschubst: Schreib mal schön fer­tig, dann schau­en wir, obs gespielt wird und wie­viel du bekommst. Und glau­be bloß nicht, du könn­test sicher sein, dass die Ent­loh­nung den Lebens­un­ter­halt wäh­rend der ver­gan­ge­nen oder nächs­ten Text-Pro­duk­ti­ons­zeit deckt. Wie rea­li­täts­fern müs­sen Thea­ter­leu­te sein, um zu glau­ben, dass unter die­sen Bedin­gun­gen satis­fak­ti­ons­fä­hi­ge Tex­te ent­ste­hen? Immer­hin kann man ja zur not noch immer auf die Tüten­sup­pen zurück­grei­fen. Die Rega­le sind ja voll.

Die orga­ni­sa­to­ri­sche Dimen­si­on

Es reicht nicht aus, ein paar Schrei­ber zum alten Betrieb zu addie­ren. Um die neu­en The­men­wel­ten und die neu­en Mög­lich­kei­ten anzu­ge­hen, um das Publi­kum der Gegen­wart zu fas­zi­nie­ren und wie­der der gesell­schaft­li­che Magnet zu wer­den, ste­hen grund­le­gen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Ände­run­gen auf dem Plan. Und vor allem steht die Pla­nung zur Dis­po­si­ti­on. Was das heißt – dazu mehr im nächs­ten Pos­ting.

 

§ 2 Responses to Die (Neu)Entfaltung der szenischen Kraft – eine Antwort an Frank Kroll, Teil 1"

  • kai bremer sagt:

    Die Dis­kus­si­on, die Du hier anschiebst, wird hof­fent­lich breit fort­ge­führt. Sie ist sehr wich­tig. Viel­leicht betei­li­gen sich ja auch mal ein paar Stim­men aus den Thea­tern. Zu wün­schen wär’s.
    Zwei Nach­fra­gen oder auch Kri­tik­punk­te habe ich:
    Zum einen fra­ge ich mich, wie denen zu begeg­nen ist, die Dei­ne Mei­nung nicht tei­len, dass die Zeit abläuft (damit steht und fällt die behau­te­te Not­wen­dig­keit). Ich tei­le grund­sätz­lich Dei­ne Mei­nung, auch wenn ich nicht ganz so pes­si­mis­tisch bin. Aber wie über­zeugt man die­je­ni­gen, die Thea­ter machen, und vor allem die­je­ni­gen, die im Hin­ter­grund Thea­ter ver­wal­ten, davon, dass Dei­ne Hin­wei­se mehr sind als das all­täg­li­che Kri­sen­ge­re­de, dem man schließ­lich ohne Umschwei­fe Mül­lers “Thea­ter ist Kri­se” ent­ge­gen­hal­ten kann.
    Zum ande­ren: War­um ver­bin­dest Du Dei­ne struk­tu­rel­le Pro­gram­ma­tik mit ästhe­ti­schen For­de­run­gen. War­um der Ver­weis auf Pol­lesch und Jeli­nek? War­um The­men, die angeb­lich anste­hen. Ich könn­te mir’s leicht machen und sagen, die meis­ten genann­ten The­men hat Rich­ter schon vor mehr als einem Jahr­zehnt in “Peace” ver­han­delt. Aber dar­um geht’s nicht. Ich den­ke, Dei­ne For­de­run­gen sind struk­tu­rel­ler Natur, die soll­te man nicht inhalt­lich mit ästhe­ti­schen und inhalt­li­chen For­de­run­gen kom­bi­nie­ren, son­dern lie­ber einem Thea­ter­kol­lek­tiv über­ant­wor­ten, wenn’s dann da ist.

  • Postdramatiker sagt:

    “Pro­gno­sen sind schwie­rig, ins­be­son­de­re wenn sie die Zukunft betref­fen” — Karl Valen­tin. Inso­fern ist natür­lich auch die Zukunfts­ma­le­rei für Thea­ter jeden­zeit nur so vali­de, wie der Glau­be, den man der Pro­gno­se schenkt. Trotz­dem den­ke ich, dass sich doch eini­ge Anzei­chen dafür zei­gen, dass Thea­ter nicht qua Bestand schon das Wei­ter­be­stehen gesi­chert ist. Ob man sich dem anschließt oder nicht — das bleibt letzt­lich jedem selbst über­las­sen.
    Zum zwei­ten Punkt: Auch die Auf­zäh­lung von Auto­ren ist nicht abschlie­ßend — jede Hin­zu­ad­di­ti­on ist will­kom­men, ändert aber an dem struk­tu­rel­len The­ma nicht wirk­lich etwas. Auch die The­men­auf­zäh­lung ist Ergeb­nis einer Ver­fer­ti­gung von Gedan­ken beim Schrei­ben. Ande­re The­men? Selbst­ver­ständ­lich. Mir geht es letzt­lich in die­sem Pos­ting dar­um, dass sich mehr sze­ni­sche Kraft ent­fal­ten lässt, wenn man sich mit Schrei­bern zusam­men­tut.
    Den­noch sind die The­men auch nicht gänz­lich will­kür­lich gewählt. Wenn man Thea­ter eine gesell­schaft­li­che Posi­ti­on oder Funk­ti­on zuschreibt (das tue ich au Über­zeu­gung), dann sind dies The­men, die die Gesell­schaft umtrei­ben oder noch mehr umtrei­ben müss­ten. Und die die Bün­de­lung der sze­ni­schen Kräf­te sehr gut ver­tra­gen könn­ten. Eine Mei­nung.

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