Die Telefonstrippenzieherdenke der #Drosselkom und warum der Schuss ins eigene Knie geht

Mai 16th, 2013 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Die Telekom versteht sich traditionell als Verbinder zwischen zwei Punkten: Erleben, was verbindet – lautet ihr Claim. Das hat sie seit ewigen Zeiten gemacht, da sie Kabel in der Erde vergrub. Sie scherte sich wenig darum, dass es zwei Endpunkte gab und was diese Endpunkte miteinander zu tun hatten. Die Kosten zu tragen hatte, wer den Hörer in die Hand nahm, um jemand anderen anzurufen. Gelegentlich auch die andere Seite. Mit den Inhalten hatte die Telekom nichts zu tun. Sie stellt einen Service bereit, der zwei Punkte zum zweck des Inhaltsaustauschs miteinander verbindet. So einfach, so blind. Telefonstrippenziehertradition mit Telefonstrippenzieherdenke und Telefonstrippenziehergebührenabrechnungsmodell.

Jenseits der Strippenzieherei

Die Telekom berechnet Gebühren für die Nutzer von Internetanschlüssen und behandelt sie wie Telefonanschlüsse: Wir verbinden, dafür bekommen wir Geld. Die Inhalte sind uns egal, dafür muss niemand bezahlen. Warum sollte die Telekom dem Enkel Geld bezahlen, weil er die Oma dazu bringt, ihn besorgt anzurufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen? Reicht ja, wenn der Enkel nichts zahlen muss dafür, dass er angerufen wird. Ein Webseite wie den Neffen zu behandeln ist – Telefonstrippenzieherdenke.

Um der Klarheit willen ein anderer Vergleich. Eine Zeitung. Sagen wir also, eine Zeitung sei eine gewisse Menge Papier, die jeden morgen verkauft wird. Der Zeitungsverleger ist ein Papierverkäufer. Der Käufer kauft das Papier. Dass da etwas darauf steht, das interessiert den Zeitungsverkäufer nicht. Obwohl der Zeitungskäufer die Zeitung des Inhalts wegen kauft und nicht etwa des Trägermediums halber. Da er sich für Inhalte nicht interessiert, zahlt der Zeitungsverleger dem Journalisten auch kein Geld. Vielmehr darf der Journalist in der Telekom-Tageszeitung froh sein, dass er nicht noch bezahlen muss dafür, dass seine Inhalte weitergereicht werden.

Absurd? Ja, natürlich. Aber es spiegelt ziemlich genau die aktuelle Situation des Internets wieder. Die Telekom – und alle anderen Carrier – verlangen Geld lediglich für die Bereitstellung des Trägermediums „Leitung“ oder „Funkverbindung“. Der Empfänger zahlt für die Bereitstellung der Leitung. Der Anbieter der Inhalte – ist für die Telekom grundsätzlich nicht interessant und erhält auch keine Vergütung dafür.

Das Stillhalteabkommen zwischen Strippenziehern und Inhaltslieferanten

Die Konsequenz: Telekommunikationsanbieter machen ordentliches Geld mit den Verbindungs-Erlebnissen. Die Inhaltsproduzenten (Journalisten, Künstler, Blogger, Fotografen, Filmemacher) gehen weitgehend leer aus. Die Kunden wollen ja schließlich nur die Papier-Leitung haben. Für die Inhalte – möge jemand anderes sorgen. Das haben sich die Inhalteanbieter lange gefallen lassen. Zeitungsverleger suchen zwar nach Wegen, ihre Inhaltsangebote zu kommerzialisieren – aber ohne dabei die Zeitungsausträgerstrippenzieher in Betracht zu ziehen, wenn es um Einnahmen geht. Der Internetnutzer zahlt seine 20-30 Euro pro Monat für die Strippenverbindung – die Inhalte, derentwegen er die Strippen überhaupt nutzt, bezahlt er durch die Grundgebühr nicht, ist zudem unwillig gegen weitere Bezahlvorgänge für Inhalte. Warum auch – was ich auf dieser Page bezahlen muss, bekomme ich anderswo umsonst. Die Inhalteanbieter schauen mehr oder minder tief in die Röhre.

Dieses Stillhalteabkommen könnte allerdings mit der gegenwärtigen Bewegung der Telekom ins Wanken geraten. Und man möchte es sich fast wünschen. Wenn die Telekom bandbreitezehrenden Anbietern die Zugänge zu ihren Kunden erschwert, wenn also ein Zweiklassennetz eingeführt wird für Video-Anbieter, bei dem diese Anbieter zukünftig gar Geld zahlen sollen dafür, dass sie zuverlässig zu den Nutzern geleitet werden – warum dann nicht den Spieß umdrehen. Google gehört nicht unbedingt zu Unternehmen, die sich kampflos kaltstellen lassen. Warum sollte Google (lassen wir die technischen Details beiseite) dann nicht von der Telekom Geld dafür verlangen, dass YouTube Inhalte den Telekom-Kunden zur Verfügung gestellt werden? Warum im ersten Schritt nicht einfach Telekom-Kunden den Zugriff auf YouTube abschneiden? Blocken? „Als Kunde der Telekom dürfen Sie die Leitungen Ihres Anbieters nutzen – aber nicht um unsere Angebote kostenlos anzuschauen.“

Am Ende steht der Zeitungsverleger mit unbedrucktem Papier da, der Zeitungsjunge versucht, unbedruckte Zeitungen an den Mann und die Frau zu bringen. Und wenn jemand fragt: Aber warum steht da nichts? Antwortet der Zeitungsjunge: Inhalte? Sind Sie verrückt? Bei mir bekommen Sie eine Zeitung? Für Inhalte gehen Sie doch … weiß ich auch nicht wohin.

Der Content schlägt zurück?

Die Telekom hat die Büchse der Pandora hinsichtlich der Abschaffung der Netzneutraliät gerade einen Spaltbreit geöffnet, im Wunsch, ein paar lausige Kröten mehr dafür zu verdienen, dass einige Kunden sich ganz ganz dicke Zeitungen wünschen (Getreu dem Strippenziehermotto „Fasse dich kurz“). Ist die Büchse erst ganz offen – wird die Telekom sich vermutlich die Augen reiben. Dann kann sie ihren Kunden leere Leitungen anbieten. „Diese Webseite ist für Kunden der Telekom nicht zugänglich. Wenn Sie diese Inhalte sehen wollen, werfen Sie eine Münze ein.“. Das könnte den Inhalteanbietern durchaus hübsche Perspektiven eröffnen. Dass dafür die Netzneutralität geopfert werden soll, letztlich nur deswegen, weil die Strippenzieher ihre eigene Arbeit nicht vernünftig machen, nämlich hinreichend bandbreitige Strippen durch das Land zu ziehen, ist unerträglich.

Die Telekom will mehr Geld, um das weiter schlecht zu machen, was sie bisher grauenvoll schlecht macht: Strippen zu ziehen, die hinreichende Bandbriete für alle Interessenten bereitstellen. Dafür opfert sie die Netzneutralität und eröffnet Überwachungsfreunden einen Spielraum, vom dem die Stasi nur räumen konnte.

Liebe Strippenzieher, wer sagt euch eigentlich, dass Google das Strippenziehen nicht als eine relativ simple Tätigkeit entdeckt und findet, dass es mal schnell gemacht werden kann, die Nutzer in Deutschland mit wirklich rasanten Zugängen zu versorgen? Google hat mit den Zeitungsverlegern, die ihr Papier so geliebt haben, ja schon gezeigt, wie man mit solchen Urweltgeschöpfen umgeht. Telefonstrippenzieher sind vielleicht die nächsten Urweltgeschöpfe, die dem Fortgang der Evolution nur von ganz, ganz hinten zusehen können.

Vielleicht wird es denen nutzen, die im Überlebenskampf der Papierverkäufer als erstes über Bord gegangen sind: den Inhalteanbietern. Auf jeden Fall wird es allen schaden, die ein neutrales und offenes Netz als Grundlage einer stabilen, demokratischen, offenen, emanzipatorischen Netzgesellschaft nutzen wollen. Und das sind übrigens: alle.

 

 

 

 

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§ 2 Responses to Die Telefonstrippenzieherdenke der #Drosselkom und warum der Schuss ins eigene Knie geht"

  • Roland sagt:

    Das würde ja darauf hinauslaufen, dass wir eine Internet-GEMA einführen. So, wie jede Kneipe GEMA Gebühren zahlen muss, um Musik abspielen zu dürfen, muss jedes Strippenzieher Unternehmen eine Gebühr an die Internet-GEMA zahlen. Das Geld wird auf alle nach einem Schlüssel verteilt. Die großen Stars (YouTube) bekommen mehr, die kleinen Nischenkünstler (Blogger) weniger.
    Ein sehr interessanter Gedanke :)

  • Postdramatiker sagt:

    Was wünschenswert ist, spielt dabei übrigens zunächst keine Rolle. Ich beschreibe nur, welches Fass die Telekom selbst damit aufmacht. Die „Leermedienabgabe“ für den Netzzugang oder Klick-GEMA sehe ich nicht, das ist, glaube ich auch alles schon in den letzten Jahren lang und breit diskutiert. Und ist weit entfernt von einer Lösung. Aber ich denke mir gerade, was wohl passiert, wenn die Verleger-Lobby aufwacht und auf den Gedanken kommt, dass mit den journalistischen Inhalten vielleicht gar nicht Google in erster Linie Reibach macht – sondern die Zugangsprovider … :-) Und ein Leistungsschutzrecht für letztere gefordert würde. Es kann ein munteres Scharmützel werden.

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