Gerechtigkeit und Gesetz – Ergänzungen zum Radbruch-Posting

Juni 3rd, 2010 Kommentare deaktiviert für Gerechtigkeit und Gesetz – Ergänzungen zum Radbruch-Posting Autor: Ulf Schmidt

Vorhin hatte ich hier gepostet, wie schwer mich Gustav Radbruchs „Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht“ beeindruckt hat. Zwischenzeitlich fällt mir auf, dass sich das mit meinem Interesse an Occams Erwägungen trifft, die die Letztentscheidung der Laien in der Kirche noch über den Klerikern sehen. Hatte ich vor Jahren in seinem großartigen Dialogus gelesen. Wikipedia fasst zusammen:

Er erörterte die theoretische Möglichkeit, dass alle Kleriker der Welt in einer Glaubensfrage irren könnten. Dazu bemerkte er, in diesem Falle müssten Laien, auch falls sie nur wenige und theologisch gänzlich ungebildet seien, auf ihrem Standpunkt beharren; sie seien dann die Kirche und die qualifizierten Richter der Geistlichkeit. Er hielt es sogar für möglich, dass die gesamte Kirche außer einer einzigen Person, die sogar ein unmündiges Kind sein kann, einer falschen Lehre verfällt. Dann bestehe die wahre Kirche aus dieser einen Person. (hier)

Zwischenzeitlich fand ich beim Rumsurfen auch noch ein Aquin-Zitat, das ich recht eindrucksvoll in diesem Themenkreis finde:

»Zu 1. Wie das geschriebene Gesetz dem Naturrecht nicht die [verpflichtende] Kraft erst gibt, so kann es auch seine Kraft nicht mindern oder aufheben; denn auch der menschliche Wille kann die Natur nicht ändern. Wenn deshalb das geschriebene Gesetz etwas gegen das Naturrecht enthält, ist es ungerecht, und hat nicht die Kraft zu verpflichten; denn nur dort kommt das geschaffene Recht überhaupt in Frage, wo es dem Naturrecht gegenüber nichts ausmacht, ob etwas so oder anders bestimmt ist. Deshalb werden solche Schriften auch nicht Gesetze genannt, sondern eher Verderbnis des Gesetzes.«

Th. v. Aquin, summa theologica, Antwort auf die 60. Frage Art. 5 (Muß das Urteil immer den geschriebenen Gesetzen entsprechend erfolgen?) (hier)

Aquin konnte sich noch auf Naturrecht als Prüfstein für positives Recht berufen. Gibt man zu, dass diese Form der letztbegründung des Rechts und der Gesetze in der Moderne obsolelt geworden ist, muss daraus eine geradezu abgrundtiefe Kontingenz entstehen. Das positive Gesetz hat – keinen letzten Grund. Finis veritatis, incipit democratia.

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