Jenseits des Wachstums

Januar 9th, 2010 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen — hät­te mich jemand vor eini­gen Tagen gefragt, was ich von Mein­hard Mie­gel hal­te, hät­te ich ver­mut­lich ihn und Hans-Wer­ner Unsinn in einen Topf gewor­fen und behaup­tet, von sol­chen Hoch­not­gest­rig­kei­ten hiel­te ich nicht nur nichts son­dern stün­de ihnen dia­me­tral gegen­über. Nun bin ich zufäl­lig im TV (dass es das noch gibt …) beim Zap­pen (dass es das noch gibt) über Moni­tor (dass es das noch gibt) und einen inter­es­san­ten wirt­schafts­kri­ti­schen Bei­trag (dass es das noch gibt) gestol­pert (hier der Inhalt als PDF), in der sich Herr Mie­gel dar­über ver­brei­te­te, wie dümm­lich das Fest­hal­ten an der Wachs­tums­ideo­lo­gie und dar­aus abge­lei­te­ten Wachs­tum­be­schleu­ni­gungs­ge­set­zen sein.

Hm.

Nun ist in Zei­ten wie den Gegen­wär­ti­gen nicht unbe­dingt erkenn­bar, wel­ches Inter­es­se dahin­ter steckt, zumal die Ver­tre­ter der “Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft” (und hier das kri­ti­sche INSM-Watch­blog)eher nicht zu den fort­schritt­lich und unkon­ven­tio­nell den­ken­den Zeit­ge­nos­sen zäh­len. Will er damit die Bür­ger dar­an gewö­nen, dass es kein Lohn‑, Gehalts‑, Ren­ten­stei­ge­run­gen mehr gibt? Dass alles schlech­ter wird für die, denen es sowie­so schon schlech­ter geht? Oder denkt da jemand tat­säch­lich nach? Dann bin ich über die­ses Inter­view in der FAZ (oha …) gestol­pert. Und noch etwas nach­hal­ti­ger irritiert.

Ich erlau­be mir, eini­ge Zita­te aus die­sem Interview:

Zur­zeit sind wir eine völ­lig durch­mo­ne­ta­ri­sier­te, auf Wachs­tum fokus­sier­te Gesell­schaft. Alles ande­re ist dem unter­ge­ord­net. Zum Teil hat das bei­na­he mani­sche Züge ange­nom­men, zum Bei­spiel wenn die Fami­li­en­mi­nis­te­rin sinn­ge­mäß erklärt, eine nach­hal­ti­ge Fami­li­en­po­li­tik stär­ke das wirt­schaft­li­che Wachs­tum und stei­ge­re die drin­gend benö­tig­ten Ren­di­ten. Oder wenn die Bedeu­tung des Sports nach des­sen Bei­trag zum Brut­to­in­lands­pro­dukt bewer­tet wird. Ähn­li­ches lässt sich für Bil­dung und Kunst sagen. Immer wie­der heißt es: Was brin­gen sie für die Meh­rung unse­res mate­ri­el­len Wohl­stands? Irgend­wie ist es wie im Mit­tel­al­ter. Nur dass damals alles im Diens­te der Theo­lo­gie stand. Jetzt steht es im Diens­te des Wachstums.

Was ist eigent­lich so schlimm dar­an, wenn das Wirt­schafts­vo­lu­men in Deutsch­land auf das Niveau von 2005 zurück­geht? Das waren doch wirk­lich kei­ne Elends­zei­ten. Nein, unse­re Gesell­schaft ist der­ma­ßen auf Wachs­tum getrimmt, dass selbst beschei­de­ne Rück­schrit­te als Kata­stro­phe emp­fun­den werden. […]

Zu wis­sen, wie bis­her geht es nicht wei­ter, ist das eine. Aber wie soll, wie wird es wei­ter­ge­hen? Das ist das ande­re. Und auf die­se Fra­ge haben alle Par­tei­en im Kern wie­der nur die Ant­wort: durch Wachs­tum. Das ist nicht genug. So viel Ideen­ar­mut verunsichert.

Die Qua­li­tät einer Gesell­schaft bemisst sich nicht zuletzt an ihrer Fähig­keit, zwi­schen indi­vi­du­el­ler Wert­schät­zung und wirt­schaft­li­chem Sta­tus zu unterscheiden

Die gan­ze Gesell­schaft ist gedopt.

Hm, da lässt sich so eini­ges unter­schrei­ben. Den Dia­gno­sen also zuge­stimmt — bleibt nun die Fra­ge, was dar­aus folgt? Wie lässt sich die For­de­rung erfül­len, eine Gesell­schaft zu schaf­fen, die auch unter wachs­tums­ar­men, wachstum­lo­sen oder rezes­si­ven Wirt­schafts­be­din­gun­gen noch lebens­wer­te Gesell­schaft ist. Und ein Sozi­al­we­sen, dass die unte­ren Schich­ten nicht als Ers­te vom Wachs- und Reich­tum abschnei­det. Viel­leicht tat­säch­lich durch das Grund­ein­kom­men? Jeden­falls die ein­zi­ge intel­li­gen­te Uto­pie, die weit und breit zu sehen ist.

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