Macht und Digitaldemokratie – ein erster Versuch: Demokratie ist das Problem für eine Lösung

März 8th, 2012 § 6 comments Autor: Ulf Schmidt

Nur den Begriff „Par­ti­zi­pa­ti­on“ in den Raum zu rülp­sen und sich danach um eine tech­no­lo­gi­sche Lösung wie Adho­cra­cy zu bemü­hen, ist dem Pro­blem der Demo­kra­tie unan­ge­mes­sen. „Pro­blem“ ist hier inso­fern bewusst als Begriff gewählt, als Demo­kra­tie noch nie eine Lösung, son­dern das Pro­blem für eine Lösung war, die dem Pro­blem vor­aus­ging. Das heißt: Demo­kra­tie als Pro­blem ent­steht erst, wenn die Lösung nicht mehr hin­nehm­bar ist, die dem Pro­blem vor­aus­ging. Demo­kra­tie macht aus einer Lösung ein Pro­blem. Und stellt die Pro­ble­ma­tik auf Dau­er. Demo­kra­tie ist das Pro­blem das bleibt, um die Lösung zu ver­mei­den, die dem Pro­blem vor­aus­ging.

Die Lösung heißt: Macht­aus­übung und Herr­schaft – zu die­ser Lösung ver­hält sich Demo­kra­tie des­we­gen als Pro­blem, als sie die ein­fa­che Lösung wie es die Des­po­tie oder Tyran­nis wären pro­ble­ma­ti­siert, ver­fei­nert, ver­kom­pli­ziert. Demo­kra­tie insti­tu­tio­na­li­siert eine Viel­zahl an Ver­fah­ren und Pro­zes­sen, die die ein­fa­che Lösung der Herr­schaft über­haupt erst pro­ble­ma­ti­sier­bar machen. Dass es dabei nur drum gin­ge, die Posi­ti­on des abso­lu­ten Allein­herr­schers durch „das Volk“ oder (bereits ein wei­te­res Pro­blem) „die Mehr­heit der Stimm­be­rech­tig­ten“ z erset­zen, ist ein Miss­ver­ständ­nis, das zwar ver­brei­tet aber letzt­lich fatal ist. Demo­kra­tie orga­ni­siert Macht­ver­hält­nis­se als kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge und ver­wan­delt gro­ße Ein­zel­ent­schei­dun­gen in kom­pli­zier­te, mehr­stu­fi­ge Pro­zes­se mit Ein­spruch- und Revi­si­ons­mög­loich­kei­ten, schafft das Pro­blem der Mehr­heits- und Dis­sens­or­ga­ni­sa­ti­on und ver­sucht, s durch Pro­zes­sua­li­sie­run­gen auf­zu­lö­sen.

Ent­schei­dun­gen wer­den nicht bes­ser, wenn sie nicht von einem son­dern von einer Mil­li­on Idio­ten getrof­fen wer­den. Sie wer­den zwar akzep­ta­bler für die­je­ni­gen, deren Stim­men zur ent­schei­den­den Mehr­heit bei­ge­tra­gen haben. Sie schaf­fen und ver­schär­fen aber zugleich gesell­schaft­li­che Gegen­sät­ze, indem die Unter­le­ge­nen sich von der Mehr­heit über­mäch­tigt, nicht ernst oder wahr genom­men oder eben als Ver­lie­rer sehen. Mehr­heits­ent­schei­dun­gen schaf­fen unter­le­ge­ne Min­der­hei­ten, die sich nicht ver­ant­wor­ten müs­sen – im Gegen­satz zur Ent­schei­dung einer legi­ti­mier­ten Herr­schaft, die sich für eben die­se Ent­schei­dung gegen­über dem Gesamt der Stimm­be­rech­tig­ten ver­ant­wor­ten muss.

Die Demo­kra­tie und die Macht

Das Pro­blem der Demo­kra­tie anzu­ge­hen setzt eine Betrach­tung der Kra­tie vor­aus, der Macht­aus­übung oder Herr­schaft, deren Kern in der Macht liegt. Ohne Aus­ein­an­der­set­zung mit Macht ist weder Demo­kra­tie noch Par­ti­zi­pa­ti­on auch nur ansatz­wei­se ver­ständ­lich oder im Ein­zel­fall bewertbar. Macht ist dabei jeder­zeit ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Ver­hält­nis. Die klas­si­che Weber’sche Defi­ni­ti­on, Macht sei die Mög­lich­keit, den Ent­schei­dungs­spiel­raum eines ande­ren ein­zu­en­gen und ihm eine vor­ge­ge­be­ne Ent­schei­dung über­neh­men zu machen (“Macht bedeu­tet jede Chan­ce, inner­halb einer sozia­len Bezie­hung den eige­nen Wil­len auch gegen Wider­stre­ben durch­zu­set­zen, gleich­viel wor­auf die­se Chan­ce beruht.”), ist im ver­brei­te­ten Ver­stän­nis die­ser For­mu­lie­rung bereits zu weit ent­fernt von den ele­men­ta­ren Pro­zes­sen der Macht, die ein­set­zen, wo Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­setzt.

Es gibt kei­ne mono­lo­gi­sche Macht. Macht setzt erst ein, wo Kom­mu­ni­ka­ti­on im Dia­log ansetzt. Das heißt: In genau dem Moment, wo ein Dia­log beginnt. Bereits in die­sem ers­ten Beginn ist die Macht im Spiel. Es ist die Zumu­tung, reden zu dür­fen und hören zu müs­sen. Oder reden zu müs­sen und hören zu dür­fen. Die­ser Zusam­men­hang ist zukünf­tig wei­ter aus­zu­lo­ten, im ers­ten Agang ist sie ledig­lich zu plau­si­bi­li­sie­ren und lebens­welt­lich zu fun­die­ren.

Die Macht des Tele­fons

Es ist egal, um wel­che Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on es sich han­delt, wel­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en im Spiel sind. Macht setzt ein sowohl bei münd­li­cher, wie bei schrift­li­cher oder fern­münd­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie ist auch im Netz am Wer­ke. Auch hier im Blog.

Ein­fach zu ver­ste­hen ist das Macht­ver­hält­nis am Phä­no­men des Tele­fo­nie­rens. Das lau­te Schel­len des Tele­fons in einer Woh­nung oder am Arbeits­platz ist ein Appell (im Fran­zö­si­schen ist „appe­ler“ sogar die Voka­bel für den Anruf). Es ist der Appell zum Ein­tritt in die Kom­mu­ni­ka­ti­on, dem sich zu ent­zie­hen schwer ist. Das klin­geln­de Tele­fon übt eine Form von Macht auf den Ange­ru­fe­nen aus, wirkt wie eine Fern­be­die­nung, die den Ange­ru­fe­nen dazu bringt, die aktu­el­le Tätig­keit zu unter­bre­chen, sich viel­leicht zu erhe­ben und zum Tele­fon zu gehen und den Hörer abzu­he­ben, um sich (ggf. mit dem Namen) zu mel­den.  Der Anru­fer hat also die Macht, den Ange­ru­fe­nen zu die­sem Akt zu ver­an­las­sen.

Der Ange­ru­fe­ne kann es natür­lich unter­las­sen, sich zu erhe­ben, setzt sich damit aber der Mög­lich­keit aus, Wich­ti­ges zu ver­pas­sen. Dafür wur­den zwei tech­no­lo­gi­sche Pro­blem­lö­sun­gen ein­ge­führt, deren rasche Ver­brei­tung dafür zeu­gen, dass sie eine fun­da­men­ta­le Bedürf­tig­keit adres­sie­ren: Der Anruf­be­ant­wor­ter und die Ruf­num­mern­an­zei­ge. Jetzt wech­selt das Macht­ver­hält­nis inso­fern, als der Ange­ru­fe­ne beim Blick auf die Ruf­num­mer abwä­gen kann, ob er dem Appell des Anru­fers Gehör geschenkt oder ihn ins Lee­re lau­fen lässt. Der Anruf­be­ant­wor­ter gibt zudem die Mög­lich­keit, sich zunächst mit dem The­ma des Appells zu beschäf­ti­gen, um dann zu ent­schei­den, ob eine Reak­ti­on wie der Rück­ruf ange­mes­sen ist. Dar­in aller­dings liegt wie­der eine Dop­pel­deu­tig­keit, kann doch der Appel­lie­ren­de den Wunsch nach Rück­ruf hin­ter­las­sen und damit dafür sor­gen, dass der Nicht­rück­ruf zum Affront wird. Wer es wagen kann, den Rück­ruf zu unter­las­sen, wer es nicht wagen kann, ist bereits zutiefst in Macht­ver­hält­nis­se ein­ge­las­sen. Wer kann wen dazu brin­gen, was zu tun. Die­ses dem Klas­si­schen sehr ähn­li­che Macht­ver­hält­nis weist sich also bereits unter­halb des­sen, was in der Klas­sik als Ent­schei­dung ver­stan­den wird, als sol­ches aus.

Die Macht der Kom­mu­ni­ka­ti­on

Wer wen anspre­chen darf, wer reagie­ren oder nicht reagie­ren muss ist eben­so ein Macht­ver­hält­nis im münd­li­chen wie schrift­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­such, wie es ein Macht­ver­hält­nis ist, wer reden muss und wer schwei­gen darf. Oder wer reden darf und wer schwei­gen muss. Ein­deu­tig­keit gibt es hier nicht – aber an der Ver­tei­lung von Gehör und Gehor­sam, davon, wer das Sagen hat oder Wort­füh­rer ist, ent­spin­nen sich bereits Macht­ver­hält­nis­se, die sich gesell­schaft­lich ver­kom­pli­zie­ren und aus­dif­fe­ren­zie­ren, wenn es dar­um geht, inhalt­li­che Dis­kus­sio­nen zu füh­ren oder Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

Der Macht­kampf mit dem Netz

Die­ses Grund­ver­hält­nis von Macht in dr Kom­mu­ni­ka­ti­on gilt es zu reflek­tie­ren, wenn es um die Macht neu­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men und –mit­tel geht, wie es etwa das Inter­net ist. Der Ruf, gehört zu wer­den, ist der stärks­te Ruf, der gera­de als Appell an die Herr­schaft als insti­tu­tio­na­li­sier­te Macht) zu ver­neh­men ist. Ob die Herr­schaft (als Regie­rung und poli­ti­sches Esta­blish­ment) hören muss, was „die Netz­ge­mein­de“ zu sagen hat, ist eine Macht­fra­ge, die die­je­ni­ge wie­der­holt, die oben am Bei­spiel des Tele­fo­nats holz­schnitt­ar­tig exem­pli­fi­ziert wur­de. Eben­so die Fra­ge, ob „die Netz­ge­mein­de“ hören muss auf jene Regu­la­ri­en und Vor­schrif­ten,  die aus der Herr­schaft ins Netz als Geset­ze gesagt wer­den. Es han­delt sich um einen Macht­kampf zwi­schen „Pol­tik“ und „Netz­ge­mein­de“, der erst ange­gan­gen und gege­be­nen­falls ent­schärft oder auf­ge­löst wer­den kann, wenn er als Macht­kampf ver­stan­den ist. Die Auf­for­de­rung an die poli­ti­sche Herr­schaft „Hört uns auf unse­ren Platt­for­men zu“ prallt an die Gegen­for­de­rung „Wir rich­ten euch neue Platt­for­men ein, wo ihr reden dürft“.

Demo­kra­tie des Hörens und Sagens

Das gesam­te demo­kra­ti­sche Pro­blem lässt sich refor­mu­lie­ren als ein kom­ple­xes Ensem­ble von Gehör fin­den und Gehor­sam leis­ten, das ers­te oder letz­te Wort haben kön­nen, gehört wer­den müs­sen, die Stim­me erhe­ben oder abge­ben kön­nen. Vom behörd­li­chen Antrag über das gericht­li­che Ver­hör, vom par­la­men­ta­ri­schen Rede­recht bis zur anwalt­li­chen Schwei­ge­pflicht, von der Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rung bis zur Antrags­ab­wei­sung, von der Recht­spre­chung bis zur Vor­schrift­miss­ach­tung spannt sich die­ses Feld auf. Und weit dar­über hin­aus. All die­se Insti­tu­tio­nen und insti­tu­tio­na­li­sier­ten Pro­zes­se orga­ni­sie­ren Macht­ver­hält­nis­se und machen sie in einer Form gemein­ver­träg­lich, dass (mög­lichst) alle das Urteil fäl­len, Gehör zu fin­den oder fin­den zu kön­nen. In der Dik­ta­tur hat nur einer das Sagen, der Rest Gehor­sam zu leis­ten. Aus die­ser ein­fa­chen Lösung macht Demo­kra­tie ein Pro­blem, das sie fort­lau­fend repro­du­ziert, ver­fei­nert, über­ar­bei­tet, ändert, anpasst. Der Ruf nach „Par­ti­zi­pa­ti­on“ ist hier nur eine neue Her­aus­for­de­rung, die nichts ande­res sagt, als: Hört uns zu. Und die Gefahr läuft, auf die Gegen­fra­ge: Ok, was habt ihr zu sagen?“ nur in Schwei­gen zu ver­fal­len.

Wohin führt das?

In Kon­se­quenz soll es zu einer kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­schen Theo­rie der Macht füh­ren (für die Luh­manns “Macht”-Buch eini­ge intres­san­te Hin­wei­se gibt), die im Anschluss in der Lage ist, nicht nur zu ver­ste­hen, wie und wo eine neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­se, neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men und -tech­no­lo­gi­en in das bestehen­de Gefü­ge von Macht und Herr­schaft hin­ein­ra­gen und ein­grei­fen, son­dern die eben­so ermög­licht, das tra­di­tio­nel­le Gebil­de in sei­nen Ver­äs­te­lun­gen und Zise­lie­run­gen netz­ge­sell­schaft­lich und digi­tal­de­mo­kra­tisch zu addres­sie­ren und das Pro­blem der Demo­kra­tie damit erneut auf Dau­er zu stel­len, anstatt es lösen zu wol­len. Idea­li­ter wird dies in eini­gen wei­te­ren Pos­tings hier gesche­hen.

§ 6 Responses to Macht und Digitaldemokratie – ein erster Versuch: Demokratie ist das Problem für eine Lösung"

  • kusanowsky sagt:

    »Luh­manns Demo­kra­tie­mo­dell, auf der Unter­schei­dung Regierung/Opposition basie­rend, exem­pli­fi­ziert ein par­ti­ku­la­res hege­mo­nia­les Pro­jekt und nicht einen ›uni­ver­sa­len‹ Code des poli­ti­schen Sys­tems.«
    Urs Stä­he­li: Sinn­zu­sam­men­brü­che, Wei­lers­wist 2000, S. 256.

    »In gewis­sem Sin­ne bie­tet Luh­mann eine ›zivi­li­sier­te‹ Ver­si­on von Carl Schmitts omni­prä­sen­ter, ant­ago­nis­ti­scher Freun­d/­Feind-Unter­schei­dung, indem er poli­ti­sche Ant­ago­nis­men inner­halb des insti­tu­tio­na­li­sier­ten Rah­mens und der Pro­ze­du­ren einer beschränk­ten ago­nis­ti­schen Hand­ha­bung re-signi­fi­ziert.«
    Urs Stä­he­li: Sinn­zu­sam­men­brü­che, Wei­lers­wist 2000, S. 255.

  • Postdramatiker sagt:

    Dan­ke, aber ich den­ke, dass Luh­manns Macht-Buch der “Poli­tik der Gesell­schaft” vor­zu­zie­hen ist. Gera­de weil ein Aus­we­ge aus Schmitts Freun­d/­Feind-Sche­ma denk­bar ist, der zwar mög­lich wird und bleibt, aber nicht als Kern des Poli­ti­schen. Das Poli­ti­sche ist der kom­mu­ni­ka­ti­ven Macht­be­zie­hung nach­ge­la­gert und folgt nicht aus­schließ­lich und nicht zwangs­läu­fig dar­aus. Sie ist aller­dings eine Form der Auf­be­rei­tung und Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Macht­pro­ble­men.
    Alles sehr vor­läu­fig bei mir noch. Bit­te um Nach­sicht.

  • kusanowsky sagt:

    Macht stellt als sym­bo­lisch gene­ra­li­sier­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um nach Luh­mann ein kom­ple­xes Alter­na­ti­ven­spiel dar, bei dem der Macht­ha­ber (Alter) über mehr Alter­na­ti­ven als der Macht­un­ter­wor­fe­ne (Ego) ver­fügt und des­halb bei die­sem Unsi­cher­heit dar­über erzeugt, ob und wie Alter die Macht ein­set­zen wird. Inter­es­san­ter­wei­se bedeu­tet das auch, dass die Macht wächst in dem Maße, in dem die Frei­heit des Macht­un­ter­wor­fe­nen zunimmt.
    Davon müss­te dann Zwang unter­schie­den wer­den, der das uner­reich­ba­re Han­deln des ande­ren durch das eige­ne Han­deln des Macht­ha­bers erset­zen muss, der dann genau nicht mehr Macht aus­übt, son­dern das Spiel ver­lo­ren hat. Macht wirkt als Mög­lich­keit in einer invers kon­di­tio­nier­ten Kom­bi­na­ti­on von Alter­na­ti­ven.

  • Postdramatiker sagt:

    Damit bist du schon viel zu weit. Das m.E. Inter­es­san­te ist doch, dass über­haupt die­se Asym­me­trie ent­ste­hen kann, die hin­ter­her als Macht zir­ku­lär sicht­bar wird, indem sie vor­aus­gest­zt wer­den muss, um wir­ken zu kön­nen und wir­ken muss, um vor­aus­setz­bar zu sein. Das Über­ra­schen­de­re scheint mir, dass im Moment der Kom­mu­ni­ka­ti­on Macht bereits im Spiel ist bevor die Über­nah­me einer Ent­schei­dung zuge­mu­tet wer­den kann. Macht ist in dem Augen­blick im Spiel, wo Alter zu Ego (oder umge­kehrt) Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­nimmt. Heißt die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist in sich asym­me­trisch. Aber sie muss die Unter­schei­dung zwi­schen Macht­ha­ber und Unter­worf­nem wahr­nehm­bar machen, ohne auf Macht Bezug neh­men zu kön­nen.

  • kusanowsky sagt:

    Wenn Alter han­delt und Ego genau die­se Reduk­ti­on, bzw. Selek­ti­ons­leis­tung als Erle­ben akzep­tiert, stellt sich ein inter­es­san­tes Asym­me­trie­pro­blem. Es geht um das Hin­neh­men der kon­tin­gen­ten Wahl eines Ande­ren (vgl. Luh­mann, N. (2001) Auf­sät­ze und Reden, S. 48 f). Das ist zunächst ein ganz all­täg­li­cher Fall. Man sieht, jemand geht spa­zie­ren. War­um nicht? Nicht alles Han­deln Ande­rer löst eige­ne Betrof­fen­heit aus. (vgl. Luh­mann, N. (1999). Die Gesell­schaft der Gesell­schaft, S. 347)
    Die­se Kon­stel­la­ti­on, das Alter selek­tiv han­delt und Ego des­sen Selek­ti­on bloß erlebt wird dann zum Pro­blem, wenn z.B Alters Han­deln im Zugriff auf knap­pe Güter besteht, an denen Ego ein eige­nes Inter­es­se hat. Wenn Knapp­heit ins Spiel kommt ent­steht ein sozia­ler Rege­lungs­be­darf, dem heu­te im wesent­li­chen durch das Medi­um Geld Rech­nung getra­gen wird. (vgl. a.a.O.:S. 251 f)
    Eine oft unter­schät­ze, macn­hmal gar­nicht gese­he­ne, hier aber als beson­ders rele­vant ange­se­he­ne Funk­ti­on des Geld­ge­brauchs ist die Ten­denz des Medi­ums Drit­te, die nicht an einem kon­kre­ten Geschäft betei­ligt sind, dazu zu moti­vie­ren nicht zu inter­ve­nie­ren; obwohl Alter und Ego den Zugriff auf knap­pe Güter unter sich aus­ma­chen (vgl. a.a.O.: S. 348, S. 350). Alter greift zu und Ego und Drit­te belas­sen es beim erle­ben, „nur“ weil bezahlt wird. In die­sem Sin­ne über­setzt Geld auch den gewalt­sa­men Kampf um knap­pe Res­sour­cen in eine Tausch­be­zie­hung, die mit höhe­rer sozia­ler Kom­ple­xi­tät kom­pa­ti­bel ist (vgl. a.a.O.: S. 252 f). Die Inter­es­sen, die in einer Tausch­be­zie­hung ver­schie­den sind und auch wei­ter ver­schie­den blei­ben, wer­den mit der Annah­me einer Wert­äqui­va­lenz über­brückt (vgl. a.a.O.: S. 258 f)
    „Die­se [Annah­me] ist das ad hoc fun­gie­ren­de Sym­bol, die zur Kon­ver­genz gebrach­te Absicht zu tau­schen. Geld ist, in sei­ner Tausch­funk­ti­on gese­hen, eine Gene­ra­li­sie­rung die­ses Sym­bols, eine Kon­den­sie­rung der Wert­äqui­va­lenz zur Wie­der­ver­wen­dung in ande­ren Tauschzusammenhängen.“(a.a.O.) Die Knapp­heit von Res­sour­cen wird so in eine ande­re Form gebracht, näm­lich in die Form der Knapp­heit des Gel­des. Geld kann so als Mit­tel für den gene­ra­li­sier­ten Zugriff auf knap­pe Res­sour­cen beob­ach­tet wer­den und es moti­viert sei­ne Ver­wen­dung genau dadurch; in dem es ein Höchst­maß an Ver­wen­dungs­frei­heit in unter­schied­li­chen sozia­len Kon­tex­ten bie­tet (vgl. a.a.O.: S. 252, S. 246 f). In “Die Wirtschft der Gesell­schaft nennt Luh­mann ein Kapi­tel gar “[…] über sym­bo­li­sche und dia­bo­li­sche Gene­ra­li­sie­run­gen”.
    Wenn man das Aus­gangs­pro­blem der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en berück­sich­tigt, näm­lich in der Kom­mu­ni­ka­ti­on wahr­schein­li­che Neins in Jas (oder Ent­hal­tun­gen) zu trans­for­mie­ren, dann wird der Erfolg des Medi­ums Geld in der Kon­stel­la­ti­on – Alter han­delt und Ego erlebt – offen­sicht­lich. Auch wenn das Medi­um heu­te sei­nen Erfolg wie gesagt ins­be­son­de­re dar­aus zieht, dass es den Ver­zicht auf Inter­ven­tio­nen von Drit­ten sicher­stellt, die selbst nicht an einem Geschäft betei­ligt sind, über das Alter und Ego den Zugriff auf all­ge­mein knap­pe Recour­cen regeln. Auf jeden Fall ist es wohl das erfolg­reichs­te Medi­um in die­ser Kon­stel­la­ti­on. Aller­dings ent­ste­hen auch in die­ser Kon­stel­la­ti­on (Alter han­delt und Ego akzep­tiert das als Erle­ben) ande­re Medi­en, mit eige­nen Codes und Pro­gram­men, wie z. B. Kunst, Erzie­hung, usw. (vgl. Krau­se, D. (2001). Luh­mann-Lexi­kon, S. 44)

  • Postdramatiker sagt:

    Wenn all das statt­fin­det, was du beschreibst, ist das Macht­ver­hält­nis schon längst insti­tu­iert. Es fin­den “nur” noch inter­es­san­te Ver­schieb­n­gen, Ver­än­de­run­gen usw statt. Kann man beob­ach­ten, ist aber nicht mein Fokus.
    Ich stel­le ein Pos­ting ins Netz — set­ze mich der Kon­tin­genz der Auf­merk­sam­keit aus und dem Risi­ko des Unge­hört­blei­bens. Die Stats zei­gen, wie­vie­le Erreicht wur­den. Null? 100? 100.000? Das aber misst nicht Macht, son­dern den von ihr zu unters­cei­den­den Ein­fluss. Eine Macht­be­zie­hung setzt in dem Moment ein, wo du auf die­ser Platt­form per Kom­men­tar nicht etwa in die Kom­mu­ni­ka­ti­on “ein­trittst” (weil sie noch nicht besteht), son­dern sie instal­liert wird (erst wenn alter auf­taucht, ent­steht die Kom­mu­ni­ka­ti­on). Ob du Selek­ti­ons­leis­tun­gen annimmst oder ablehnst ist dabei die nach­ge­la­ger­te Fra­ge. Die Asym­me­trie instal­liert sich in dem Augen­blick, wo die Kom­mu­ni­ka­ti­on beginnt, sie hat zunächst nichts damit zu tun, wor­über kom­mu­ni­ziert wird.
    “Wo immer Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren oder auch nur die Mög­lich­keit ins Auge fas­sen, besteht die Wahr­schein­lich­keit der Selek­ti­ons­übe­tra­gung in der einen oder ande­ren Form. (Die gegen­tei­li­ge Annah­me wäre eine gute sozio­lo­gi­sche Defi­ni­ti­on von Entro­pie). … Macht ist ein lebens­welt­li­ches Uni­ver­sa­le mensch­li­cher Exis­tenz ” (Macht, 90)
    Der inter­es­san­te Punkt dar­an ist nicht die Aus­füh­rung über Selek­ti­ons­leis­tun­gen, son­dern der Anfang “Wo immer Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren”. Das Über­ra­schen­de ist, dass sie es tun und dass sie damit Macht­be­zie­hun­gen im Sin­ne von Asym­me­tri­en unum­geh­bar begrün­den.

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