Mal was Grundsätzliches für Zwischendurch

März 22nd, 2010 Kommentare deaktiviert für Mal was Grundsätzliches für Zwischendurch Autor: Ulf Schmidt

Ein schneller Blick über die Inhalte dieses Blogs könnten zum Eindruck eines relativ kruden Durcheinanders führen. Um Wirtschaft gehts mal, um Wirtschaftswissenschaft (ausgestattet mit nachweislich halbseidener Unbildung meinerseits), dann um Medizin (etwas mehr als Unbildung, aber weniger als Bildung), dann um Theater (doch, da schon eher gebildet – aber doch eher theoretisch), dann um Westerwelle und den Bundespräsidenten, um Brecht, Lehman und Luhmann und so weiter. Was also ist das hier für ein Blogt?

Man könnte das Interesse im Gegensatz zu Husserls eidetischer Reduktion als eidetische Induktion bezeichnen: Der Versuch bei der Betrachtung der Dinge und Zusammenhänge nicht etwa die Vormeinungen auszuschalten – sondern die Dingheit der Dinge so weit herunterzufahren, bis nur noch diese Vormeinungen, die Grundannahmen, die Vorurteile offen zutage liegen. Die Hypokeimena sind hier eben nicht die materiellen Bestandteile, sondern die Strukturen oder das System (nahe der Lumannschen Verwendung). Man ziehe von dem umgebenden Raume alle sinnlichen Gegebenheiten ab. Also von meinem Arbeitszimmer sämtliche Farben, Materialien, Dinglichkeiten – und kommt dann auf eine Art Wireframe-Struktur. Ein dreidimensionaler Raum, der nur aus Linien besteht, die miteinander in Verbindung stehen. Das ist das eidos des Raumes hier. Sehr platonisch gesprochen. Und Platon beschreibts im Gorgias – dort wo er den folgenreichen Begriff des eidos (also der Idee) zum ersten Mal (meine Behauptung) einführt:

Nicht wahr, der rechtschaffene Mann, der um des Besten willen sagt, was er sagt, der wird doch nicht in den Tag hinein reden, sondern etwas Bestimmtes vor Augen habend, so wie auch alle andere Künstler jeder sein eigentümliches Werk im Auge habend nicht auf Geradewohl zugreifend jedesmal etwas Neues an ihr Werk anlegen, sondern damit jedem das, was er ausarbeitet, eine gewisse bestimmte Gestalt bekomme. Wie wenn du die Maler ansehn willst, die Baumeister, die Schiffbauer, alle anderen Arbeiter, welche du willst, so bringt jeder jedes, was er hinzubringt, an eine bestimmte Stelle, und zwingt jedes, sich zu dem andern zu fügen und ihm angemessen zu sein, bis er das ganze Werk wohlgeordnet und ausgestattet mit Schönheit dargestellt hat. [503f.]

Man könnte sich jetzt lang und breit (und ich finde: sehr faszinierend – aber es fehlt die Zeit) über die Verwandtschaft zu Benjamins Begriff der Konstellation, Aristoteles Begriff des mythos Gedanken machen und verbreiten. Allein: hier fehlt der Platz. Und die nächste halbseidene Unbildung muss vielleicht nicht auch noch ausgewalzt werden.

Dennoch: Das Interesse in diesem Blog richtet sich auf das was bleibt, wenn das Oberflächliche, Materialle, Individuelle, Ästhetische (auch das im Sinne von Wahrnehmung nicht Ästhetik) weggeräumt ist. Ohne ins Typische, Allgemeine, Überindividuelle, Paradigmatische zu fallen. Wie schon im Vortrag „Das Politische zurück ins Theater“ gesagt: Das verborgene Zugrundeliegende und Grundsätzliche ist der Bereich, in dem es hier zur Sache zu gehen hat. Dieses Zugrundeliegende ist übrigens nicht durch einen chorismos abgespalten von den Dingen, die daran angeblich teilhaben. Es ist vielmehr parontisch – enthalten in den Dingen und Köpfen. Vom Chorismos kann nur einer ausgehen, der ein Schreiber ist und im linken Auge das Buch, im rechten die Welt sieht. Also Platon. Nicht aber einer vom Theater.

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