Nicht mal einen vernünftigen Spielzeit-Endstreit gibts mehr

Juli 9th, 2011 Kommentare deaktiviert für Nicht mal einen vernünftigen Spielzeit-Endstreit gibts mehr Autor: Ulf Schmidt

Was die Haushaltsdebatte für den Bundestag, ist das Spielzeitende für das Theater. Anlass und Gelegenheit für die große Generaldebatte. Streit zwischen Kritikern und Theatern, Kritikern und Kritikern, Theatern und Theatern. Ein letztes Aufglimmen kultureller Lebendigkeit, bevor sich dann alle entweder in Urlaube oder auf irgendwelche Freiluftfestivals begeben.

Selbst das aber funktioniert nicht mehr. Stadelmaier, sonst ein Garant für diskussionfördernde Polemiken, hat sich in der FAZ nur ein paar Langweiligkeiten herauspressen können, die nichts bewegen, noch weniger aufregen. Die alten Schreiber sind müde. Immerhin scheint er das Ende des Dramatischen zu akzeptieren – aber reflektieren oder gar beschimpfen will ers nicht. Müde wie das Theater, von dem er schreibt, ist auch er.

Im Hamburger Abendblatt hat sich am 6. Juli nun Armgard Seegers hier darüber beklagt, dass es ihr keinen Spaß mehr macht ins Theater zu gehen. Warum?

Das Theater lebt heutzutage – jedenfalls da, wo es stilprägend sein will – von Performances und Projekten. Aufführungen also, bei denen ein Text nicht mehr nur sinnlich, treffend und genau ergründet und durch die Kunst und Fähigkeiten eines Schauspielers zum Leben erweckt wird. Sondern es geht um Konzepte. Dramen und Stücke werden nicht mehr gradlinig, mit traditionellen Mitteln nacherzählt, man reichert sie an mit Fremdtexten, sucht Schnittmengen zu Musik, Film, bildender Kunst. Anstelle der Konzentration auf das Drama, der Darstellung von Figuren, Handlungen und menschlichen Beziehungen rückt hier die „Aufführung“ in den Mittelpunkt. Häufig können die Zuschauer nicht ähnlich assoziativ nachvollziehen, was die Künstler und zu welchem Zwecke bewegt. Die Folge: Man fühlt sich ausgeschlossen, empfindet die Kunst als elitär, arrogant, autistisch und fragt sich, ob manch ein Konzeptionsregisseur mit seinem Team nicht in einer Parallelwelt lebt, ohne Berührungspunkte zu den Zuschauern. Kümmert sich das Theater vielleicht zu wenig darum, seine Zuschauer zu fesseln, anzusprechen und zu unterhalten? Ist das Theater nicht gerade dazu da, Stücke, die man beim Lesen allein nicht in ihrer ganzen Vielschichtigkeit durchdringen kann, verständlich zu machen?

Nunja, schade für Frau Seegers. Gibt ja noch andere Berufe. Schauen Sie sich da mal um, Frau Seegers. Und denken Sie beim Suchen mal darüber nach, ob es sich lohnt, zu kritisieren, dass „die Aufführung“ in den Mittelpunkt des Theaters rückt. Und schreiben Sie demnächst doch mal einen Text, indem Sie sich darüber aufregen, dass Texte immer mehr in den Mittelpunkt des Buches rücken. Oder Geistlosigkeit in den Mittelpunkt der Zeitungen.

Nun sollte man meinen, eine sich derart selbst dekonstruierende, leider nicht einmal wirklich aufgeregte oder flammende Kritik sei am besten durch Ignorieren begegnet. Das scheint der Thalia-Intendant Lux anders zu sehen – und begegnet der Niveaulosigkeit mit (man hält es kaum für möglich) noch mehr Niveau- und insbesondere Standpunktlosigkeit hier im Abendblatt.

Wir sind weder elitär noch autistisch oder arrogant, sondern offen, erlebnishungrig und kommunikativ. Wenn es dennoch gelegentlich Probleme gibt, dann deshalb, weil sich die Sprache der Hochkultur, die unserer Autoren Schiller, Goethe oder Büchner, nicht immer auf den ersten Blick erschließt.

So, Frau Seeger, merken Sie Ihnen das mal gefälligst. Goethe ist schuld. Wir erfahren weiterhin, dass das Theater sich seit Jahhunderten ändert (was Herr Lux „gut“ findet), dass Performances manchmal gut, manchmal schlecht sind, dass auch in Berlin, Zürich, Frankfurt, Wien oder München die „Sehnsucht“ der Menschen bedient wird, „Geschichten mit Menschen sehen zu wollen“ – Lux vergisst dabei allerdings RTL, RTL2, Super RTL, SAT1, Das Vierte, Neun Live, Kino, DVD und so weiter. Und vor allem muss Theater rumeiern:

Einerseits hört Kunst meist auf, wenn sie sich zu marktgängig dem Publikum vor die Füße wirft. Andererseits ist sie schwer gefährdet, wenn sie auf das Publikum überhaupt keine Rücksicht mehr nimmt. Dazwischen liegt irgendwo die Wahrheit.

Immer schön dazwischen bleiben, so ists recht, das schützt vor Anecken. „Mir ist in der gesamten Debatte zu viel Politik und Ideologie im Spiel.“ – sag ich ja. Und so weiter.

Ich bin nicht sicher, ob eine solche Sommer(loch)debatte die Leser interessiert.

Nunja, sie interessiert als Symptom dafür, auf welchem jämmerlichen Niveau die Diskussion um und das Interesse an Theater schon angekommen ist.

Entscheidend ist, dass Theater sinnlich ist.

Echt? Das ist entscheidend? Entscheidend ist, dass Wurst aus Wurst besteht? Einerseits lauert die (böse) Verkopftheit, andererseits die (sinnliche) Dummheit. Dazwischen liegt irgendwo … na?

Noch irgendwo Debatten?

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