(Nichts) Neues von der Neurowissenschaft [Updated]

Juli 3rd, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Totgeglaubte Diskussionen leben länger. Nachdem vor Jahren Wolf Singer und Jürgen Habermas (z.B. hier) debattierend aneinandergerieten bei der Frage, ob es denn einen freien Willen „gibt“, sind seit einigen Wochen der ehemalige Verfassungsrichter Wilfried Hassemer (hier) und der Neurowissenschaftler Gerhard Roth (hier) dabei, diese Zombiedebatte nun wiederzubeleben. Bei weißgarnix (hier) wurde in vielerlei Kommentaren Wesentliches dazu gesagt. Auch Kusanowsky (hier und hier) hat dazu prägnant geschrieben. Deswegen bleibt der Sache auch nicht mehr viel hinzuzufügen. Lediglich ein Statement also meinerseits:

Naturwissenschaft hat niemals den Anspruch auf abschließende Wahrheit erheben können. Sie fördert jeweils im Rahmen der gültigen Modelle, Axiome, Grundannahmen zutage, was sich in der „Natur“ diesen wissenschaftlichen Voraussetzungen fügt – was also im naturwissenschaftlichen Sinne „wissenschaftlich“ ist. Der Forscher ist Forscher, weil er sein wissenschaftliches, axiombasiertes Wissen suchend und experimentierend vorantreibt. Dass einige Einsichten erst morgen oder übermorgen gewonnen werden, einige Hypothesen erst in Zukunft verifiziert oder falsifiziert werden können spricht nicht gegen den Inhalt der Hypothese. Sie wird lediglich in sauberer wissenschaftlicher Methodologie als Hypothese gekennzeichnet, wo immer sie Verwendung finden.

Das vorab lässt sich die neurowissenschaftliche Stellungnahme zum Thema „freier Wille“ reformulieren: Unter den gegebenen naturwissenschaftlichen Grundannahmen und Weltbildern haben wir bisher noch keinen Beweis für eine positiv messbare und lokalisierbare Existenz des freien Willens gefunden. Versuche, die diesen freien Willen unter den gegebenen Voraussetzungen erforschten, zeigten einige sonderbare Ergebnisse, die uns dazu führen könnten, das Konzept des freien Willens zu problematisieren. (Man könnte auch mit Geographen über die Verortung oder Existenz des Paradieses, mit Astronauten über die Existenz Gottes plaudern).

Das wäre natürlich sehr zurückhaltend und brächte Neurowissenschaftler höchstens in die Rubrik „Vermischtes“, nicht aber auf philosophische Podien. Auf denen sie dann von Philosophen vielleicht gesagt bekämen, das nur eine verschwindende Randgruppe dieser Disziplin (oder der Rechtswissenschaft) behaupten würde, das Konzept des freien Willen sei zwangsläufig und leicht mit neurowissenschaftlicher Methodik nachzuweisen. Spätestens seit Hans Vaihingers Philosophie des Als-ob (hier; Vaihingers Grundfrage: „Wieso erreichen wir oft Richtiges mit bewusst falschen Annahmen?“) ist der freie Wille im Verdacht, eine Fiktion (Vaihinger) oder regulative Idee (kantianisch) zu sein. (Von den theologischen Debatten über den Libero Arbitrio ganz zu schweigen). Man mag sie als juridischen Imperativ (Handele stets so, dass du vor Gericht ertragen kannst, bewusst und aus freiem Willen gehandelt zu haben) als Hypothese der ewigen Wiederkehr (nietzscheanisch: Handele stets so, dass du die ewige Wiederholung dieser Tat, zu der du verdammt sein wirst, ertragen kannst) oder ethisch (handele so, dass du dir jederzeit der wahrscheinlichen Folgen deiner Tat bewusst bist und die Verantwortung dafür dereinst übernehmen kannst). Aber mir ist keine Stelle der Geistesgeschichte bekannt, die behauptet hat, der freie Wille sei ein Neuronenzentrum im Gehirn.

Also hat diese Wissenschaft eigentlich in dieser Debatte nichts zu suchen. Könnte man denken. Allerdings leiden die Naturwissenschaften unter einem (nicht-neuronal nachweisbaren zugleich nicht-freiwilligen) Galilei-Komplex. Einerseits von den „herrschenden“ Disziplinen (seinerzeit eben die Theologie) nicht erst genommen, nicht anerkannt oder gar verfolgt zu werden – um im nachhinein zu zeigen, dass die Naturwissenschaften das herrschende Weltbild eben doch zum Einsturz bringen können. Dieser Komplex (mangelnde Anerkennung – übersteigerte Geltungssucht) ist natürlich ein enorm starker Treiber, sich auch beim Thema des freien Willens revoltierend zu äußern. Und das ist dieser Wissenschaft auch nicht zu bestreiten – wenn sie denn daran arbeitete, ihr Weltbild daraus zu entwickeln. Vielleicht entwickelt sie ein „besseres“. Aber das gesamte Rechts- und Verantwortungsparadigma in Abrede zu stellen, weil naturwissenschaftliche Einzeleinsichten damit nicht kohärent sind – wäre vielleicht doch etwas übereilt. Dafür hat auch die Naturwissenschaft in ihrer Vergangenheit zu schwerwiegende Fehler gemacht. Vergessen wir nicht, dass die Rassenlehre ebenfalls aus der Naturwissenschaft kam oder zumindest Unterstützer hatte. Was nicht heißt, dass die Debatte um den freien Willen damit zu tun hat. Es handelt sich lediglich um den Aufruf, die naturwissenschaftlichen Einsichten einen Moment sacken zu lassen, bevor sie in kulturell, gesellschaftliche, staatliche, rechtliche Praktiken übernommen werden.

Dass der freie Wille nicht gefunden wurde ist so sehr Einwand gegen das gegenwärtige Denkparadigma, wie das noch fehlende Higgs-Boson ein Einwand gegen die Kosmologie und Atomphysik. Aus einem „noch nicht“ kann kein „nie“ abgeleitet werden. Und vielleicht zeigt sich viel eher, dass die Naturwissenschaft, die an dem Nachweis des freien Willens scheitert, das falsche System ist und durch ein andre Naturwissenschaft abzulösen ist. Nun könnte man natürlich auf die Idee kommen, Singer und Roth ging es gar nicht darum, sondern sie wollten vielmehr durch diesen skeptischen Einwand dafür sorgen, das blinde Verlassen auf Grundannahmen, die eben auch Vorurteil sein können, zu problematisieren und zu erschüttern. So wie es die DNA-Beweisführung im Hinblick auf die Todesstrafe erreicht hat, indem sie nachwies, dass in Todeszellen einige nachweislich Unschuldige sitzen. Das wäre eine edle Absicht. Aus freiem Willen.

Andererseits können die Neurowissenschaftler auch nur begrenzt verantwortlich gemacht werden dafür, dass sie wie Wespen reagieren, in deren Nest ein Verfassungsrichter pinkelt. Sie tuns ja nicht freiwillig. P.S.: Jetzt ist alles gesagt. Von allen. (Gruß an Kusanowsky und Valentin)

UPDATE: Was mir gerde beim Einkaufen durch den Kopf ging: Wäre der positive naturwissenschaftlich-neurophysiologische Nachweis, dass es den freien Willen gibt, nicht zugleich der Beweis, dass es ihn nicht gibt? Denn unterlägen nicht die elektrophysiologischen Ereignisse, die als „freier Wille“ zu interpretieren wären, den determinierten Gesetzen der „Natur“? Und würden also der Freiheit durch die Notwendigkeit ihrer eigenen Geltung die Existenz absprechen müssen? Sodaß das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Betrachtungen eigentlich ist: Es ist möglich, dass es ihn gibt. Wenn es ihn gibt aber ist er nach gegenwärtigem Stand nicht messbar (weil es ihn ja sonst nicht geben könnte). Scheint mir schlüssig. Wo ist der Denkfehler?

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