Ökonomische Aufklärung – Beben der Medialität II

März 20th, 2010 Kommentare deaktiviert für Ökonomische Aufklärung – Beben der Medialität II Autor: Ulf Schmidt

Letztens hatte ich vielleicht zum Ende desPostings hin leider ein wenig das Ziel aus dem Focus verloren. Deswegen jetzt der Versuch eines klärenden Nachtrages, der zudem verschiedene in diesem Blog bereits angeschnittene Themen wieder aufnimmt. These ist, dass eine ökonomische Aufklärung notwendig ist, wie sie als religiöse Aufklärung nach dem Erdbeben von Lissabon einsetzte. Die Theodizee-Frage hat erneut auf der Tagesordnung Platz – nur dass die Götter andere sind als der damalige Gott. Nicht etwa die sogenannten „gierigen“ Banker. Nicht einmal dieser oder jener oder auch ein ganz anderer ökonomische Lehrer. Sondern der pantheistisch sich in alles hinein fräsende oder bereits enthaltene Gott der Ökonomie: pantha plerê oikonomikôn?  Er ist ungreifbarer, dieser Gott. Wobei nicht nur die Frage nach seiner Gerechtfertigtheit zu stellen ist, sondern eigentlich die mittelalterliche Existenzfrage Gottes. Gesetzt den Fall, es glaubte niemand mehr an Gesetze der Ökonomie – würde es sie dann noch geben?

Irgendwann will ich zum Thema der drei Gesetze oder Gesetzesarten (Naturgesetze, positive Gesetze, ökonomisch-moralische Gesetze) posten. An dieser Stelle nur soviel vorab: Ich glaube nicht, dass es ökonomische Naturgesetze gibt. Sprich: Die Gesetze der Ökonomie werden den Märkten, ihren Teilnehmern, dem Handel, der Produktion, den Betrieben, Staaten und was es sonst noch gibt, nicht „abgelauscht“ oder abgerungen. Sie werden nicht erkannt. Gleichzeitig sind sie natürlich kein positives Recht – denn es gibt keinen Gesetzgeber. Es kann keinen Geber solcher Gesetze geben, weil niemand legitimiert wäre, diese Vorschriften und Verbote zu erlassen (gelegentlich haben Staaten versucht diese Aufgabe zu übernehmen und sind recht kläglich daran gescheitert …). Darin ähneln die Gesetze der Ökonomie jederzeit den moralischen Gesetzen, die weder erlassen noch erkannt sind.

Der Beginn der ökonomischen Aufklärung und der ökonomischen Theodizee lautet also: Wer ist der Gott, der die ökonomischen Gesetze gab? Wenn es einen solchen Gott nicht gibt, die Gesetze der Ökonomie aber auch keine urweltlichen psychischen Gegebenheiten sind – warum sollen die Gesetze dann gelten? Und wer rechtfertigt die Lehre dieser ungerechtfertigten Gesetze von den akademischen Kanzeln? Warum also Ökonomiepfaffen und Profitpredigern das Wort und die Lehre gestatten?

Man kann auch klassisch formulieren: Wie kann eine so mächtige ökonomische Lehre zu solchen „Unfällen“ führen wie der aktuellen (angeblichen) Wirtschafts- und Finanzkrise? Wie können also Alumni der Wirtschaftsseminare internationaler Eliteakademien, die Eliteabsolventen wirtschaftlicher Hohepriester, nicht nur das Böse zulassen, sondern es gar selbst in Werk und Untat umsetzen? Und wenn die Wirtschaftswissenschaft solche Monstren gebiert – wie ist dann diese Wissenschaft zu rechtfertigen? Die ebenfalls klassisch mögliche Antwort, diese Monstren hätten sich aus freiem Willen zum Monströsen entschieden, kann natürlich nicht akzeptiert werden. Nicht die gefallenen Engel der Gier sind es gewesen, sondern die Erzengel.

Ökonomische Aufklärung heißt: Die Rechtfertigung der Wirtschaftswissenschaft, ihres Einflusses und ihrer Lehren zu überprüfen, zu befragen und ihren Allmachtsanspruch zu bezweifeln. Und übrigens – der religiöse Beiklang soll nicht etwa die Frage aus moralischer oder gar religiöser Haltung heraus stellen. Im Gegenteil ist es Teil des kritischen Aktes, die Quasi-Religiosität wirtschaftlichen Denkens und Handelns herauszustellen. Und das Beben der Wall Street ist der Startpunkt wie es das Beben in Lissabon gewesen ist.

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