Theater als Ort des Hier und Jetzt — Antwort an Frank Kroll, Abschluss

Januar 11th, 2013 § 5 comments Autor: Ulf Schmidt

Was macht denn Thea­ter aus? Was kann es denn ande­res, mehr, bes­ser als Film, Fern­se­hen, Inter­net, Video­spie­le? Wo liegt die Quel­le einer ein­zig­ar­ti­gen Kraft des Thea­trons? Natür­lich in der live­haf­ti­gen Koprä­senz von Dar­stel­lern und Zuschau­ern. Aber was heißt das schon, wenn das Dar­stel­lungs­per­so­nal in sei­ner Dar­stel­lung die Live­haf­tig­keit auf die Simu­la­ti­on eines nicht vor­han­de­nen Screens ein­schränkt, vor dem die Zuschau­er sit­zen? In dem Koprä­senz ledig­lich zur Stö­rungs­quel­le des Dar­stel­lungs­per­so­nals durch unbot­mä­ßi­ges Hüs­teln, Flüs­tern, fal­sches Gni­ckern wird, um nicht zu reden von Chips- und Pop­korn­tü­ten­ra­scheln oder den Geräu­schen eines Kalt­ge­trän­ke­ge­nus­ses und ganz zu schwei­gen von der Benut­zung digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en. Was bleibt von der Koprä­senz, wenn das Publi­kum nichts ande­res ist als poten­zi­el­ler Stö­ren­fried?

Chips? Han­dys im Zuschau­er­raum? Wer will das denn? Will ich das? Ich weiß es nicht. Es geht dar­um auch gar nicht, son­dern dar­um, dass Thea­ter aus sei­ner Hier- und Jet­zig­keit nichts zu machen ver­steht. Und wenn die Gegen­fra­ge „Ja wie denn“ nicht nur pole­misch-rhe­to­risch im Raum ste­hen bleibt, son­dern viel­leicht zum Ansatz eines künst­le­ri­schen For­schungs­pro­gram­mes wird, wenn zudem das all­fäl­li­ge gelang­weil­te „machen wir doch alles schon“ weg bleibt und akzep­tiert wird, dass das Publi­kum das, was in die­ser Form statt­fin­det, eben noch (!) nicht als Kern des Thea­ters ver­steht, son­dern als mehr oder min­der gelieb­te moder­nis­ti­sche Anek­do­te erlebt und (de)goutiert, dann wäre der Blick viel­leicht offen für Ande­res.

Aber Hier- und Jet­zig­keit setzt viel­leicht auch vor­aus, dass sich Thea­ter mit sei­nem loka­len Hier und Jetzt aus­ein­an­der setz­te. Und damit ist nicht die Lage der Welt oder der Nati­on gemeint, son­dern viel­leicht die Lage der Stadt, der Stadt­be­woh­ner, in deren Mit­te sich die Thea­ter befin­den. Ist die dis­kur­si­ve Gleich­schal­tung der Nati­on  durch die natio­na­len Abend­nach­rich­ten wirk­lich das letz­te Wort? Ich gebe die Ant­wort nicht – aber auch die­se zu reflek­tie­ren, wäre des Schwei­ßes der edlen Musen wert. Mehr als Wert. Mehr­wert des Thea­ters viel­leicht sogar. Jetzt im Hier zu sein. Und das Hier im glo­ba­len Jetzt stark zu machen.

Was das sein könn­te? Ich mache mich nicht anhei­schig, das für jede Stadt, für jedes Hier und Jetzt zu beant­wor­ten. Aber nach zwei Jahr­zehn­ten in Frank­furt erlau­be ich mir, das dor­ti­ge Schau­spiel für einen Skan­dal zu erklä­ren. Ange­sie­delt in Pflas­ter­stein­wurf­wei­te von der Euro­päi­schen Zen­tral­bank, jenem durch­ge­brann­ten Finanz­atom­kraft­werk, das gera­de an der Ver­wüs­tung Süd­eu­ro­pas sei­nen Anteil hat, weiß man in die­sem Thea­ter nichts Bes­se­res, als sich mit ästhe­ti­zis­ti­schen Kin­ker­litz­chen zu fei­ern, die Fäus­te zu spie­len, statt sie sze­nisch zu bal­len. Frank­furt wäre das Hier und Jetzt für ein Euro­päi­sches Zen­tral­thea­ter (auch wenn ich mir jetzt den Vor­wurf ein­hand­le, schein­bar nicht loka­les Hier und Jetzt, son­dern Glo­ba­les zu for­dern – das räu­me ich für Frank­furt ein, in dem lokal das Glo­ba­le adres­siert ist). Ein Ort, den man grie­chi­schen Trup­pen ver­füg­bar machen könn­te, damit sie hier vor Ort ihren Pro­test an Mann und Bank brin­gen kön­nen. Mona­te­lang harr­te die Occu­py-Bewe­gung bib­bernd vor Käl­te in Zel­ten vor Bank und Schau­spiel. Und auf der Büh­ne weiß man nichts bes­se­res zu tun, als Zelt­si­mu­la­kra im Hin­ter­grund des Faust II auf­zu­stel­len.  Ganz ehr­lich? Ich weiß nicht, womit die Exis­tenz die­ses Hau­ses gerecht­fer­tigt ist. Dass eine Kunst­form, die ihre grie­chi­schen Wur­zeln noch heu­te in ihrem Gen­re­na­men trägt, sich igno­rant gegen­über den Grie­chen zeigt, sich die Kunst von der Deut­schen Bank spon­sern lässt, hal­te ich für – more mora­li­ter gesagt – wider­wär­tig. Das Hier und Jetzt ist auch ein Gesell­schaft­li­ches oder Poli­ti­sches.

Es bedarf der maxi­ma­len Bün­de­lung der loka­len krea­ti­ven Kräf­te. Dazu rei­chen viel­leicht nicht die Tex­te in den Pro­gram­men natio­na­ler Thea­ter­ver­la­ge aus. Son­dern dazu bedarf es viel­leicht Schrei­bern, die in dem hier und Jetzt ange­sie­delt sind, in dem sich auch das Publi­kum befin­det. Das dann viel­leicht sogar auf­hört, bloß rezep­ti­ves Publi­kum zu sein und sich in einer pro­duk­ti­ven Gemein­schaft mit dem Thea­ter ver­bin­det.

Das ist uto­pisch? Ich bin ger­ne mit dabei, wenn es dar­um geht sich über die Infor­ma­tik-ASten­kon­fe­renz namens Pira­ten­par­tei lus­tig zu machen. Aber das soll­te nicht davon abzu­hal­ten, neu­gie­rig auf sie zu sein und von ihnen zu ler­nen. Ja, das ist mög­lich. Glaubt irgend jemand, der Rech­ner, auf dem die­ser Text hier jetzt gele­sen wird, wäre als das Werk eines Ori­gi­nal­ge­nies in die­ser Form, mit Hard- und Soft­ware mög­lich gewor­den?  Die Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie hat span­nen­de neue koope­ra­ti­ve Arbeits­wei­sen ent­wi­ckelt, an denen sich auch koope­ra­ti­ve künst­le­ri­sche Arbeit ori­en­tie­ren kann. Und auch die­se Koope­ra­ti­vi­tät macht Thea­ter aus, das immer schon Werk von Grup­pen hete­ro­ge­ner Kom­pe­ten­zen war. Die Bün­de­lung und Stär­kung der Krea­tiv­kräf­te der ein­zel­nen Häu­ser nur, der Zusam­men­schluss mit den eins­ti­gen pas­si­ven Rezi­pi­en­ten, ihre Anbin­dung, viel­leicht sogar Ein­bin­dung ist die Kraft­quel­le des nächs­ten Thea­ters. Wie das gesche­hen kann? Kann man her­aus­fin­den. Aus­pro­bie­ren. Thea­ter muss nicht der Ort des Fer­ti­gen sein. In der Soft­ware­bran­che redet man vom „per­ma­nent beta“ Sta­tus, der lau­fen­den Über­ar­bei­tung, Ver­bes­se­rung, Ver­än­de­rung der „Pro­duk­te“, die kei­ne Pro­duk­te oder Wer­ke mehr sind, son­dern – mit Klaus Kusanow­sky gesagt – selbst zu Per­for­ma­ten wer­den. Stän­dig im Fluss, sich ändernd. Wer sich über Pro­zes­se infor­mie­ren möch­te, die funk­tio­nie­ren, fra­ge die IT-Nerds. Oder lese „The Cathe­dral and the Bazaar“. Oder was auch immer.

Es ist mehr Neu­es mög­lich. Und ich bin davon über­zeugt, dass nur der Schul­ter­schluss mit Auto­ren vor Ort Thea­tern zukünf­tig die vol­le Kraft­ent­fal­tung ermög­li­chen wird. Und zwar die Ent­fal­tung einer Kraft, die nur dem Thea­ter eig­net.

Nach­trag

Für Ver­la­ge wird das eine neue Situa­ti­on wer­den. Das stimmt. Aber ich glau­be nicht, dass es das Ende der Ver­la­ge sein wird. Das – so scheint mir – betrei­ben lei­der gera­de ganz ande­re Kräf­te in einer Schmie­ren­ko­mö­die, die wirkt, als hät­te Gold­o­ni eine Bear­bei­tung der Ores­tie gewagt.

§ 5 Responses to Theater als Ort des Hier und Jetzt — Antwort an Frank Kroll, Abschluss"

  • kai bremer sagt:

    Ganz herz­li­chen Dank für die­se enga­gier­te Ant­wort, der mich in sei­ner Deut­lich­keit und Posi­tio­niert­heit an den guten alten Send­brief erin­nert: Viel­leicht tra­gen die fah­ren­den Leu­te ihn bis in die letz­te Ecke des Lan­des, damit er zur Kennt­nis genom­men wird. Ver­dient hät­te er es.
    Ich will auch anders als zuvor gar nicht groß wider­spre­chen (ich tei­le zwar Dei­ne Beur­tei­lung des Schau­spiels Frank­furt nicht, aber da das hier nichts zur Sache tut, kön­nen wir uns dar­über viel­leicht ein ande­res Mal strei­ten), son­dern Dich ins­ge­samt unter­stüt­zen: Ich fin­de es voll und ganz über­zeu­gend, nicht gleich auf alle Pro­ble­me Ant­wor­ten zu bie­ten. Das tun nur Berufs­po­li­ti­ker, um die Wäh­ler in Sicher­heit zu wie­gen. Du lie­ferst mit die­sem Send­brief eine Dia­gno­se und Kri­tik, die muss nicht unbe­dingt kon­struk­tiv sein und sagen, wie’s in Zukunft bes­ser gemacht wer­den kann. Ein Schlüs­sel ist zwei­fel­los die loka­le Ver­an­ke­rung des Thea­ters, da hast Du voll und ganz recht. Gera­de Thea­ter, die das in den letz­ten Jah­ren gemacht haben, haben bei ihrem Publi­kum oft­mals sehr punk­ten kön­nen — und bei der Kri­tik.

  • Frank Kroll sagt:

    lie­ber ulf, ges­tern abend bin ich end­lich dazu gekom­men, dei­ne aus­führ­li­chen ent­geg­nun­gen auf mei­nen ziem­lich knap­pen ein­wurf noch ein­mal genau­er zu lesen. recht­zei­tig vor der nächt­li­chen mahl­zeit mei­ner toch­ter fiel mir dies dazu ein:
    ich kann vie­le dei­ner beob­ach­tun­gen nur bestä­ti­gen. nicht alle. eigent­lich müss­ten dir jetzt thea­ter­leu­te ant­wor­ten und von der immer kom­pli­zier­te­ren thea­ter­pra­xis berich­ten. und dann ergä­be sich zwi­schen dei­ner pole­mik und ihrer erfah­rung ver­mut­lich ein raum, der mög­lich­kei­ten einer ande­ren pra­xis eröff­net. du hast recht: es gibt in den thea­ter­lei­tun­gen die fixie­rung auf einen bestimm­ten kanon. alles nicht-durch­ge­setz­te gilt erst ein­mal als risi­ko. das erstaun­li­che ist ja, dass sich ein betrieb, der durch­schnitt­lich 80% sei­ner Mit­tel aus sub­ven­tio­nen bezieht, so stark an der quote=auslastungszahl ori­en­tiert. irgend­wie leben wir in hasen­fü­ßi­gen zei­ten, scheint es. man schal­te nur eines der zu 100% sub­ven­tio­nier­ten pro­gram­me von ard und zdf an: ein noch bekla­gens­wür­di­ge­rer zustand. dass die quote=auslastungszahl im heu­ti­gen thea­ter eine so gro­ße rol­le spielt, hat min­des­tens zwei grün­de. jede tarif­er­hö­hung und jede etat­kür­zung schlägt unmit­tel­bar auf die künst­le­ri­schen spiel­räu­me eines hau­ses durch. nur durch erhö­hung der eigen­fi­nan­zie­rungs­an­teils lässt sich ein künst­le­ri­scher etat über­haupt noch sta­bil hal­ten. das hat auch etwas mit der grö­ße der appa­ra­te zu tun. und nach wie vor sind auslastungszahlen=quote ein aus­schlag­ge­ben­des kri­te­ri­um für die jewei­li­ge ört­li­che kul­tur­po­li­tik. das aber quo­te nichts mit kunst, anspruch und qua­li­tät zu tun hat, müs­sen wir nicht mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren. in der rea­li­tät wird die­ser kurz­schluss den­noch stän­dig voll­zo­gen. nie­mand will lee­re thea­ter, aber für man­che pro­duk­tio­nen will es mir nicht ein­leuch­ten, war­um 50% aus­las­tung nicht aus­rei­chen soll­ten. in der rea­li­tät wird ein lei­tungs­team, das auch nur ein jahr lang 50% aus­las­tung vor­zu­wei­sen hat, mit ziem­li­cher sicher­heit abge­schos­sen.
    es müss­te ein ande­res bewusst­sein von thea­ter her — zuerst auch in der kul­tur­po­li­tik. und damit kom­me ich zu dei­ner feu­er­wehr­me­tapher. da bin ich näm­lich ganz ande­rer mei­nung. thea­ter löscht kei­ne brän­de (eher setzt es in brand) und muss auch nicht schnell sein. und ich erwar­te mir vom thea­ter auch kei­ne direk­te poli­ti­sche ein­fluss­nah­me. thea­ter und damit auch das schrei­ben für thea­ter ist zuerst ein­mal eine kunst, die von ideo­lo­gi­schen funk­ti­ons­an­sprü­chen frei­zu­hal­ten ist. thea­ter kann poli­tisch wir­ken, aber nicht in einem unmit­tel­ba­ren, plump-auf­klä­re­ri­schen sinn, son­dern über sei­ne sinn­li­chen mög­lich­kei­ten, über die hal­tun­gen der schau­spie­ler, über den grad der bewusst­heit gesell­schaft­li­cher zustän­de, die in einer pro­duk­ti­on deut­lich wer­den. aber all das erfährt im thea­ter zuerst ein­mal einen umwand­lungs­pro­zess, an dem ich als zuschau­er aktiv teil­neh­men muss, um über­haupt irgend­wel­che erkennt­nis­se dar­aus zu gewin­nen. das klingt so ver­kürzt viel­leicht etwas kryp­tisch, aber mir gehts hier auch nur dar­um, thea­ter von der über­for­de­rung eines nai­ven poli­ti­schen anspruchs zu befrei­en, der in ost und west — aus jeweils unter­schied­li­chen grün­den, noch immer den small­talk über thea­ter­wir­kun­gen grun­diert. (mei­ne prä­gends­ten thea­ter­er­fah­run­gen haben sehr viel mehr mit ver­wir­rung bis­he­ri­ger hal­tun­gen und über­zeu­gun­gen zu tun, aus denen dann eine selbst­be­fra­gungs­pro­zess ent­stand, als mit mei­ner ein­sicht in ver­laut­ba­run­gen poli­ti­scher bot­schaf­ten auf der büh­ne. und ich bin auch wei­ter­hin für eine arbeits­tei­lung kri­ti­scher journalismus/theater.)
    ich glau­be auch nicht, dass thea­ter zu lang­sam auf gesell­schaft­li­che pro­zes­se reagiert. es reagiert viel­leicht zu klein­tei­lig, zu zer­streut, zu wenig nach­hal­tig und druck­voll, weil es neu­en und alten stü­cken (und zu allen von dir als rele­vant genann­ten the­men — von mili­ta­ris­mus über arbeit bis wirt­schafts­kri­se — gibt es star­ke stü­cke) zu wenig ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten ein­räumt. ich wün­sche mir ein (ein­zi­ges!) ent­schleu­nig­tes thea­ter in der repu­blik, dass sich auf — sagen wir: fünf pre­mie­ren pro spiel­zeit kon­zen­triert, statt sich in 35 unfer­ti­gen, ange­ris­se­nen pre­mie­ren zu ver­aus­ga­ben. die ergeb­nis­se einer sol­chen kon­zen­trier­ten labor­ar­beit wür­den mich inter­es­sie­ren. und da dann zuerst: die ent­wi­ckel­ten for­men, die spiel­wei­sen, der klang — dann erst: inhalt, the­ma, bot­schaft.
    ich blei­be dabei: dein vor­schlag eines neu­en modells der schrei­ben­den zusam­men­ar­beit, der prag­ma­ti­schen auto­ren­kol­la­bo­ra­ti­on zur gewin­nung einer neu­en thea­ter­li­te­ra­tur, soll­te an einem der 200 grö­ße­ren häu­ser im deutsch­spra­chi­gen bereich ein­fach mal pro­fes­sio­nell und über meh­re­re jah­re hin­weg erprobt wer­den. inso­fern lese ich dei­nen fünf­tei­li­gen bei­trag auch als mani­fest und bewer­bungs­schrei­ben für eine thea­ter­lei­tung. ich ken­ne auto­ren­kol­lek­ti­ve, da hat es funk­tio­niert. aber 1+1+1+1 kann auch 0 erge­ben, wenn sich schwung, inspi­ra­ti­on und ener­gie in end­lo­sen abstim­mungs­dis­kus­sio­nen erschöp­fen. einst­wei­len war­test du wei­ter auf das gro­ße genie bzw. bezwei­felst sein erschei­nen, wäh­rend wir ver­lags­leu­te uns um die vie­len vor­han­de­nen klein- und groß­ge­nies küm­mern. man muss sie nur ent­de­cken wol­len. — herz­lich, frank.

  • Postdramatiker sagt:

    @Frank — dan­ke dir für dei­ne aus­führ­li­che Ant­wort!
    Bewer­bung — eher nicht. Das über­las­se ich Jün­ge­ren, deren Ener­gie für den Auf­rieb aus­reicht, dafür bin ich ver­mut­lich zu lang solip­sis­ti­scher Schrei­ber.
    “Feu­er­wehr” — ich bin inzwi­schen über die eige­ne Meta­pher ärger­lich. Ja, du hast recht: Es geht eher dar­um Brän­de zu stif­ten. Grö­ße­re Brände.Und zwar unter Nut­zung des Vor­teils den — dar­in begrün­de­te sich die Meta­pher — die­se “ste­hen­de Insti­tu­ti­on” bie­tet.
    Durch plum­pe poli­ti­sche Bot­schaft? Viel­leicht sogar manch­mal das. Manch­mal sind plum­pe poli­ti­sche, naiv-auf­klä­re­ri­sche Bot­schaf­ten nötig. Oft eher die For­men gesell­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung, von denen du, gar nicht kryp­tisch, schreibst. Genaue­res wür­de sich mit den Begrif­fen “inhalt, the­ma, bot­schaft” aus­ein­an­der­zu­set­zen haben, die ver­mut­lich nicht so ein­fach sind, wie wir sie hier hin­schrei­ben. Als Ten­ta­ti­ve taug­lich, sind sie natür­lich frag­lich dar­auf, was das im Thea­ter meint. Und mit mehr als einer Ant­wort zu ver­se­hen.
    Auch dei­nem Traum von 5 Pro­duk­tio­nen pro Jahr ver­mag ich Eini­ges abzu­ge­win­nen, eher als dem Dau­er­feu­er von Pro­duk­tio­nen, in dem Thea­ter sich — aus den von dir ange­führ­ten Aus­las­tungs­grün­den — auf­reibt. Dass ich nicht vie­le Thea­ter sehe, in denen das denk­bar ist, sei dazu­ge­sagt.
    Bei den Kol­lek­ti­ven geht es mir nicht um basis­de­mo­kra­ti­sche Klatsch­grüpp­chen. Ich den­ke eher an schlag­kräf­ti­ge, arbeits­tei­li­ge Teams. Das gan­ze Thea­ter besteht aus Arbeits­tei­lung und sum­miert dabei die ein­zel­nen Mög­lich­kei­ten — war­um soll­te das beim schrei­ben­den Pro­du­zie­ren anders sein. Es erfor­dert viel­leicht ande­re Schrei­ber. Wenn man den Mythos vom genia­li­schen Autor aber erst ein­mal zu kil­len geschafft hat — dann wird es funk­tio­nie­ren.
    Und da ich gera­de eini­ge Fol­gen der Serie sah: “Home­land”, Mach­werk des ver­teu­fel­ten ame­ri­ka­ni­schen Fern­se­hens, ver­mag in kol­lek­ti­ver Pro­duk­ti­on eine Erzäh­lung hart an der gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Gegen­wart zu leis­ten. Was ich von die­ser Pro­duk­ti­on genau hal­te, weiß ich noch nicht. Aber momen­tan erscheint sie mir weder plump, noch bei schrei­be­ri­scher Null ange­langt. Ein Pro­dukt der soge­nann­ten Kul­tur­in­dus­trie, dem es gelingt für Auf­se­hen und brei­tes Gespräch zu sor­gen. Man­geln­de Ein­schalt­quo­te ist da nicht das Pro­blem. Viel­leicht lässt sich von den Pro­duk­ti­ons­wei­sen die­ser Indus­trie ler­nen?

  • frank kroll sagt:

    lie­ber ulf, ich sage ja nicht, dass ein schrei­ben­des kol­lek­tiv im thea­ter nicht funk­tio­nie­ren kann. im gegen­teil: dass soll­te mal ernst­haft ver­sucht wer­den. und du soll­test das orga­ni­sie­ren. zur us-kul­tur­in­dus­trie: ich habe “mad men” ver­schlun­gen wie einen guten roman, und zwar alle staf­feln. irgend­wo war zu lesen, dass es einer beson­de­ren tv-chan­nel-finan­zie­rungs-situa­ti­on zu ver­dan­ken war, dass die serie sich so ent­wi­ckeln konn­te. das mal genau­er zu recher­chie­ren, könn­te sicher inter­es­sant sein. mei­ne ver­mu­tung ist, dass sich aus der kom­bi­na­ti­on “hau­fen­wei­se geld + glän­zen­de ide­en + tol­ler cast + pro­fes­sio­nel­le umset­zung” eher so etwas wie qua­li­tät erge­ben kann (aber nicht unbe­dingt muss) als aus der sum­me “knap­pe mit­tel + aus­ster­ben­des abopu­bli­kum + ängst­li­che spiel­plan­po­li­tik + beton­har­te kan­ti­nen­bou­let­ten”. — ahoi, frank

  • Postdramatiker sagt:

    “mad men” — auch ein her­vor­ra­gen­des bei­spiel, ja. ich will kei­ne fern­seh­se­ri­en im thea­ter sehen, ver­steht sich. aber sich die­se wer­ke anzu­schau­en und dar­aus etwas zu ler­nen, sich viel­leicht gedan­ken über for­men zu machen und über struk­tu­ren — das scheint mir sinn­voll.
    natür­lich muss dar­aus nichts gutes ent­ste­hen. das zeigt uns das deut­sche vor­abend­fern­se­hen jeden abend in schreck­lichs­ter deut­lich­keit. aber es kann. ich glau­be, sowas kann sogar ent­ste­hen, wenns nicht hau­fen­wei­se geld ist (aber doch etwas und ver­mut­lich mehr als jetzt) und die bou­let­ten wei­ter­hin hart blei­ben. ich wür­de jeden­falls nicht nur mit finan­zie­rung argu­men­tie­ren. das wird mir zu oft als aus­re­de ge- und miss­braucht — ohne dir das zu unter­stel­len.

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