(Theater)-Ästhetik des Aufstands: Vortragsvideo H.T Lehmann

Januar 16th, 2013 Kommentare deaktiviert für (Theater)-Ästhetik des Aufstands: Vortragsvideo H.T Lehmann Autor: Ulf Schmidt

Ein sehens- und hörens­wer­ter, poli­tisch enga­gier­ter Vor­trag von Hans-Thies Leh­mann bei der Böll-Stif­tung. 50 loh­nen­de Minu­ten vom Autor des Buches “Das post­dra­ma­ti­sche Thea­ter”, der hier zu Poli­tisch-Kon­kre­ten zurück­fin­det.

Als Appe­tit­an­re­ger ein Zitat vom Beginn, in dem Leh­mann auf Althus­ser zurück­grei­fend, die illu­sio­nä­re Ver­ken­nung eines poli­ti­schen Thea­ters poin­tiert, das ver­sucht, die Finanz­kri­se durch Per­so­na­li­sie­rung (auf Ban­ker und Poli­ti­ker) zu beschrei­ben, anstatt die Struk­tu­ren in den Blick zu bekom­men. Dem kann ich mich — ins­be­son­de­re mit Blick auf “Sich Gesell­schaft leis­ten” und “Schuld und Schein” anschlie­ßen:

Das Bewusst­sein unter­liegt einem Zug zur Anthro­po­mor­phi­sie­rung. Es neigt zu einem von Grund auf illu­sio­nä­ren Welt­bild, das die Gesell­schaft stets und sys­te­ma­tisch in der Wei­se falsch ver­steht, weil es immer wie­der der Höl­len­käl­te der Struk­tu­ren und Macht­blö­cke ein mensch­li­ches Ant­litz ver­lei­hen will. Neh­men wir die gegen­wär­ti­ge Kri­se. Fast unwi­der­steh­lich ist der Sog, bestimm­te Per­so­nen für die Agen­ten der ablau­fen­den Pro­zes­se zu hal­ten und anzu­kla­gen. Unwi­der­steh­lich – weil es ja poli­tisch auch wich­tig und rich­tig ist, Namen zu nen­nen, pole­misch Bank­her­ren oder bestimm­te Poli­ti­ker anzu­grei­fen. Aber wir ver­ges­sen dann zu leicht, dass hin­ter pro­fit­gie­ri­gen Unter­neh­mern, die Arbeit­neh­mer drang­sa­lie­ren oder in die Arbeits­lo­sig­keit schi­cken, eine gesichts­lo­se Wirk­lich­keit steht: Die Auto­ma­tik des Kapi­tals und des kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­prin­zips. Dass hin­ter Spe­ku­lan­ten als eigent­li­cher Geg­ner etwas steht, was einer ästhe­ti­schen Figu­ra­ti­on kaum zugäng­lich ist: Das gesell­schaft­li­che Geld­sys­tem, das die Spe­ku­la­ti­on erst ermög­lich. Und dahin­ter, noch abs­trak­ter, die Tausch­ge­sell­schaft, in der die mensch­li­che Akti­vi­tät selbst absur­der­wei­se wie eine Ware gehan­delt wer­den kann. Althus­ser spricht von unse­rem „kon­sti­tu­tiv-melo­dra­ma­ti­schen Bewusst­sein“. Man könn­te auch sagen: einem dra­ma­ti­schen, sofern es gesell­schaft­lich-öko­no­mi­sche Struk­tu­ren und Pro­zes­se stets per­so­na­li­siert, dra­ma­ti­siert und damit radi­al ver­kennt.

Und hier der gan­ze Vor­trag in der Böll-Stif­tung:

 

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