Theater und Kritik: Zwei Siechen beim Sterben zusehen?

Mai 20th, 2011 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

In den letzten Postings hatte ich zu zeigen versucht, in welch bedrohlicher Lage sich meines Erachtens die Stadttheater befinden – und zwar nicht aus dem unerklärlichen Sparwahn von Kämmerern, sondern durch eine selbstverschuldete Zeitkrankheit. Als Nachtrag möchte ich nun hinzufügen, wie meiner Meinung nach die Situation von Theater und Theaterkritik dazu führen, gemeinsam in einen nicht reißenden, sondern eher müden und ermüdenden Abwärtsstrudel geraten, der beide an ein absehbares Ende bringt. Vor einigen Wochen schrieb Jürgen Berger auf der Seite des Goethe-Instituts einen Artikel mit dem Titel „Eine Frage der Zeit – Print oder Online und wie das Internet die Theaterkritik verändert“, der folgendermaßen beginnt:

Dass sich Teile der Theaterkritik ins Internet verlagern, ist unaufhaltsam. Alleine der allmähliche Abbau der Theaterkritik vor allem in regionalen Printmedien hat zur Folge, dass eine Leerstelle entsteht. Das spüren vor allem die Theater jenseits der Metropolen, die immer weniger im Feuilleton auftauchen. Es hat aber auch zur Folge, dass immer weniger junge Nachwuchsjournalisten sich schreibend als Theaterkritiker erproben können. Die einzige Ausweichmöglichkeit: Das Internet. (Quelle)

In der Folge verbreitet er sich über Kultiversum und Nachtkritik und fleddert ein wenig an der journalistischen Qualität der Kritiker und ihrer Texte herum. Vieles von dem, was er schreibt, ist nicht falsch. Einiges richtig. Es bleibt allerdings an oberflächlichen Phänomenen und Geschmackskritiken an den geschmäcklerischen Kritiken hängen. Es ist einfach nicht zu erwarten, dass Schreiber, die mit einem Stundensatz von Gebäudereinigungspersonal (Honorar für eine Kritik 60 € laut Esther Slevogt hier) abgespeist werden (und darauf läuft es in etwa hinaus, betrachtet man den gesamten Zeitaufwand für eine Kritik), eine reflexive Qualität abliefern, die hauptberuflichen oder nach Zeitungssätzen bezahlten Freien eignet. Nachtkritiken zu schreiben kann nur Hobby sein oder die Möglichkeit, kostenlos ins Theater zu kommen. Aber das ist geschenkt und sei dahin gestellt.

Von Verschwinden der Zeitungskritik

Interessanter finde ich seine Assertion, dass das schwinden der Kritiken aus Zeitungen eine unumkehrbare Bewegung sei – und sie ist fatal. Aus zweierlei Gründen. Zum einen zeigt sich an dem fehlenden Aufschrei der Leserschaft, dass Theaterkritiken schon längst nicht mehr als wesentlicher Bestandteil der Zeitungslektüre bei Otto und Ottilie Normalleser gelten. Theaterkritik ist kein Kernbestand von Zeitungen – höchstens eine Art Kollateralinformation, die entweder überblättert wird oder mit flüchtigem Auge gestreift. Die mauen Auflagen von Print-Theaterzeitungen können als ein weiterer Hinweis verstanden werden, dass eigentlich nur noch die dort Beschäftigten und ein relativ kleiner Kreis von Fans Kritiken und anderen Inhalte zum Theater lesen.

Theater ist für Zeitungsleser immer weniger interessant. Das führt dazu, dass die Printindustrie die nötigen Sparmaßnahmen in diesem Bereich relativ gefahrlos und ohne Berge an Leserbeschwerden und Abokündigungen durchziehen kann. Theater verschwindet aus den Zeitungen. (Und wie Jürgen berger schön schreibt: Die „Leerstelle“ empfinden wohl nur die Theater selbst als eine solche …)

Damit verschwindet der wichtigste Öffentlichkeitskanal der Theater. Theaterkritiken waren (vielleicht nicht nur, aber auch und sehr wesentlich) Werbung für die Theater. Unbezahlte Werbung. Redakteure und Kritiker füllten Zeitungsseiten mit mehr oder minder klugen Texten, die die Leser dazu brachten, sich mit der Idee auseinander zu setzen, mal wieder ins Theater zu gehen. Die Zeiten, da sich Theater darüber aufregen konnten, gelegentlich verrissen zu werden und daraufhin Besucherrückgänge erwarteten, sind vorbei wenn gar nicht mehr über Theater geschrieben wird. Jenseits der kleinen Kernzielgruppe, die sowieso ins Theater geht, finden sich keine neuen Interessenten. Kein „Das könnte ich mir mal ansehen“ oder „das muss ich sehen“ mehr. Die Möglichkeit, ein bildungsaffines (weil zeitunglesendes) und kulturfreundliches (weil den Kulturteil durchblätterndes) Publikum aufmerksam zu machen auf das, was im Theater läuft – ist dahin.

Die Rettung im Netz?

Berger schreibt, dass die Wanderung der Kritik ins Netz unaufhaltsam ist. Hier aber lauern die nächsten Bedrohungen, die sich in Zahlen belegen lassen. Das wichtigste Kritikportal im Netz, nachtkritik.de, hab im Monat gerade einmal 147.000 Visits im Monat (März 11). In einem Screenshot, den ich mir vor einiger Zeit gemacht hatte, wurden für November 2010 135.000 Visits angegeben. Diese Zahlen sind erschreckend niedrig für ein Angebot, das nun bereits seit vier Jahren am Start ist. Genauere Zahlen (etwa Unique Visitors) lassen sich bei nachtkritik nicht finden, deswegen spekuliere ich kurz einmal:

147.000 Visits pro Monat. Das heißt nicht, dass 147.000 Menschen auf der Seite waren (Unique Visitors). Sondern dass die Seite so oft aufgerufen wurde. Dabei wird ein relativ großer Prozentsatz von der grauenhaften Startseite abgeschreckt direkt wieder gegangen sein: Bei einer Bounce-Rate von 30% bleiben also noch 100.000 Visits von „ernsthaften“ Besuchern. Teilen wir nun die Besucher in Hardcore-Fans (wie die Kommentierer, die Redakteure, Admins usw.) und Gelegenheitssurfer auf, dürften etwa ein Viertel der Visits von den 1.000 Hardcorefans stammen. Die restlichen 75.000 teilen sich auf Besucher auf, die vielleicht 1-2 mal pro Woche vorbeikommen. Sagen wir, sie kommen 10mal im Monat. Heißt: die 75.000 Visits kommen von 7.500 Besuchern. Macht in Summa 8.500 Unique Visitors (oder reale Leser) im Monat. Meinetwegen verdoppeln wir die Zahl – und kommen auf 15.000 Leser.  (Falls nachtkritik mir bessere Zahlen zur Verfügung stellt, wäre ich dankbar).

Laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins 08/09 sind an den deutschen Theatern 38.783 Menschen fest angestellt. 31,1 Millionen Besucher hatten die Theater. Stellt man diese Zahlen mit den Besucherzahlen mit nachtkritik gegenüber, lässt sich folgern: Theater ist im Netz irrelevant. Wer im Netz surft, interessiert sich (dort oder generell) nicht für Theater. Wer ins Theater geht, liest im Netz nicht darüber.

Kein Schwein surft rein

Vielleicht zeigt ein Vergleich die Dramatik dieser Einsicht auf: Das HiFi-Forum hat über 600.000 angemeldete Mitglieder und über 11 Millionen User-Beiträge (und weit mehr monatliche Besucher), das DSLR-Forum für Spiegelreflexkameras 280.000 angemeldete Mitglieder und über 8 Millionen User-Beiträge, Cinefacts hat über 80.000 Mitglieder und knapp 5 Millionen User-Beiträge (hier gibt’s eine schöne Bestenliste).

Die logische Konsequenz: Theaterkritik schwindet aus den sterbenden Zeitungen, weil die Leser sich dort nicht mehr wirklich für Theater interessieren. Das Wanderziel ist das Netz, wo sich zeigt, dass das Interesse der Menschen geradezu lächerlich gering ist. Wer weitere Indizien dafür finden will, suche nach Theaterblogs oder anderen Theaterseiten – Fehlanzeige. Theater verlieren ihr wichtigstes Kommunikationsmedium – und im kommenden wichtigsten Medium stoßen sie auf Desinteresse.

So siecht die Kritik aus Desinteresse am Theater dahin. Und Theatern schwinden die Zuschauer, weil weder unerwünschte Theaterwerbung durch die Zeitungen ins Haus flattert, noch ein aktives Suchinteresse im Netz abzusehen ist.

Wie lange braucht es noch, bis die deutschen Stadttheater den Arsch hoch kriegen?

Nachtrag: Ich habe noch ein wenig auf Webstatistik-Seiten recherchiert und scheine mit meinen Annahmen nicht so weit daneben zu liegen:

  • urlplus ermittelt 728 Besucher/Tag (Stand: 19.05.); jeweils 20% davon aus Berlin und Hamburg (Tab „Besucher“); ganz spannend finde ich die Top-Suchbegriffe, die auf nachtkritik führten (Tab „Schlüsselwörter“); monatliche Besucher (Unique Visitors) sind 32.000 – was allerdings heißt, dass ich mit meiner Bounce-Annahme wohl zu niedrig lag, denn die durchschnittlichen Seitenaufrufe/User liegen bei 1,6. Angesichts der Gestaltung der Seite, die auf der Startseite keinen kompletten Content hat, sondern nur teast, heißt das, dass sehr viele der Besucher nicht über diese Teaser hinaus gelangen. Und stellt man nun noch in Rechnung, dass es eine ganze Reihe von Intensivnutzern gibt (die immerhin für über 900.000 PI’s/Monat sorgen laut Nachtkritik), dürfte die Rate derjenigen, die sofort abspringen, bei weit über 50% liegen.
  • alexa seht den Rank in Deutschland besser für nachtkritik. Leider sind hier keine absoluten Trafficzahlen zu finden. Dafür wird hier die Bouncerate angegebn. Und zwar bei 73%. Das heißt: Drei Viertel der Besucher springen nach der Startseite ab. Von den 140.000 Visits/Monat sind also nur 35.000 Besuche wirklich an Inhalten interessiert (Besuche – nicht Besucher!). Und selbst wenn die Audience-Analyse (Tab „Audience“) mit Vorsicht zu genießen ist, ist es doch überraschend, dass nachtkitik überdurchschnittlich viele ältere, dafür gefährlich wenig junge, netz-affine Besucher hat.
  • Google Sitesearch zeigt, dass Nachtkritik aus über 55.000 Unterseiten besteht. Das ist wahnsinnig viel Inhalt und wahnsinnig viel Arbeit – die von etwa 1.000 Besuchen/Tag (nicht Besuchern!) zur Kenntnis genommen wird.

Eine Nachbemerkung für alle, die sich über die unterschiedlichen Ergebnisse der Analysetools wundern: Das ist keine exakte Wissenschaft. Die Tools erheben ihre Daten nicht aus offiziellen oder zentralen Datenbanken, sondern suchen sich eigene Quellen, die sie aufbereiten. Vgl. Wikipedia zu Alexa. Trotzdem liefern diese Tools die besten, frei verfügbaren Informationen und könnn als Indikatoren genutzt und verstanden werden.

Noch ein Fazit: Meiner hier im Blog schon häufiger geäußerten Begeisterung von nachtkritik tut das alles keinen Abbruch – es zeigt lediglich die Frühindikatoren für ein den Theatern drohendes Siechen. Es sind schon einige andere „Branchen“ durch Ignoranz des Web und seiner Dynamik an oder in den Abgrund getaumelt – nicht nur die Musikindustrie. Die Thetaer sollten nicht die nächsten sein. Nicht nur Raubkopien und Urheberrechtsverletzungen bedrohen Kunst und Künstler. Es kann auch einfaches Desinteresse sein.

Und es zeigt, dass nachtkritik dringend mehr und anderes tun muss, als mit nervtötenden Pop-Ups (die nicht einmal per Cookie auf inmaliges Erscheinen bei jedem User eingstellt sind ….) Spenden einzuwerben. Abgesehen von einer hochschnellenden Bounce-Rate wird das nicht für viel Erfolg sorgen.

 

Nachtrag 2: Der Gerechtigkeit halber auch ein Blick auf die Zahlen von Kultiversum. ie scheinen erst mal etwas beeidnruckender:

  • urlplus gibt aktuell täglich 1.800 Besucher an mit einer beeindruckenden durchschnittlichen Zahl von 10 (!) besuchten Seiten. Der zweite Blick zeigt: Alles Berlin – wo gerade das Theatertreffen stattfindet. Satte 84% der Aufrufe und 75% der Besucher kommen von hier.
  • compete (hat keine Daten für Nachtkritik) rückt die Dinge wieder etwas zurecht – wie der Verlauf der letzten Monate anzeigt. Die Unique Visitors spangen im April auf 2.300 – von unter 100 (in Worten: Hundert) in den vorhergehenden Monaten. Ebenso sprangen die Visits nach oben.
  • alxea zeigt: Die Bounce-Rate taumelt um die 40%. Aber auch hier werden die relativ zahlreichen besuchten Seiten/Visitor (7-9) bestätigt. Heißt: Weniger Abspringer, höheres Interesse an den Inhalten. Über 10 Minuten verbringen Besucher durchschnittlich auf der Seite. Die Besucher sind allerdings durchschnittlich noch älter als diejenigen der nachtkritik (über 45).

Ist Kultiversum beeindruckender? Wohl kaum. Abgesichts der Tatsache, dass hier nicht nur Schauspiel, sondern zudem Oper, Musik, Tanz Literatur, Kunst, Film und – jawoll – sogar das Leben als Hauptnavigationspunkte angeboten werden, sieht die Sache doch recht … mau aus. Im Uni- und Kultiversum ist eben nicht viel Leben. Die geballte Macht der Redaktionen von Theater Heute, Opernwelt, Tanz und Literaturen – dringt nicht durch.

 

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§ 2 Responses to Theater und Kritik: Zwei Siechen beim Sterben zusehen?"

  • westernworld sagt:

    „Laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins 08/09 sind an den deutschen Theatern 38.783 Menschen fest angestellt. 31,1 Millionen Besucher hatten die Theater. “

    bezieht sich diese zahl ausschließlich auf stadttheater im weiteren sinne also opern, operettenhäuser eingeschloßen oder werden hier auch volks und boulevardtheater sowie tourneetheater mitgezählt?

    meine vermutung wäre ja. das 31,1 mio deutsche im jahr unsere subventionsbühnen besuchen halte ich für unrealistisch.

    lieber postdramatiker sie müßen ganz tapfer sein … theater ist irrelevant das braucht es nicht zu werden.

    würde es in deutschland nicht künstlich am leben erhalten würde man es hier genauso wie im rest der westlichen welt merken.

    theater war das barock des bürgertums. sein niedergang als relevantes gesellschaftliches medium begann 1918.

  • Postdramatiker sagt:

    Wenn ichs recht verstehe bezieht es sich auf alle öffentlichen und privaten Theater zusammen. Öffentliche Theater haben 19,3 Millionen Besucher.
    Die konstatierte Irrelevanz halte ich für kein unabänderliches Schicksal. Es sei denn, man stellt sich dem nicht und macht weiter wie bisher. So schlecht sind insgesamt die Besucherzahlen nicht. Daher scheint der Veränderungsdruck nicht hinreichend wahrgenommen zu werden. Dass allerdings auch relevantes Theater nicht ohne öffentliche Finanzierung auskommt, ist auch ein Fakt. Keines der großen Theater wird jemals in der Lage sein, sich selbst aus verkauften Karten zu finanzieren. Zumal hohe Kartenpreise auch soziale Exklusiion forcierten. Aber: wenn die Theater schon in der komfortablen Situation weitgehender finanzieller Absicherung sind, dann ist es umso unverständlicher, dass sie nicht wgemutiger werden. Und sich der Gegenwart stellen.

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