Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens

April 11th, 2011 Kommentare deaktiviert für Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens Autor: Ulf Schmidt

Ein kur­zer Mail­wech­sel mit Oli­vi­er Garo­fa­lo bringt mich dazu, nicht nur zum Haupt­the­ma die­ses Blogs – dem Thea­ter – zurück zu keh­ren. Son­dern direkt zu fun­da­men­ta­len Fra­gen des Gegen­warts­thea­ters zu kom­men. In der Mail von Garo­fa­lo fin­det sich die­se pro­vo­kan­te Fra­ge:

die wich­tigs­te Fra­ge ist wohl, ob der Inhalt
ver­schwin­det, weil das Publi­kum in den heu­ti­gen Zei­ten in ihrer Frei­zeit
nicht mit Fremd­ge­dan­ken belas­tet wer­den wol­len, oder ob beson­ders die
Schau­spiel- und Regie­schu­len nur Ästhe­tik leh­ren (weil das freie Den­ken eh
nicht bei­bring­bar ist). Wahr­schein­lich bei­des und mit­ten­drin die Kri­tik,
die ihre Mass­stä­be an der Kunst mes­sen und eben nicht am Inhalt.

Garo­fa­lo nimmt damit drei Betei­lig­te als poten­zi­el­le Akteu­re auf: Publi­kum, Thea­ter­schu­len und Kri­tik. Das ist inso­fern span­nend, als die Dis­kus­si­on nicht sofort Inten­dan­ten, Dra­ma­tur­gen und Regis­seu­re in den Blick und Angriff zu neh­men ver­sucht. Son­dern die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen einer bestimm­ten Gesamt­si­tua­ti­on auf schein­ba­re Rand­be­din­gun­gen zurück­führt – was Sinn macht.

Das Publi­kum

Ist das Publi­kum bzw. sind die Zuschau­er Akteu­re in einem Sinn, der sie mit­ver­ant­wort­lich für das Elend gegen­wär­ti­gen Thea­ters macht? Was will „das Publi­kum“? Ein gro­ßer, ein­fluss­rei­cher Teil des aktu­el­len Publi­kums for­dert offen­bar „werk­treue“ Insze­nie­run­gen von Klas­si­kern. Sie wol­len Muse­um. Iden­ti­sche Repro­duk­ti­on der eige­nen Vor­stel­lun­gen des­sen, was „die alten Meis­ter“ schrie­ben, woll­ten, vor­stell­ten. Die­se Debat­te ist nicht tot zu bekom­men. Und Thea­ter tun die­sem Publi­kum ja den Gefal­len. Man spielt die Klas­si­ker. Und wenns kei­ne Thea­ter­tex­te sind, dann zur Not auch Bud­den­brooks und Bova­ry. Haupt­sa­che einen Groß­au­to­ren oben­drü­ber.

Das macht auch Sinn – so über­ra­schend es ist. Nicht etwa, weil das fal­sche Publi­kum zu hart­nä­ckig am Thea­ter­ses­sel klebt und man es „bedie­nen“ müs­se. Weil es also etwa das „fal­sche“ Publi­kum wäre (in den 70ern und 80ern lief eine ent­spre­chen­de Debat­te als Abon­nen­ten-Bashing, das sich heu­te aus öko­no­mi­schen Grün­den kein Mensch mehr am Thea­ter trau­en wür­de). Der Gedan­ke, ein „ande­res Publi­kum“ gewin­nen zu müs­sen und zu kön­nen – ist weit­ge­hend abwe­gig. Weil einem ande­ren Publi­kum nichts ande­res gebo­ten wer­den kann. Die Klas­sik­erecke, in die Thea­ter in den letz­ten Jahr­zehn­ten abge­glit­ten ist, ist eine all­zu logi­sche Ent­wick­lung, als das ein klei­nes Zuckeln und neue Publi­kums­grup­pen erschlie­ßen hier irgend­et­was ändern könn­te.

Wenn Publi­kum ins­ge­samt in den Blick zu neh­men ist, dass doch mit der Fra­ge: Was erlebt Publi­kum im Thea­ter, was es nicht anders­wo ein­fa­cher, bes­ser, güns­ti­ger usw. erle­ben könn­te? Wer also ist die Kon­kur­renz des Thea­ters. Und womit hat sie einen Erfolg, der Thea­ter bedroht. Als Haupt-Abend­ver­gnü­gun­gen kom­men ins­be­son­de­re Spiel­kon­so­le , Fern­se­hen und Thea­ter in Betracht. Und neu­er­dings das Inter­net. Was haben sie zu bie­ten, das viel­leicht einst dem Thea­ter eigen war? Und was las­sen sie dem Thea­ter? Anders gefragt: Was sucht das Publi­kum, wenn es Fern­se­hen, Inter­net, Spiel­kon­so­le, Kino nutzt? Und was kann es dann noch im Thea­ter suchen? Selbst wenn die­se Über­le­gun­gen kilo­me­ter­weit unter dem aktu­el­len medi­en­wis­sen­schaft­li­chen Refle­xi­ons­stand durch­sprin­gen, kön­nen sie doch zei­gen, wie und war­um Thea­ter in die­ser deso­la­ten Ecke ste­hen.

Fern­se­hen und Thea­ter

Abge­se­hen davon, dass Fern­se­hen die bequems­te aller mög­li­chen Lösun­gen ist und dem mehr oder min­der gestress­ten Werk­tä­ti­gen vor­gau­kelt, sich ledig­lich pas­siv auf die Couch fal­len las­sen zu müs­sen um sich pas­si­vie­ren zu kön­nen, bie­tet Fern­se­hen auch inhalt­lich Thea­ter­rele­van­tes. Fern­se­hen hat die Dra­ma­tur­gi­en des dra­ma­ti­schen Zeit­al­ters kom­plett in sich auf­ge­nom­men. Fern­se­hen ist nichts ande­res als die unend­li­che Repro­duk­ti­on der immer glei­chen Dra­ma­tur­gie: Han­deln­de Sub­jek­te, ver­ant­wort­lich für ihre Hand­lun­gen, mit­ein­an­der kon­f­li­gie­rend, intri­gie­rend, die Feh­ler machen für die sie plötz­lich zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den, die sich Alli­an­zen und Feind­schaf­ten schaf­fen. Usw. Es ist uner­heb­lich, ob das Publi­kum Mari­en­hof und Lin­den­stra­ße oder Tages­the­men und Heu­te­jour­nal schaut. Es sind die­sel­ben Geschich­ten, die hier erzählt wer­den. Und die „!der Welt“ (die die Medi­en kon­stru­ie­ren) einen Sinn ver­lei­hen.

Die­se Funk­ti­on teil­ten sich ein­mal Got­tes­dienst und Thea­ter. Wo der Got­tes­dienst die Geschich­te der Welt als Geschich­te des Han­delns Got­tes und Auf­for­de­rung zur Befol­gung sei­ner Gebo­te erzähl­te, erzähl­te Thea­ter die­se Geschich­te als Geschich­ten von Sub­jek­ten. Sich die­se kon­ser­va­ti­ve Form von Geschich­ten im Fern­se­hen anzu­schau­en ist weit ver­lo­cken­der, als das Vor­abend­se­ri­en­thea­ter aktu­el­ler Büh­nen anzu­se­hen. Dass das post­dra­ma­ti­sche Thea­ter dem Publi­kum die­se Geschich­ten schein­bar ent­ris­sen hat, führt zu zwei­er­lei: Die Beque­men blei­ben weg. Sie ver­ängs­tigt die­se schein­ba­re Sinn­lo­sig­keit des­sen, was dar­ge­stellt ist. Es ist Stress. Rei­ner Stress. Da die Welt des post­dra­ma­ti­schen Thea­ters plötz­lich als eben­so wenig vor­her­seh­bar erweist wie die Welt außer­halb die­ses Thea­ters. Wo die klas­si­sche Heils­form des Thea­ters dafür garan­tier­te, dass Büh­ne und Zuschau­er­raum getrennt sein wer­den, die Din­ge auf der Büh­ne einer nach­voll­zieh­ba­ren Kau­sa­li­tät fol­gen, bie­tet das post­dra­ma­ti­sche Thea­ter nur bedroh­li­che Kon­tin­genz. Jeder­zeit klann es pas­sie­ren, dass ich plötz­lich auf der Büh­ne fin­de – auf der aber kein Sinn mehr gemacht wird.

Der ande­re Teil des Publi­kums ist abge­bufft genug, sich sei­ne eige­nen Geschich­ten aus den Frag­men­ten zu erzäh­len, die die Büh­ne ihm bie­tet. Viel­leicht pas­sen nicht alle Tei­le hin­ein. Aber dar­auf kommt es – wie beim Ror­schach Test – am Ende auch nicht an. Viel­mehr ist das Ziel die Pazi­fi­zie­rung von Cha­os und Kon­tin­genz durch eine zusam­men­hän­gen­de, logi­sche Erzäh­lung. Was aber Thea­ter ver­säumt hat, ist: ande­re For­men des Zusam­men­hangs zu stif­ten. Nur weil die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie sich als nost­al­gi­sche Betrach­tungs­wei­se der Welt des­avou­iert hat, heißt es noch lan­ge nicht, dass nicht ande­re For­men von Zusam­men­hän­gen exis­tie­ren, die Unter­su­chung sei­tens des Thea­ters ver­die­nen. Die übri­gens Fern­se­hen weg­wi­schen könn­ten, als han­de­le es sich um eine Schlie­re auf der Glas­plat­te der Geschich­te. Solan­ge aber Fern­se­hen das beque­me Medi­um ist, das die kon­ser­va­ti­ven Geschich­ten bes­ser und mit einem syn­chron viel höhe­ren Ange­bot von 30, 40, 200 Kanä­len anbie­tet – so lan­ge wird Thea­ter weder mit dem Nach­er­zäh­len der kon­ser­va­ti­ven Geschich­ten der „Klas­si­ker“ noch mit post­dra­ma­ti­schem Bruch­stück­thea­ter eine eige­ne Posi­ti­on erhal­ten. Erst wenn es gelingt, ande­re Geschich­ten anders zu erzäh­len, kann sich Thea­ter gegen­über Fern­se­hen behaup­ten.

Thea­ter und Kino

Kino und Thea­ter schei­nen zunächst sehr ähn­li­che Ver­an­stal­tun­gen – betrach­tet aus der Per­spek­ti­ve des Publi­kums. Eine Gemein­schaft. Licht aus, Licht auf der Büh­ne, Licht an, nach Haus. Zwi­schen­drin erzäh­len Schau­spie­ler han­delnd eine Geschich­te. Der Unter­schied schein­bar: Im Thea­ter sind die Schau­spie­ler phy­sisch da. Im Kino eher nicht. Das ist platt, reicht zunächst – um wei­ter zu gehen.

Kino ist zunächst die Kunst der Repro­du­zier­bar­keit. Wo Thea­ter loka­les Stadt­thea­ter immer nur sein kann,verknüpft Kino Wel­ten. Der iden­ti­sche (schein­bar – auch jen­seits der Syn­chro) Film ver­bin­det die Zuschau­er in den USA mit denen in Deg­gen­dorf, Oth­mar­schen und Schleitz mit­ein­an­der. Eine Welt schaut Kino mit Welt­stars, die durch ihre Auf­tre­ten in die­sen Welt­me­di­en zu über­mensch­li­chen Erschei­nun­gen wer­den. Soge­nann­ten Welt­stars. Mit durch­aus reli­giö­sen Impli­ka­tio­nen. Das Kino erzählt die Gleich­nis­se wei­ter, derer sich alle Welt­re­li­gio­nen bedien­ten. Die Legen­den, Hei­li­gen­ge­schich­ten und Erlö­sungs­er­zäh­lun­gen. Nie wer­den die Welt­stars phy­sisch erleb­bar. Sind seind für Otto­nor­mal­ki­no­be­su­cher rei­ne TRan­szen­den­ta­li­en. Hypo­the­sen. Ins­be­son­de­re nach ihrem Able­ben, das für ihre Kino­prä­senz irrele­vant ist. Der Film­schau­spie­ler ist schon immer ein Toter, der für sein Nach­le­ben sorgt.

Anders der Thea­ter­dar­stel­ler, der in sei­ner Dorf anwe­send ist – und dort eine selt­sam her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung ein­nimmt. War das jahr­hun­der­te­lang eine nega­tiv kon­no­tier­te (das fah­ren­de Volk)  — hat es sich zuneh­mend zu einem posi­tiv Kon­no­tier­ten geän­dert, das die Thea­ter­schau­spie­ler zumin­dest für die thea­ter­in­ter­es­sier­ten zu beson­de­ren Per­so­nen macht. Aura­tisch – frei nach Ben­ja­min. Das aber knackt die Nuss nicht, in wel­che Ecke Kino das Thea­ter drängt. Bzw. in wel­che Ecke sich Thea­ter vom Kino drän­gen­lässt. Und das ist bedau­er­lich ein­fach zu sagen. Kino schmeißt sich auf die „gro­ßen“ Stof­fe und „gro­ßen“ Geschich­ten. Und erzählt sie mit „gro­ßem“ Auf­wand. Geschich­ten von Leben und Tod, von Schuld und Süh­ne, von Gesetz und Rache, von Lie­be, Eifer­sucht, Kon­flikt. Kino erzählt die Geschich­ten Shake­so­rea­res, Schil­lers, Goe­thes, Raci­nes mit deren Fähig­keit, sie zu gro­ßen Geschich­ten zu machen. Und Thea­ter? Weiss nichts bes­se­res zu tun, als die alten Geschich­tenm wie­der auf­zu­brü­hen, die jeder kennt und jeder nur „wie­der­se­hen“ will, als habe er sie beim letz­ten Mal im Kino gese­hen und kön­ne nun idento­sche Repro­duk­ti­on der „Klas­si­ker“ for­dern. Thea­ter in Deutsch­land sind von einer inhalt­li­chen Lächer­lich­keit, dass es ein Wun­der ist, dass Men­schen noch immer hin­ge­hen, anstatt sich die gro­ßen neu­en Geschich­ten East­woods, der Coens, der Wach­woskis, Nolans, Allens anzu­se­hen – oder noch ein­mal die alten Geschich­ten von Ford, Wyler, Cur­tiz, Wil­der, Hus­ton, Man­kie­qicz, Zin­ne­man, Minel­li, Hitch­cock, Reed, Schle­sin­ger, Schaff­ner, Fried­kin, Hill, Cimi­no, Stone, Pollack, und so wei­ter. Ver­gleicht man die „Flug­hö­he“ der Geschich­ten die­ser Regis­seu­re mit der Flug­hö­he des Thea­ters, kann am Ende nur ste­hen: Lach­haft.

Aber: Anders als die Fern­seh­rou­ti­ne arbei­ten Kino­fil­me an die­sen Geschich­ten. Hier wird nicht nur die kon­ser­va­ti­ve Dra­ma­tur­gie repro­du­ziert – es wird durch­aus aktiv mora­li­siert. Heißt: Ame­ri­ka­ni­sches Kino kommt etwa in den sel­tens­ten Fäl­len ohne die Fei­er der Fami­lie aus. Der (sturm- und drän­ge­ri­sche) Selbst­hel­fer in Form des Bron­son-Selbst­jus­tiz­lers oder des Die-Hard-Selbst­ret­ters sind Ste­reo­ty­pen des ame­ri­ka­ni­schen Kinos, die durch­aus eine Stel­lung­nah­me hin­sicht­lich der gegen­wär­ti­gen Staats- und Gesell­schafts­ver­fas­sung impli­zie­ren. Ins­be­son­de­re die Funk­ti­on von indi­vi­du­ell aus­ge­üb­ter Gewalt kann inter­pre­tiert wer­den als ein Wer­te­sys­tem, das die Kino­er­zäh­lun­gen, die nun ein­mal zumeist aus Ame­ri­ka kom­men, ver­tre­ten. Mit sol­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen wäre Thea­ter heu­te voll­kom­men über­for­dert. Dem Kino hat Thea­ter die Inhal­te über­las­sen.

Thea­ter und Inter­net

Inter­net könn­te den deut­schen­Thea­tern den fina­len Todes­stoß ver­set­zen. Nicht etwa, weil das Publi­kum vor den Rech­nern bleibt anstatt ins Thea­ter zu gehen. Son­dern weil die Netz­ge­sell­schaft Thea­ter nur noch als Rudi­ment oder Sedi­ment einer über­kom­me­nen Zeit sehen wird. Doie Welt der Sub­jek­te, der ihnen zuschreib­ba­ren Hand­lun­gen in einem dra­ma­tur­gisch geschlos­se­nen Geflecht gibt es nicht mehr. Die­se Welt ist irgend­wann in den letz­ten 10–20 Jah­ren unter­ge­gan­gen. Boltanski/Chiapellos Rede von der Netz­ge­sell­schaft und der Netz­öko­no­mie, Luh­manns sozia­le Sys­te­me kom­men der Welt (wenn es eine sol­che noch ist) in ihren Beschrei­bun­gen weit näher, als Thea­ter. Jene alter­tüm­li­che Grund­ver­fas­sung des „oben sitzt einer – die ande­ren schau­en zu“ ist einer Zeit der Thron­re­den, der Kan­zeln, der Podi­en und Par­la­men­te zuge­hö­rig, die been­det ist. In die­ser Zeit sorg­te der gesell­schaft­li­che Rang für garan­tier­te Auf­merk­sam­keit. Man konn­te die ent­spre­chen­den Medi­en „besit­zen“. Zum Bei­spiel ein Thea­ter. Durch das Netz dreht sich die­ses Ver­hält­nis um: Auf­merk­sam­keit erzeugt jetzt den gesell­schaft­li­chen Rang. Die Medi­en dafür befin­den sich in aller Hän­de. Und die Macht einer sich kon­sti­tu­ie­ren­den Inter­es­sen­ge­mein­schaft  ist grö­ßer als es die­je­ni­ge einer Zen­tral­macht noch sein kann. Nun gehört aber auch Thea­ter noch in die­se Zen­tral­macht- und Zen­tral­per­spek­ti­ven­zeit. Der Zuschau­er wird aus­ge­blen­det, hat ruhig und pas­siv zu sein, mög­lichst nicht zu hus­ten, sich nicht zu bewe­gen und zuzu­schau­en du zu hören. Das Thea­ter­pr­o­sze­ni­um ist ein Dis­zi­pli­nar­raum – der Schu­le enorm ähn­lich. Aber selbst die Schu­le funk­tio­niert nicht mehr so wie die Schu­le. Das heißt: Die Eigen­ak­ti­vi­tät des Zuschau­ers wird aus­ge­schal­tet und unter­drückt – in einem Zeit­al­ter, da die Eigen­ak­ti­vi­tät zum wich­tigs­ten kul­tu­rel­len Bestand­teil wird.

Das Sen­der-Emp­fän­ger-Modell gehört auf den Müll­hau­fen der Gesell­schafts- und Poli­tik­ge­schich­te. Neben das Sub­jekt. Nicht weil das Sub­jekt auf­ge­löst wäre und „dekon­stru­iert“  son­dern weil es in sei­ner Nach­fol­ge dar­um gehen wird, ein­zel­ne sowohl in ihrer zuneh­men­den Macht wie in ihrer zuneh­men­den Macht­lo­sig­keit zu ver­ste­hen. Wer sich die­ser neu­en Fra­ge aus­setzt – und das tut ein jeder, der im Netz „lebt“ – der wird die alten Fra­gen des Thea­ters ein­fach so gut ver­ste­hen wie die Hie­ro­gly­phen im Tal der Köni­ge. Es sind Relik­te einer ande­ren Zeit. Und Thea­ter haben noch nicht begrif­fen, dass es die­sen Zei­ten­wech­sel gab. Wie wäre ein Thea­ter unter den Bedin­gun­gen der Netz­ge­sell­schaft zu den­ken? Nicht durch Dar­stel­lung eine jugend­li­chen Com­pu­ter­nerds, der ganz unglück­lich wird und erst das Leben ent­deckt, als er eine ech­te Freun­din fin­det, die er in einer rüh­ren­den Sze­ne als Kör­per statt als Maschi­ne ent­deckt bla­bla­bla. Thea­ter in sei­ner Gesamt­heit muss sich selsbt befra­gen. Wozu die­se ers­tens sau­teu­ren und zwei­tens völ­lig unfle­xi­blen Mega­klöt­ze in den Städ­ten. Ver­kauft die an Ein­kaufs­zen­tren­be­trei­ber oder Kino-Mul­ti­ple­xe (das TAT in Frank­furt hats vor­ge­macht) und sucht euch Spiel­stät­ten, die heu­tig sind. Die Plüsch­puffs der letz­ten Jahr­hun­der­te sind dafür jeden­falls schein­bar ziem­lich unge­eig­net.

Wie gesagt – die Über­le­gun­gen bezo­gen sich auf Garo­fa­los Hin­weis, das es viel­leicht das Publi­kum sei, das für die Mise­re ver­ant­wort­lich ist. Und das Publi­kum hat offen­bar recht damit, Thea­ter in die­se Mise­re zu stür­zen.

Ich wür­de gere noch einen Teil über die fehl­ge­lei­te­te Aus­bil­dung anhän­gen, von der Garo­fa­lo schreibt. Dafür feh­len mir aller­dings die Infor­ma­tio­nen.

Thea­ter und Kri­tik

Das The­ma „Ober­flä­chen­kunst“ der Thea­ter­kri­tik wür­de ich ger­ne noch wei­ter ver­fol­gen. Nacht­kri­tik, Thea­ter Heu­te, Thea­ter der Zeit, FR, SZ, FAZ habens ver­dient. Ich fürch­te, sie sind tat­säch­lich die eigent­lich schul­di­gen, dass Thea­ter sind kei­nen Schritt bewe­gen. Dass Thea­ter dar­auf und dran sind sich selbst abzu­schaf­fen. Weil die blo­ße Kri­tik des rei­nen Ver­gnü­gens, die von der gegen­wär­ti­gen Kri­tik betrie­ben wird, weder Auf­for­de­rung an Thea­ter ist, Din­ge anders zu machen. Noch in der Lage wäre, Inhalt­li­ches zu reflek­tie­ren und zum wesent­li­chen Bestand­teil der Kri­tik jen­seits von „hat mich hübsch unter­hal­ten“ zu wer­den. Mit Wal­ter Ben­ja­min wäre dem­ge­gen­über zu pos­tu­lie­ren: „Kri­tik schließt die Erkennt­nis ihres Gegen­stan­des ein.“ Und es schließt noch weit mehr ein: Die Erkennt­nis des Den­kens durch sich selbst:

Die Theo­rie der Gegen­stands­er­kennt­nis ist durch die Ent­fal­tung des Refle­xi­ons­be­griffs in sei­ner Bedeu­tung für den Gegen­stand bestimmt. Der Gegen­stand, wie alles Wirk­li­che, liegt im Refle­xi­ons­me­di­um. Das Refle­xi­ons­me­di­um ist aber metho­disch oder erkennt­nis­theo­re­tisch ange­se­hen das Medi­um des Den­kens, denn es ist nach dem Sche­ma der Refle­xi­on des Den­kens, der kano­ni­schen Refle­xi­on, gebil­det. Zur kano­ni­schen Refle­xi­on wird die­se Refle­xi­on des Den­kens, weil in ihr am evi­den­tes­ten die bei­den Grund­mo­men­te aller Refle­xi­on sich aus­ge­prägt fin­den: Selbst­tä­tig­keit und Erken­nen. Denn in ihr wird das­je­ni­ge reflek­tiert, gedacht, was doch allein reflek­tie­ren kann: das Den­ken. Es wird also selbst­tä­tig gedacht [hört, hört; AdV]. Und weil es als sich selbst reflek­tie­rend gedacht wird, wird es als sich selbst unmit­tel­bar erken­nend gedacht.

Es lohnt  sich für ange­hen­de Kri­ti­ker (und ich ken­ne bes­ten­falls sol­che) die Aus­füh­run­gen Ben­ja­mins (noch­mals?) zur Kennt­nis zu neh­men. Nicht weil der roman­ti­sche Kunst­kri­tik­be­griff der letzt­mög­li­che wäre. Aber weil er doch zumin­dest die Funk­ti­on des Den­kens jen­seits der vor­ro­man­ti­schen Kunst­rich­te­rei in Stel­lung bringt. Thea­ter lässt sich nicht ver­ste­hen noch kri­ti­sie­ren ohne eine Selbst­re­fle­xi­on des Kri­ti­kers – es sei denn er wol­le sich in Beschrei­bun­gen der Art „Madame Hen­seln starb unge­mein anstän­dig“ (Les­sing, Ham­bur­gi­sche Dra­ma­tur­gie) wie­der erge­hen (was natür­lich für Les­sing nicht gilt). Eine Kri­tik ohne Selbst­re­fle­xi­on des kri­ti­schen oder kri­ti­sie­ren­den Bewusst­seins ist – hohl. Es wird geschmäck­le­risch, klebt unbe­merkt an den eige­nen Vor­ur­tei­len. Und wird das Sin­ken des Schiffs „Print­zei­tun­gen“ nicht über­le­be. Die Schwie­rig­kei­ten, die nach­kri­tik dabei hat, Leser zu fin­den (abge­se­hen von ihrem besch …. Lay­out) kom­men auch daher, dass es ein­fach nicht von Inter­es­se ist, was ein­zel­ne Kri­ti­ker aus dem Bauch her­aus hin rülp­sen. Was für einen kom­men­den Unter­gang der Kri­tik spre­chen könn­te – aber eben auch auf das Thea­ter selbst zurück­schlägt, des­sen gedank­li­che Ansät­ze (mit enorm weni­gen Aus­nah­men) nicht reflek­tiert, son­dern ger­ne noch als lächer­lich abge­tan wer­den (eben weil sie gedank­li­che Ansät­ze sind). Was weder das Wei­ter­den­ken för­dert, noch über­haupt das Den­ken. Son­dern ein­fach nur ein „Malen nach Zah­len“ Thea­ter, das hüb­sche Ober­flä­chen­ef­fek­te pro­du­ziert, um einer geschmäck­le­ri­schen Kri­tik Genü­ge zu tun.

In sum­ma

Ein Thea­ter, das selbst kei­ne kri­ti­sche (und das heißt: reflek­tier­te) Aus­ein­an­der­set­zung mit der Gesell­schaft betreibt, wird von Spiel­kon­so­len, Fern­se­hen, Kino, Thea­ter ins Ster­be­hos­piz gedrückt. Und die gegen­wär­ti­ge Thea­ter­kri­tik for­dert von den Thea­tern nichts, als wenigs­tens schö­ne Lei­chen zu sein.

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