Tribalisation und Schrifttheater

November 15th, 2009 Kommentare deaktiviert für Tribalisation und Schrifttheater Autor: Ulf Schmidt

Sich dem real existierenden zuzuwenden kann jederzeit eine gute Idee sein. Ob es eine gute Idee ist, die eigenen Forschungsinteressen bruchlos auch dem Publikum vorstellen zu wollen und „die Realität“ oder „reale Experten“ oder „authentische Menschen“ auf die Bühne zu stellen, heißt: zu glauben, der Forschungsprozess bleibe als Gespielter oder Inszenierter noch immer Forschungsprozess oder eine Teilnahme an Realprozessen und theatraler Flagge entschleiere noch immer diese Prozesse. Man müsse also die Realität nur auf die Bühne bringen oder die Theaterzuschauer in die Realität als Betrachter setzen. Man hüte sich hier vor Naivität. Denn ähnlich wie Midas verwandelt auch Theater alles was es berührt. Nicht in Gold. Aber in Theater. „Realität“ hat Platz im Theater – schließlich ist Theater relativ „real“. Aber beide verweben sich komplex ineinander, sodaß Realität im Theater keine Realität mehr ist sondern zu einer anderen oder etwas anderem als Realität wird.

Nun aber – was folgt daraus? Die radikale Hinwendung zum direkt Umgebenden realen führt zur radikalen Lokalisierung und Personalisierung von Theater. Anders gesagt: Tribalisierung. Stammesbildung wie zu Zeiten der Neuberin. Mehr oder minder mobile Schauspieltruppen, wie sie durch Lessings Initiativen für stehende Bühnen bekämpft wurden. Und zwar aus gutem (nicht im Überleben der Schauspieler gegründeten) Antrieb. Gleichzeitig mit dieser Form des stehenden Theaters, das sich der Literatur zuwandte, entstand der Rechtsstaat. Mählich und Schrittweise. Aber er entstand. Und (um ein Geheimnis zu verraten): beider Gemeinsamkeit ist eben genau das Verhältnis von (Vor-)Schrift und lebendiger Umsetzung. Es ist das fundamentale Spannungsverhältnis eines jeden Rechtsstaates, wie das Verhältnis zwischen gesetzlichen Regelungen und des durch Gesetze Geregelten gestaltet und organisiert wird. Denn nicht machen allein „gute“ und gerechte Gesetze den Rechtsstaat aus- Sondern die rechtmäßige Anwendung der Gesetze wie zugleich die Regelbarkeit des zu Regelnden machen das Rechtsstaatgebilde aus. Und die Frage, ob es sich hier um Werktreue oder Regietheater handelt, kann das Gesetz selbst nicht bestimmen. Niemals. Was das Theater so spannend macht.

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