Zum Begriff der Inszenierung und ihrer Kritik: Unsortiertes zur Funktion der Kritik

Juli 12th, 2011 Kommentare deaktiviert für Zum Begriff der Inszenierung und ihrer Kritik: Unsortiertes zur Funktion der Kritik Autor: Ulf Schmidt

Als Insti­tu­ti­on kam der Thea­ter­kri­tik im Zeit­al­ter des Dra­ma-Thea­ters die Funk­ti­on einer­seits des Wäch­ters über den Wan­de­rungs­pro­zess wie auch die kon­trol­lie­ren­de Rück­über­set­zung des Wan­de­rungs­pro­zes­ses aus dem geschrie­ben Text auf die Sze­ne zu. Die Kri­tik ent­schied,  ob der vom vor­ab lesen­den Kri­ti­ker ent­bor­ge­ne Eigen­sinn des Stücks sich auch nach der Sinn­wan­de­rung auf die Sze­ne noch wie­der­fin­det und ob die sinn­li­che Ober­flä­chen­ge­stalt ihre Auf­ga­be erfüllt hat, einen fes­seln­den Abend zu bie­ten. Bei­des stellt die Kri­tik in der geschrie­ben Kri­tik aus und dar, gibt ein Kon­den­sat des Sinns des Abends, sowie eine Rei­he von Hin­wei­sen auf die mehr oder min­der fes­seln­de Aus­ge­stal­tung des Abends wie­der.

Zwi­schen De- und Rekon­struk­ti­on

Natür­lich gibt es die­sen Pro­zess in die­ser sta­li­nis­ti­schen Sim­pli­zi­ta­et spä­tes­tens seit dem Zeit­punkkt nicht mehr, da auch Regis­seu­re sich selbst als schöp­fe­ri­sche Künst­ler und nicht mehr nur als Fremd­sinn­trans­port­ar­bei­ter ver­stan­den. Je mehr sich die Über­zeu­gung durch­setz­te, dass der Eigen­sinn alles ande­re als ein-deu­tig ist, dass anstel­le eines ewi­gen Sinns zeit_, orts- uns per­sön­li­che Kon­sti­tu­tio­nen und Erfah­run­gen des Lesers von wesent­li­chem Ein­fluss dar­auf waren, was als Sinn eines Tex­tes zu gel­ten hat, des­to heik­ler und offe­ner war die Sinn­ge­bung des sze­ni­schen Gesche­hens im Rück­be­zug auf die Viel­sin­nig­keit des Stücks. Die Insze­nie­rung begann unauf­lös­lich zu schwan­ken zwi­schen Rekon­struk­ti­ons­ver­su­chen des text­li­chen Eigen­sinns im neu­en sze­ni­schen Kör­per (als Werk­treue), der Neu­in­ter­pre­ta­ti­on eines ver­meint­lich fest lie­gen­den Sin­nes und der direk­ten Dekon­struk­ti­on eines durch Gewohn­heit als fest und gege­ben ange­nom­me­nen Eigen­sin­nes. Zugleich wuchs damit der Kri­tik die Funk­ti­on zu, die Bezie­hung zwi­schen text­li­chem und sze­ni­schem Eigen­sinn zu bemer­ken, zu beden­ken, zu beschrei­ben und zu beur­tei­len. Statt nur­mehr zu urtei­len, ob der text­li­che Eigen­sinn auf der Büh­ne buch­sta­ben­treu wie­der­ver­kör­pert wur­de, hat­te die Kri­tik nun neue Les­ar­ten, Sinn­di­men­sio­nen, Inter­pre­ta­tio­nen zu doku­men­tie­ren und mit Blick auf den Text ein­zu­ord­nen.

Die Auf­ga­be des Begriffs der Insze­nie­rung stellt auch die Kri­tik vor eine neue Auf­ga­be – es sei denn, sie begnügt sich mit der blo­ßen „Like“-Funktion, d.h. als pri­mus inter pares ers­ter Pro­dukt­be­wer­ter auf einer ama­zo­n­ar­ti­gen Thea­ter­platt­form zu sein und den ori­en­tie­rungs­lo­sen Groß­stadt­be­woh­nern Hil­fe­stel­lung bei der mög­lichst effi­zi­en­ten und genuss­op­ti­mier­ten Abend­ge­stal­tung zu geben. Die Beant­wor­tung der Fra­ge: Soll ich oder nicht heu­te ins Thea­ter gehen? Soll ich oder nicht die­se „Insze­nie­rung“ anschau­en kann aller­dings nicht die letz­te Schrumpf­form der Kri­tik sein und blei­ben. Das blo­ße Geschmacks­rich­ter­tum wür­de durch das Ange­bot einer Besu­cher­be­wer­tung letzt­lich aus­ge­he­belt und über­flüs­sig gemacht – wie der Exper­ten­test in einem Auto­ma­ga­zin durch motor-talk.de, wo über 1 Mil­li­on Mit­glie­der unge­fil­ter­te, erfah­rungs­ba­sier­te Mei­nun­gen zu allen mög­li­chen Autos abge­ben. Als Stif­tung Thea­ter­test wird Kri­tik eben­so wenig eine Zukunft haben, wie als blo­ße Wer­be­maß­nah­me für Thea­ter.

Kri­tik nach der Insze­nie­rung

Wenn sich die hier­ar­chi­sche Unter­ord­nung der Büh­ne unter den Eigen­sinn des Tex­tes ver­schiebt zu einer eigen­sin­ni­gen, viel­leicht nicht ein­mal mehr auf einer begrenz­ten Büh­ne, mit einem nicht ein­mal mehr fest­ge­setz­ten Publi­kum, zu einer Form für die der Name noch fehlt, in der Text mehr wird als das Mate­ri­al im post­dra­ma­ti­schen Thea­ter (d.h. sich das Thea­ter­schrei­ben auch nicht mehr ängst­lich zurück­zieht auf ein „Ich lie­fe­re nur Mate­ri­al“ Posi­ti­ön­chen, das letzt­lich aus dem einen Extrem der Beherr­schung der Sze­ne­rie durch Schrift in das ande­re, das Mau­se­loch-Extrem des „Ich schlag ja nur Wör­ter vor“), ohne in „Das Dra­ma“ zurück­zu­fal­len, dass nach „Insze­nie­rung“ ruft, wenn sich Unter­ord­nung also in Bei­ord­nung ver­än­dert – dann kann auch Kri­tik nach der Ablö­sung des geset­zes­ar­ti­gen Pri­mats der Schrift nicht anders, als den Rich­ter­thron zu ver­las­sen und sich selbst bei­zu­ord­nen. Wenn der Text als Stück in sei­ner Fak­tur zu einer maxi­ma­len Fer­tig­keit vor­an­ge­trie­ben, sich doch dabei der eige­nen Stück­haf­tig­keit und Beta-Ver­si­on bewusst blei­bend, auf der Sze­ne­rie befin­det, die sich eben­so – trotz aller Ver­fer­ti­gung – der Nicht­fer­tig­heit bewusst bleibt, die immer schon dar­in bestand, das Thea­ter (wie die Skulp­tur des Mar­mor­blocks) erst im Betrach­ter zum Thea­ter wur­de, dann kann die Kri­tik, ohne sich selbst ein abschlie­ßen­des Urteil anma­ßen zu wol­len, nicht anders als selbst zum Teil des­sen zu wer­den, was gesche­hen ist. Nicht etwa im Sin­ne der For­de­rung nach einer „kon­struk­ti­ven Kri­tik“, die schon immer Blöd­sinn war. Son­dern im Sin­ne einer „ein­grei­fen­den Kri­tik“. Von der Kri­tik ist zu for­dern, dass sie das Thea­ter for­dert. Her­aus­for­dert.

Von der Kri­tik der Insze­nie­rung zur Thea­ter­kri­tik

Wenn die Kri­tik weder beschrei­ben muss, was zu erle­ben war, noch den Sinn wie­der­ge­ben oder beur­tei­len, ob der Sinn den Sinn getrof­fen hat, noch auch sich in der Like-Funk­ti­on erschöp­fen will, kann Kri­tik sich nur aus­ein­an­der­set­zen, womit Thea­ter sich aus­ein­an­der­setzt – anstatt sich mit dem gese­he­nen Thea­ter aus­ein­an­der­zu­set­zen.  Anstatt das Thea­ter zu beur­tei­len, muss Kri­tik zu dem­je­ni­gen Teil von Thea­ter wer­den, der sie schon immer war.

Was „ist“ Kri­tik?

Über­haupt – die Kri­tik ist was eigent­lich (oder Unei­gent­lich?). Wenn Kunst sich mit Din­gen aus­ein­an­der­setzt und sie zu gemach­ten Din­gen macht, die kei­nen Zweck haben außer dem, gemach­te Din­ge zu sein, was ist dann der „Sinn“ der Kri­tik, um ein gro­ßes Wort zu bemü­hen? Wenn Kunst Beob­ach­ter erschafft, die ein Ding als Kunst­werk sehen und damit einen ande­ren Blick auf ein Ding wer­fen, auf eine Kunst­tan­ne zwi­schen 1000 Natur­tan­nen, dann ist Kri­tik die Insti­tu­ti­on, die ein­setzt, wenn der Beob­ach­ter danach fragt, was der Unter­schied ist oder war­um es ihn gibt. Der Unter­schied zwi­schen der Kunst­tan­ne und der Natur­tan­ne. Der Unter­schied zwi­schen Büh­ne und Nicht­büh­ne. Der Unter­schied also zwi­schen Gescheh­nis­sen und Sinn. Wobei „Sinn“ ziem­lich gut den mythos von Aris­to­te­les über­setzt: Es ist die Zusam­men­fü­gung der Gescheh­nis­se. Anders als die Gescheh­nis­se außer­halb der Büh­ne, die gesche­hen, sind die Gescheh­nis­se hier zusam­men­ge­setzt.  Und die Kri­tik nimmt die­se Zusam­men­ge­setzt­heit als Zusam­men­ge­setzt­heit in den Blick. Gleich dem Pan­the­is­ten, der über­all, wo Wan­de­rer nur zufäl­li­ge Natur wahr­neh­men, das Wir­ken Got­tes beob­ach­tet und als den Sinn der Welt ver­steht, erblickt der Kri­ti­ker die Zusam­men­ge­setzt­heit der Gescheh­nis­se als Gemach­te. Zunächst als von einem Künstler/Gott gemach­te – in einer Netz­werk­ge­sell­schaft aber …? Die Autor­schaft, das ein­fa­che Sub­jekt des bereits zitier­ten logi­schen Sat­zes

Regis­seur X insze­niert Stück Y von Dra­ma­ti­ker Z am Thea­ter A in Stadt B.

schwin­det. Die Auto­ri­tät, Autor­schaft, Füh­rer­schaft. Das macht Unru­he, Angst.

 Der Sinn der Kri­tik

Sinn ent­steht im Zusam­men­spiel mit der Fra­ge nach dem “War­um”, und wenn die­ses “War­um” nicht im Sin­ne einer indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­schen Moti­va­ti­ons­ma­trix beant­wor­tet wer­den soll, son­dern im Sin­ne eines Zusam­men­hangs mit dem Zusam­men­hang, in dem es sich befin­det oder nicht befin­det, dann kann letzt­lich die War­um-Fra­ge der Kri­tik nur die Sinn­fra­ge sein. Die­se Sinn­fra­ge ent­steht nicht von sich aus. Die­ses, jenes oder das zu tun kann lebens­welt­lich ohne die Sinn­fra­ge des­sen ablau­fen, der tut ohne zumin­dest ohne dass er reflek­tiert bzw. beob­ach­tet, was er tut, und wie es einen Zusam­men­hang mit den Zusam­men­hang bil­det, in dem er sich befin­det. Unaus­weich­lich wird die Fra­ge erst im Appell, der zugleich Appell an die Ver­ant­wor­tung ist, sofern Sinn eine (viel­leicht sogar: die) mög­li­che Ver­ant­wor­tungs­di­men­si­on lie­fert. Dabei ist Sinn nicht die ein­fa­che Ant­wort im Sin­ne eines  sim­pel kau­sa­len “die­ses bewir­ken”,  die­ses aus­lö­sen”, die­ses “anschal­ten”, also eine ein­fa­che Rela­ti­on aus einem Tun und etwa, das oder an dem getan wird. Son­dern die­ser simp­le mecha­nis­ti­sche Kau­sal­zu­sam­men­hang stellt sich selbst erst in einen Sinn/Zusammenhang, wenn es im Zusam­men­hang mit dem beob­ach­tet oder reflek­tiert wird, womit es zusam­men hängt. Die Fra­ge: War­um hast du den Schal­ter betä­tigt? bekommt als kau­sal­me­cha­ni­sche Ant­wort “Um Licht zu machen“. Der Sinn­zu­sam­men­hang aber begreift den gesam­ten Zusam­men­hang ein, in dem nicht nur der Schal­ter, son­dern auch das Licht, der Raum und alles Zusam­men­hän­ge, die damit zusam­men hän­gen ste­hen. Die indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­sche Ant­wort “Ich mag’s gern hell” ver­mag zwar für den­je­ni­gen, der das Licht ange­schal­tet hat, einen indi­vi­du­el­len Sinn­zu­sam­men­hang her­stel­len — im Bereich der Kunst ist sei­ne Ant­wort aber nicht letzt­end­lich, es sie denn, sie schlös­se an einen Sinn­zu­sam­men­hang an, der die indi­vi­du­el­le Per­spek­ti­ve in einen wei­te­ren Sinn­zu­sam­men­hang ein­baut. Einen Sinn­zu­sam­men­hang etwa, der den Künst­ler als Inbe­griff der Kunst­welt sieht und mit die­sem spon­tan und auto­nom aus sich schöp­fen­den Genie, das es ger­ne hell mag, bereits eine hin­rei­chen­de Ein­ord­nung in einen Sinn­zu­sam­men­hang bringt, auf die der Betrach­ter des Kunst­stücks da mit dem­sel­ben “Recht” ant­wor­ten kann: Ich nicht. Und sich damit als Kunst­rich­ter dem sel­ben Sinn­zu­sam­men­hang ver­pflich­tet fühlt, der aller­dings wei­te­re Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­schließt, da sich über die­se Form der Geschmäck­le­rei nicht nur nicht strei­ten, son­dern eigent­lich auch nichts sagen lässt. Ob aber ein Sinn ent­ste­hen kann, etwa ange­sichts einer Sin­gu­la­ri­tät, die sich in einen vor-han­de­nen Sinn­zu­sam­men­hang nicht ein­fach inte­grie­ren oder an ihn anschlie­ßen lässt, die also zunächst als sinn-los erscheint, ist eine Fra­ge, die erst beant­wor­tet wer­den kann, wenn sie gefragt wird. Ob der Künst­ler dar­auf eine Ant­wort gibt oder nicht, ist dabei nicht von Belang — hier lässt sich an Luh­mann inso­fern anschlie­ßen, als bei ihm der Künst­ler auch nur ein Beob­ach­ter ist, der an das, was er tut, die Fra­ge nach dem Sinn nur aus sei­ner, gegen­über ande­ren Beob­ach­tern nicht grund­sätz­lich ver­schie­de­nen Beob­ach­ter­po­si­ti­on stel­len kann. Aller­dings hat der Künst­ler vor dem Ver­merk “fer­tig” die exklu­si­ve Chan­ce, das Werk, das er beob­ach­tet auf­grund sei­ner Beob­ach­tun­gen noch zu ver­än­dern. Wenn das Ver­merk “fer­tig” aber dar­auf prangt, wenn als Pre­mie­re ist, das signier­te Bild in der Gale­rie hängt, das Buch gedruckt ist, die Musik gespielt wird, ist auch er nur Beob­ach­ter. Und ande­re Beob­ach­ter mögen hin­sicht­lich des Sinn­zu­sam­men­han­ges zu ande­ren Aus­sa­gen kom­men, als er selbst. Er ist dann eine Stim­me unter ande­ren. Was sich — lebens­welt­lich gesagt — beschis­sen genug anfühlt. Der Sinn der Kri­tik nun ist, zunächst die Sinn­fra­ge in Anschlag zu brin­gen in der Begeg­nung mit dem Kunst­stück. Und zudem die beob­ach­te­ten Sinn­kon­kre­ti­sa­tio­nen dann in einem — selbst wie­der nicht selbst­ver­ständ­li­chen, son­dern ver­ständ­nis­be­dürf­ti­gen Arte­fakt (Text, Video) ande­ren Beob­ach­tern zugäng­lich zu machen, die zumeist erst durch die­sen Akt der Zugäng­lich­ma­chung die Chan­ce haben, aus dem Stand der Gaf­fer und wahr­neh­men­den Zuschau­er in eine Beob­ach­tung oder Refle­xi­on ein­zu­tre­ten. Der Sinn der Kri­tik ist also, in der Kri­tik die Fra­ge nach dem Sinn zu stel­len, zu arti­ku­lie­ren und einen Ant­wort­ent­wurf vor­zu­ge­ben. Ob die­ser Sinn den Sinn trifft, den der Leser der Kri­tik in der oder nach der Betrach­tung des “sel­ben” Kunst­werks kon­stru­iert oder kon­ze­diert, ist damit nicht gesagt. So wenig zwei Regis­seu­re das “sel­be” Stück iden­tisch insze­nie­ren, so wenig wahr­schein­lich ist es, dass die Leser einer Kri­tik den sel­ben Sinn ver­ste­hen oder not­wen­di­ger­wei­se den im Kri­tiktext wie­der­ge­ge­be­nen Sinn des Kunst­werks tei­len wür­den. Da der Zusam­men­hang, in den das Werk ein­ge­baut oder an den es ange­schlos­sen wer­den muss, ein indi­vi­du­ell  Ver­schie­de­ner ist, kann, wird oder muss auch der Sinn­zu­sam­men­hang, der dar­aus ver­stan­den wird, ein unter­schied­li­cher sein. Es sei denn — und hier kom­men wir zur gemein­schafts­bil­den­den Dimen­si­on von Kunst — es han­delt sich um ein Werk, das sei­ne Sinn-Ent­schluss­fä­hig­keit vor allem durch Zusam­men­häng bil­det oder zu bil­den ver­sucht, die eine gewis­se Grup­pe von Indi­vi­du­en tei­len. Dann wird die Grup­pen­bil­dung die­ser Grup­pe gera­de dadurch urgiert, dass sie einen gemein­sa­men Sinn­zu­sam­men­hang aus die­sem Werk ablei­ten kön­nen. Man nennt so etwas etwa „Natio­nal­kunst“.

Der Wider­spruch der Kri­tik

Nicht ein­mal in ihren plat­tes­ten Dau­men­hoch-Aus­prä­gun­gen ver­steht Kri­tik sich als wider­spruchs­lo­ses Hin­neh­men. Noch in der ein­fa­chen Aben­de­vent-Bes­ten­lis­te fin­det sich ansatz­wei­se die Fra­ge nach „War­um soll­te ich hin­ge­hen?“, in der sich ver­klau­su­liert die Fra­ge nach dem Sinn wie­der­fin­det. Als Ant­wort mit dem Unter­hal­tungs­fak­tor ist bereits die Grund­an­nah­me ver­bun­den, dass der Sinn des Abends dar­in bestehe, unter­hal­tend, kurz­wei­lig, lus­tig zu sein.

Kri­tik benö­tigt – sie mag es ein­räu­men oder brüsk mit Ideo­lo­gie­ver­dacht von sich wei­sen – Kri­te­ri­en, die sie an das zu Beur­tei­len­de oder zu Kri­ti­sie­ren­de anlegt. Erst dar­in kann sie sich selbst so weit aus der Wahr­neh­mung her­aus­lö­sen, dass über­haupt die Beob­ach­tung des­sen, was gesche­hen ist, mög­lich wird. Und zugleich wird Kri­tik, wo sie über sich selbst auf­ge­klärt ist, sich ihrer Kri­te­ri­en bewusst sein und wird bereit sein, sie wie­der­um den Wider­spruch der Leser aus­zu­set­zen. Oder der Macher, die sich vom Kri­ti­ker miss­ver­stan­den füh­len dür­fen, wie einst Tsche­chow von Sta­nis­law­ski. Tsche­chow warf Sta­nis­law­ski vor, er läse sei­ne Tex­te als Tra­gö­die statt als Far­ce. Nun – Sta­nis­law­ski hät­te ihm ent­geg­nen kön­nen, dass Tsche­chow sei­ne Tex­te falsch liest. Er hät­te ihm aber auch mit Kri­te­ri­en ant­wor­ten kön­nen, mit Beob­ach­tungs­wei­sen des Tex­tes. Und eben­so könn­te der Kri­ti­ker dem Regis­seur oder den Spie­lern ant­wor­ten, dass er eben mit ande­ren Kri­te­ri­en urteilt oder mit ande­ren Kon­tex­ten beob­ach­tet.

Die kri­ti­sche Fra­ge an das zu Kri­ti­sie­ren­de lau­tet: War­um machst du das? War­um soll ich mir das anse­hen? Das hat die Kri­tik her­aus­zu­fin­den – um sich danach dazu zu ver­hal­ten.  Wenn Thea­ter sich ver­ste­hen lässt als eine Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on (die es schon immer war) und nicht der mas­sen­me­dia­len Infor­ma­ti­on – ist von der Kri­tik der Ein­tritt in die Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­lan­gen. Ich wünsch­te, Kri­ti­ken zu lesen, die Auf­füh­run­gen wider­spre­chen, anstatt sie ledig­lich zu be-spre­chen. Und Kri­ti­ken, die sich die Mühe machen, den Spruch zu fin­den, der Wider­spruch oder Zuspruch fin­den könn­te. Art is com­mu­ni­ca­ti­on. Theat­re is com­mu­ni­ca­ti­on. Gleich­zei­tig Natur­ding zu sein und kom­mu­ni­ka­ti­ver Akt, gleich­zei­tig kom­mu­ni­ka­ti­ver Akt und Natur­ding zu sein – ist die Refor­mu­lie­rung der tra­di­tio­nel­len Ansicht, Kunst sei ein nutz­lo­ses Ding mit Sinn. Kunst ist ein sinn­lo­ses Ding im kom­mu­ni­ka­ti­ven Zusam­men­hang. Was will uns der Künst­ler damit sagen/zeigen? – ist ein geflü­gel­tes Wort. Die zwei­te Fra­ge lau­tet nun: Was ist ihm dar­auf zu ent­geg­nen? Und über allem die Fra­ge: War­um erzählst oder zeigst du mir das? – die sich sowohl an den Text­schrei­ber vom Thea­ter, an den Thea­ter­ma­cher vom Kri­ti­ker an den Kri­ti­ker vom Kri­tik­le­ser gestellt fin­det. War­um schreibst du die­ses Stück? War­um machst du die­ses Thea­ter? War­um schreibst du dar­über? War­um liest du die Kri­tik? War­um schreibst du für das Thea­ter? War­um machst du Thea­ter? War­um schreibst du über Thea­ter?  Und die Ant­wort auf die Fra­ge ist kei­ne dem beob­ach­te­ten Gegen­stand Äußer­li­che – son­dern das jewei­li­ge Beta-Werk trägt sie ent­we­der in sich. Oder sie ist unsinnig.Ein Text, eine Auf­füh­rung, eine Kri­tik, mit der nicht strei­ten oder über die nicht reden lässt, ist schlecht. Er/sie mag so „gut gemacht“ sein wie sie will. Die kunst­hand­werk­li­che Dimen­si­on ist irrele­vant bzw. ledig­lich eine Rand­be­din­gung, der Weich­heit der Sitz­plät­ze und der Käl­te des Pau­sen­biers ver­gleich­bar. Wer sich ein­mal dar­an gewöhnt hat, nicht nur die nacht­kri­ti­ken zu lesen, son­dern auch die Kom­men­ta­re und Dis­kus­sio­nen dar­un­ter, ver­steht die Unum­kehr­bar­keit die­ses gesell­schaft­li­chen Wan­dels, der von der Erha­ben­heit des Kunst­rich­ter­stuhls, der sich nicht ein­mal den Notiz­block aus der Hand neh­men las­sen will,  zu einer Aus­tausch­si­tua­ti­on führt, in der der Kri­ti­ker sich mit sei­ner Kri­tik der Kri­tik stel­len muss – sei es der Leser, der Stück­schrei­ber, der Regis­seu­re, Dra­ma­tur­gen, Hos­pi­tan­ten oder auch nur der ande­ren Zuschau­er, die neben ihm saßen.

Alles wei­te­re dann dann. Jetzt erst mal Luh­manns „Kunst der Gesell­schaft“ fer­tig lesen – unter der Maß­ga­be des Ein­spruchs gegen die Behaup­tung, aus der künst­le­ri­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on kön­ne die „mate­ri­el­le Kom­po­nen­te“ aus­ge­schlos­sen wer­den. In der Kunst liegt nicht nur struk­tu­rel­le Kopp­lung vor zwi­schen Sys­tem und Mate­ri­al. Viel­leicht soll­te das die Sys­tem­theo­rie irri­tie­ren …?

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