Wachstumsmythen, Schuldenbremsen – Kasperlkochtheater

Mai 17th, 2010 Kommentare deaktiviert für Wachstumsmythen, Schuldenbremsen – Kasperlkochtheater Autor: Ulf Schmidt

Eigentlich sollte dieses Blog aus der Wirtschaftsthematik mal wieder ein wenig herauskommen. Ich wolllte über eine andere, mindestens ebenso dringende Thematik schreiben: Die bedrohung der Freiheit durch die Netzprivatisierungsversuche von Apple, Facebook, Google. Das kommt noch.

Zuvor aber zweierlei, was die hier von Anfang an vorgetragene Thematik von Wachstum und Verschuldung nocheinmal aufkommen lässt.

Zunächst behauptet der allseits unbeliebte Herr Koch auf SpOn (hier), „wir“ hätten „über unsere Verhältnisse gelebt“. Und der bereits als „brutalstmöglicher Aufklärer“ in die Annalen der Schwarzgeldaffäre eingegangene Pseudo-Vermächtniserbe will nun das „Ende der Behutsamkeit“ (Vermächtnisse ausgenommen). An der Bildung fordert er schnelle Schnitte. Und diese Sache mit der Kinderbetreuung – viel zu behutsam. Wech damit. Schließlich kanns nicht so weitergehen, dass wir auf Pump erworbenes Geld verjuxen.

Zudem stolperte ich heute morgen in der Papierausgabe der Frankfurter Rundschau (ja, Print lebt bei mir noch ein wenig) über einen Kommentar von Robert von Heusinger, dem ich wieder mal nur zustimmen kann. Und der der Schulddebatte einen anderen Zungenschlag gibt. Ich zitiere:

Nachdem nach Griechenland, Spanien und Portugal auch die neue Regierung in England harte Sparmaßnahmen verkündete und selbst Australien, das im Vergleich prächtig dasteht, versprach, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen, da war es um den Mut der Anleger geschehen. Sie begannen zu realisieren, dass sie nicht mehr auf das von den Regierungen erzeugte künstliche Wachstum zählen können. Schlimmer noch: Sie befürchten Kürzungsorgien, die eine neue Rezession provozieren könnten. (hier)

Spannend daran finde ich den Hinweis auf das „künstlich erzeugte Wachstum“. Dem stimme ich vollumfänglich zu und verschärfe: Seit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gibt es (zumindest) in Deutschland, seit ähnlicher Zeit vermutlich auch in anderen Teilen der Welt, kein Wachstum mehr. Das kompensierten die blind wachstumsgläubigen Regierungen indem sie ein künstliches Wachstum erzeugten. Mit Schulden. Man stelle sich einen Blumenhändler vor, dessen Blumenladen einfach nicht mehr zusätzlichen Umsatz und Gewinn erzeugt – und der deswegen zur Bank läuft und Geld pumpt, seiner Frau das Geld gibt, die damit bei ihm Blumen kauft. Und vom Wachstum will er die Schulden zurückzahlen. Das Bild mag blöd sein – aber die Staatsverschuldung funktioniert ebensowenig.

Das „Leben über die Verhältnisse“ hatten allerdings nicht diejenigen, den nun die Bildung und die Kitas gestrichen werden sollen. Es hatte nur und ausschließlich mit der Wachstumsideologie der Economic Taliban zu tun. Anstatt schon in der 80ern davon Abstand zu nehmen und eine Gesellschaft, einen Staat in einer nicht mehr wachsenden Volkswirtschaft zu organisieren – wurden Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, künstliche Nachfrage geschaffen. Schuldenberge aufgetürmt, die nunmehr alle beblechen dürfen. Deutsche, Griechen, Portugiesen, Spanier, Italien, Briten, US-Amerikaner, Australier. Die daraus absehbare Rezession (von der Heusinger schreibt), wird vermutlich auf einen Stand zurückwerfen, der irgendwann in den 90ern oder 80ern erreicht war. Allerdings wirds enorm teuer, das in die Wirtschaft gepumpte Geld zurück zu zahlen.

Print Friendly

Comments are closed.

What's this?

You are currently reading Wachstumsmythen, Schuldenbremsen – Kasperlkochtheater at Postdramatiker.

meta