Warum so viele Klassikerinszenierungen: Die Todsünden des Theaters (Antwort auf Nora Decker)

April 11th, 2011 § 3 comments Autor: Ulf Schmidt

Die Schauspielstudentin Nora Decker hat mir eine Frage gemailt, die nur auf den ersten Blick oft gehört und wie ein misotheatraler Stoßseufzer erscheint:

warum werden soviele bühnenklassiker inszeniert (shakespeare, goethe, ibsen, usw.)?

gab es nicht eine zeit, in der stücke geschrieben u auf die bühne gebracht wurden und gebrauchte stücke im schrank blieben?

und wenn ja, warum ist das nicht mehr so, warum sieht die hitliste der spielpläne so aus? :

1 Faust (Goethe)
2 Der Gott des Gemetzels (Reza)
3 Romeo und Julia (Shakespeare)
4 Ein Sommernachtstraum (Shakespeare)
5 Kabale und Liebe (Schiller)
6 Klamms Krieg (Hensel)
7 Werther (Goethe)
8 Szenen (Loriot)
9 Die Räuber (Schiller)
10 Maria Stuart (Schiller)
11 Nathan der Weise (Lessing)
12 Der zerbrochne Krug (Kleist)
13 An der Arche um acht (Hub)
14 Hamlet (Shakespeare)
15 Die Grönholm-Methode (Galceran)
16 Der Menschenfeind (Molière)
17 Ladies Night (Sinclair/McCarten)
18 Buddenbrooks (Mann/Düffel)
19 Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Albee)
20 Michael Kohlhaas (Kleist)

Ich finde die Frage relevant. Und möchte sie deswegen nicht per Mail sonder mit einem Posting beantworten.

Erster Ansatz: Der Markt

Man könnte es sich einfach machen und angebotsökonomisch argumentieren: „Nunja, es gibt halt nicht genug Nachschub, der inszeniert werden könnte.“ Das ist kein Argument: Ökonomischen Regeln folgend, müsste eine Nachfrage sich ein Angebot erschaffen. Übrigens: Das tut es sogar.

Zweiter Ansatz: Der Wahrnehmungsfehler

Tatsächlich gab es in den letzten Spielzeiten so viele Uraufführungen wie vermutlich nie in der Theatergeschichte zuvor (Werkstatistik Bühnenverein 2008/09: 609 Ur- und Erstaufführungen!). Also: „Wahrnehmung öffnen und sehen, dass die Behauptung falsch ist.“

Sie ist allerdings nicht falsch. Die von den Battlegroup-Autoren vorgetragene Behauptung, es gäbe zwar einen unstillbaren Hunger nach Uraufführungen, die zumeist von Jungregisseuren auf Werkstattbühnen verheizt würden, trifft zu. Und sie ändert nichts an der Situation, dass unter dem Deckmäntelchen des „Wir spielen ja Neues“ tatsächlich eine basaltene Grundstruktur der Klassikerinszenierungen zu finden ist (2008/9 wurden insgesamt 3.710 Werke laut Bühnenverein aufgeführt – ein Sechstel also nur neue Texte, 3.100 nichtneue Werke bei insgesamt 7.090 Inszenierungen, von denen dann die „neuen“ Stücke, die zumeist nur einmal inszeniert werden, gerade einmal  8,6% sind), in die nur gelegentlich einige „embedded authors“, die als Dramaturgen oder ähnliches im Betrieb durchgenudelt werden, integriert sind.

Der großartige, hier (leider offenbar nicht mehr) bloggende Frank Kroll vom Henschel-Schauspielverlag hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, die Bühnenvereins-Statistik jenseits des ersten positiven Eindrucks nachzurechnen und kommt zu dem Ergebnis:

Zwar ist, absolut be­trach­tet, die Zahl der ur- und erstaufgeführten Werke seit Beginn der 90er Jahre um etwa ein Drit­tel angestiegen, im selben Zeitraum reduzierte sich die durchschnittliche Vorstellungszahl pro Werk jedoch um ein höheres Maß. Immer mehr Werke werden von den Theatern «entdeckt», erleben dann aber immer weniger Aufführungen. Die Auseinandersetzung mit neuer deutsch- und fremdsprachiger Dramatik stagniert weiterhin auf einem niedrigen Level. Den vielbeschworenen «Hype» mit Neuer Dramatik hat es nie gegeben. Zwischen der Selbstdarstellung der Theater und dem tatsächlichen Bühnengeschehen besteht eine deutliche Diskrepanz. (Quelle)

Nur weil Buchhändler auch lustige Grußpostkarten an der Kasse verkaufen werden sie noch lange nicht zu Grußpostkartengeschäften. Das „Kerngeschäft“ der Theater ist und bleibt die bis zu Erbrechen wiederholte Klassik. Warum?

Dritter Ansatz: psycho-ethisch

Tatsächlich begründet sich dieses Verhalten aus fünf künstlerischen Todsünden: Faulheit, Feigheit, Dummheit, Eitelkeit und Geiz. Und zwar so:

Erste Todsünde Die Faulheit der Theater

Es ist weitaus einfacher, durchgesetzte Texte aus dem Schrank zu ziehen, deren Autoren bereits als relevant und persönlich bedeutend kategorisiert sind, als sich mit irgendwelchen dahergelaufenen Neuschreiberlingen auseinander zu setzen. Das neue Stück hart vielleicht Schwächen, der Autor ist selbst unbekannt und in seinen gedanklichen Strukturen noch in keiner Schublade gelandet. Seine ideologische Relevanz und zugleich Unverdächtigkeit ist noch nichts bestätigt. Letztlich führt die Aufführung eines Textes natürlich immer dazu, sich hinter eine (vielleicht homöopathisch dosierte) Grundaussage oder Grundeinstellung zu stellen, die am Theater keinen ungeteilten Rückhalt findet. Da ist es doch viel einfacher, mit Lessing die Toleranz zu feiern, mit Shakespeare die Interdependenz zwischen Handelnden du Macht zu erkunden, mit Goethe die faustische Seele des Deutschen zu beleuchten. Und so weiter.

Man könnte natürlich die Arbeits- und Herangehensweise ändern und als Theater mehr Einluss im Entstehungsprozess nehmen. Es findet eine unglaubliche Talentverschwendung im Bereich Theater statt, die daher rührt, dass Autoren ihre Texte erst fertig stellen bevor sie zum ersten Mal beurteilt werden. Man mag schneller oder langsamer schreiben: der eine nur 8 Wochen für einen Text brauchen, die andere 12 Monate. Es ist viel Zeit und Aufwand in einen Text geflossen, der dann auf den Dramaturgenschreibtischen kompostiert, weil er das Haus sowieso nicht, nicht in dieser Form, Besetzung bla interessiert. Dann drehts doch um und orientiert euch an der Filmbranche: Da wird mit einem Kurztreatment begonnen. Eine Seite. Kurze Beschreibung. Vielleicht eine Seite Textbeispiel. Das lässt sich für Autoren an einem Wochenende machen. Und die Entwicklung kann in Gemeinschaftsarbeit stattfinden. Vielleicht sogar mit mehreren Autoren an einem Text … Nur: Das schützt euch vor einem nicht. Die Theater müssen wissen, was sie wollen. Inhaltlich.

Sowohl die Auseinandersetzung mit einem textlichen Standpunkt als auch die Beauftragung eines eigenen Stücks fordert das Beziehen eines eigenen Standpunktes jenseits von: Kultur im Allgemeinen und Theater im Besonderen ist wichtig und muss deswegen öffentlich finanziert werden. Etwas, das man eine Haltung nennt.  Damit wären wir bei der zweiten Sünde.

Zweite Todsünde Die Feigheit der Theater

Allerorten geraten Theater in ökonomischen Rechtfertigungsdruck. Sitzauslastungen und Einnahmen werden vom Träger kontrolliert, Intendanten wie Manager an den Zahlen gemessen. Platzauslastung schlägt Hirnauslastung. In solchen Bedrohungszeiten neigen menschliche Körper und öffentliche Körperschaften zu Schockreaktion: Der Körper schaltet im Augenblick der Bedrohung die Organe ab (bzw. durchblutet sie weniger), die als nicht unmittelbar lebenswichtig gelten. Bei großem Blutverlust werden Niere, Leber, Verdauungsorgane, Haut usw. schlicht weniger mit Blut und Sauerstoff versorgt – zugunsten der lebenswichtigen Zentralorgane. Bewusstlosigkeit folgt. Das entspricht der Situation im Theater. Man schaltet auf lebenserhaltende Texte um – und hat damit einen nicht zu  übersehenden Erfolg beim Publikum. Aus simplen ökonomischen Gründen: Die Marke machts.

Unter mittelmäßigen Musikern garantiert das Dasein als Coverband noch immer ein einigermaßen solides Auskommen auf Ausflugsdampfern und bei Konfirmationen. Ein bisschen Elvis, Beatles, Smokey, Bob Marley – und schon läuft die Party und das Musikerleben. Und so treibens auch die Theater. Shakespeare, Lessing, Goethe oder gar die Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und Hertha Müller lassen sich gut auf Plakate drucken, sorgen in noch vorhandenen bildungsbürgerlichen Schichten für Kartenkauf (darüber hat sich Stadelmeier beim Vorblick auf die gegenwärtige Saison unter dem Titel „Kommt raus, ihr Feiglinge, ihr seid erzählt!“ wunderbar polemisch über das „Bestsellerische“ ausgelassen) und sorgen in kultur- und finanzppolitischen Diskussionen natürlich für viel schwerer Geschütze . Es macht einfach keinerlei Sinn, den Namen eines unbekannten Autors zu plakatieren. Das zieht nicht. Aus dem Bestreben, das Theater als Institution zu konservieren folgt ein inhaltlicher Konservativismus, der vermutlich den restaurativen Theamtermachern der 50er und 60er, den Barlogs, Gründgens, Quadfliegs, Goberts, Lietzaus die FReundentränen über den späten Sige gegen die Rebellen in die Augen treiben würde.

Eine Schockreaktion, die ebenfalls in der Bewusstlosigkeit endet. Der Spielbetrieb muss aufrecht erhalten werden. Scheiß auf Leber, Niere, Milz, Hirn. Wer kann es sich schon leisten, einen neuen Namen zur Marke zu machen – wo überhaupt solche Neuautoren nur im engeren Fachzirkel überhaupt ankommen. Nicht einmal Heiner Müller ist einem breiten Publikum vertraut. Es braucht Investition, um einen Autor zu einer solchen Marke zu machen. Und es bräuchte: Mut, nicht in die Schockstarre zu verfallen und das Hirn auszuschalten.

Denn es bräuchte neben der Kühnheit, eine eigene Kunst zu entwickeln, vor allem eine eigene Grundhaltung. Man feiert die DDR-Künstler noch dafür, Haltung gehabt zu haben, vom Staat nicht korrumpiert worden zu sein. Wer damals eine Haltung entwickelte, riskierte Vieles oder Alles: Wer heute eine Haltung entwickelte, riskierte nichts. Es würden Betriebsleiter dann wieder zu Intendanten und Schaufenstergestalter würden wieder als Regisseure wahrnehmbar werden. Aber riskieren – was denn? Anzuecken. Zu polarisieren. Zu provozieren, wie es einst, als durch Nacktheit auf der Bühne versucht wurde, die im Youporn-Zeitalter allerdings nicht mehr für Erregung sondern allerhöchstens zum Liken oder Bewerten der körperlichen Vor- und Nachteile der so präsentierten Nackten führt. Wo liegen die Painpoints der Gesellschaft, in die hinein zu stoßen, in denen mit einer Haltung aufzutreten, Provokation und Skandal wäre?  Müsste man mal überlegen. Womit wir bei der dritten Sünde angelangt wären.

Dritte Todsünde: Die Dummheit der Theater

Jenseits von Markennamen für Öffentlichkeit zu sorgen hieße: Produkte anzubieten, die jenseits der Marke inhaltliche Relevanz hätten. Will heißen: Mercedes verlauft Autos, weil Leute die Marke Mercedes lieben. Tesla verkauft Autos, weil sie ein grandioses Auto bauen, das auf ein aktuelles Bedürfnis trifft. Was wären denn Themen, die für Relevanz und Interesse sorgen würden? Wenn Theater vielleicht einen Augenblick lang nicht nur die in aller Medien liegende Massenkritik dumm übernähmen, sondern begönnen, sich mit der Gegenwart auseinander zu setzen. Was ist diese Gegenwart? Nationen werden von Banken an den Abgrund getrieben. Die „Von deutschem Boden dar nie wieder Krieg ausgehen“ Nation schickt Soldaten in alle Teile der Welt, wirft Bomben auf europäische Regionen, führt tödliche Gefechte am Hindukusch, kontrolliert die Weltmeere. Die neuen Medien sorgen für eine nie dagewesene Veränderung der Politik, der Wirtschaft und des menschlichen Miteinanders. Und die Theater? Schauen dumm drein. Saudumm. Standpunkte? Stellungnahmen? Diskurse auf der Bühne (und nicht nur in Foyer-Diskussionen oder Trubinalen)? Fehlanzeige.

Es findet keine Auseinandersetzung jenseits von „Hab ich gestern in Monitor gesehen – ist schlimm, müssen wir auch mal sagen“ oder „Meine Frau liest gerade ein Buch über die Ausbeutung der dritten Welt, man müsste dazu mal was machen“ statt. Der Gedanke, dass das Nachplappern feuilletonistischer Gegenwartskritik keine Auseinandersetzung mit der Gegenwart ist, dass vielmehr die feuilletonistische Kritik selbst zum Teil der Gegenwart gehört, mit der sich auseinanderzusetzen nötig wäre – denkste! Ne: Denkste nicht. Wie das Kaninchen blickt das Theater auf die kameralistische Schlange der „Subventions“-kürzungen. Und betrachtet diesen Bereich der Ökonomie, die ans eigene Kunstleder greift, als die einzig interessante Ökonomie. Wie das auf die Schreiber zurückschlägt, hat Christoph Nußbaumeder (mit einigen weiteren Gedanken, deren Tenor sich in die hier dargelegte psycho-ethik der Ursünden recht nahtlos einfügt) kürzlich sehr prägnant im Freitag (hier) dargelegt. Es kommt allerdings noch ein Viertes dazu, das aus dem Betrieb selbst stammt und nicht unterschätzt werden sollte.

Vierte Todsünde: Die (Ver-)Eitelkeit der Theaterschaffenden

Regisseure und Darsteller sind Interpreten. Niemand verkörpert eine Rolle, niemand führt einen Text „werktreu“ auf. Diese Gespenster der Verkörperung der Werktreue waren und bleiben der größte und dümmste Ballast, den man Theatern anhängen kann. Zugleich führt das Interpretentum dazu, dass die betriebliche Eitelkeit einfach grandios genährt wird. Wie im klassischen Musikbusiness Dirigenten und vokale oder instrumentale Solisten ihre eigene Größe durch die individuelle Interpretation eines Werkes gewinnen – so auch Regisseure und Darsteller. Und es ist natürlich allemal der Eitelkeit dienlicher, als individuell originell in der Interpretation einer bekannten „Rolle“ oder eines „Werkes“ wahrgenommen zu werden, als in einem unbekannten Werk ununterscheidbar mit dem Verfasser zu sein. „Sie glänzte als Ophelia wie keine zuvor“ oder „Sein Richard III ist einzigartig“ leistet der Eitelkeit natürlich wunderbaren Vorschub – und vereitelt Neues. Es gibt Bereiche, in denen Coverbands zu Stars werden – eben in der Klassik.

So kämpft man in den Theatern um den Preis der besten Coverband mit gelegentlichen „Wir haben auch was eigenes dabei“-Einlagen namens Uraufführung. Schauspieler kämpfen um den Preis des am schönsten Aussehens beim Klassiker auswendig aufsagen. Regisseure spielen „Theater nach Zahlen“ malen – mit der Herausforderung, die Vorzeichnung möglichst individuell zu be- oder übermalen. Mit Kunst hat das wenig zu tun, eher mit Virtuosentum. Wenn Theater zum belebten Schaufenster historischer Museen und Bibliotheken wird – dann kann es nur Ziel der Darsteller werden, die schönste Schaufensterpuppe zu werden. Und wenn diese Eitelkeit sich erst einmal hinreichend durchgesetzt hat, wird sie zum Selbstläufer des Hirntodes. Zombietheater. Das allerdings auf geistige Nahrung verzichten kann – was durchaus eine Ersparnis ist.

Fünfte Todsünde: Der Geiz

Noch mal der Text von Frank Kroll in einiger Ausführlichkiet:

Bühnenbildner, Requisiteure, Regieassistenten wie Bühnentechniker erhalten fixe Gagen oder Gehälter. Autorenhonorare hingegen werden pro Vorstellung und damit risikoabhängig entlohnt. Eine Gegenüberstellung der Bezüge (auch diese fehlt in «Wer spielte was?») ergäbe, dass Autoren nicht selten wie Garderobenaushilfskräfte bezahlt werden. […]Immer öfter ist […] davon die Rede, dass junge Autoren doch dankbar sein sollten, dass man sie überhaupt spielt. Der Umgangston wird von Jahr zu Jahr ruppiger.

Es sind in aller Regel andere als finanzielle Gründe, die junge Autorinnen und Autoren dazu bewegen, fürs Theater zu schreiben. Niemand erwartet ernsthaft, es in diesem Metier zu nennenswertem Wohlstand zu bringen. Es wird – ganz unpathetisch – für die Kunst geschrieben. In der Hoffnung, dass diese dann auch stattfindet. Die Auseinandersetzung mit neuen Stücken an den Theatern vollzieht sich jedoch nicht selten unter fragwürdigen Umständen. Die überwiegende Zahl der Inszenierungen neuer Stücke findet in Nebenspielstätten statt. Ein Studiotheater muss kein schlechter Raum für die Entdeckung eines neuen Stückes sein. Neue Werke mit etwas größerer Besetzung bekommen hier jedoch schnell Atemnot. Nicht wenige Autorinnen und Autoren haben über die Jahre mit «kleinformatigen» Stücken auf diesen Trend zu reagieren versucht.

Gleichzeitig hat der gestiegene Event-Bedarf der Theater zur Ausbildung eigener, «schneller» und «junger» Darbietungsformen jenseits normaler Inszenierungen geführt. Die Zahl der szenischen Lesungen, der Werkstattinszenierungen und kleinen Autorenspektakel nimmt weiter zu. Neben inszenatorisch zurückhaltenden «Tisch-Lesungen» haben dabei die «aninszenierten» Formen in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Dort treffen dann nicht selten ambitionierte Regieassistenten auf über- und gleichzeitig unterforderte Schauspieler, die nach wenigen Stunden Probenzeit zwangsläufig an komplexeren Figurenzeichnungen und Vorgängen scheitern. Wo Autorenförderung betrieben werden soll, wird ungebremst in psychologische Fallen getappt, werden Stückmöglichkeiten nicht selten mit falscher Emotionalität, Betroffenheitskitsch oder schepperndem Requisitenspiel unter besten Absichten begraben. Kleine Tischfeuerwerke neuer Dramatik, die nach einmaliger Veranstaltung wirkungslos verpuffen. Gleichzeitig werden szenische Lesungen und sogenannte «Werkstattinszenierungen» mittlerweile mit dem Aufwand normaler Premieren beworben. Solches Ersatz- oder Instant-Theater bedeutet dann mitunter auch schon das Ende für die dort vorgestellten Stücke. Das Uraufführungssiegel ist abgerissen, die «Entdeckung» vollzogen, nur selten kommt es am betreffenden Haus selbst oder an anderen Theatern in der Folge noch zu einer seriös gearbeiteten Inszenierung mit normalen Konzeptions- und Probenzeiten. Neue Stücke, die es auf größere Bühnen schaffen, bleiben die Ausnahme. […]

«Vorsicht bei der Berufswahl!», will man den vielen Talenten angesichts der dürren materiellen wie künstlerischen Perspektiven zurufen.  […]

Viele Bühnen sehen sich einem unverminderten Kostendruck ausgesetzt, obwohl sie spätestens seit Mitte der 90er Jahre massive Mittelkürzungen und schmerzhafte strukturelle Veränderungen umsetzen mussten. Unter diesen schwierigen Bedingungen kann es keine Lösung sein, finanziellen Druck an Autoren weiterzuleiten. Auch unter theater ökonomischen Gesichtspunkten muss es fragwürdig erscheinen, wenn problematischen kulturpolitischen Vorgaben mit einer Reduzierung von Autorenhonoraren begegnet werden soll. Der Zusammenhang lässt sich auch allgemeiner beschreiben: Ein Theater, das sich hinsichtlich seiner Gegenstände, seiner Produktionsweisen und seiner Wirkungen als soziale Kunst versteht, betreibt die Ausgrenzung des Autors aus dem Kunstprozess Theater, wenn es ihn nicht in angemessener Weise an den öffentlichen Kulturinvestitionen teilhaben lässt. (Quelle)

Was ist dem noch hinzuzufügen? Ach so, vielleicht ein kurzer Auszug aus der Antwort von Jon von Düffel und Andreas Beck auf Krolls Text:

Die Autoren, ob jung oder alt, sind Teil eines Marktes, nach dem ersten Entdeckungsjubel steht oder fällt ihr Marktwert von Stück zu Stück. (Quelle)

Jungs, habt ihr noch alle Nadeln an der Tanne? Markt? Theater orientiert sich an Marktökonomie? Dann wärt ihr eure Jobs los. Ohne jeden Umstand. Dann heißt es: Tags Taxi fahren, nachts Theater machen. Auf dem Rücken der Autoren Marktökonomie leben und selbst öffentliche, steuerfinanzierte Gehälter kassieren? Geht’s noch? Spinnt ihr? Warum werdet ihr selbst, eure Darsteller und Schaufenstergestalter nicht prozentuell aus den Abendeinnahmen bezahlt? Warum trägt der Autor das Marktrisiko, nicht aber sein Inszenator?

Fazit: Nichts Neues

Tapfer, wer sich lesend bis hierher durchgekämpft hat. Ist doch vermutlich wenig Neues in dieser Suada zu finden. Gelangweilt wenden sich der Betriebsleiter und sein Personal ab. Alles schon gehört.

Wie wäre es denn aber, wenn die Schockstarre und Bewusstlosigkeit euch nicht länger im Griff hielte. Die theatrale Titanic ist auf den kameralistischen Eisberg gelaufen. Abgesoffen muss also jetzt werden. Wie wollt ihr die letzten Minuten verbringen? In Schockstarre gegenüber dem (vermeintlich oder vermutlich) Unausweichlichen? Zitternd und bebend? Oder aufrecht stehend und mit aller Konsequenz. Verballert das Geld, das euch noch bleibt und geht lautstark unter, statt still aus Todesangst zu sterben. Ihr habt zu wenig Geld? Überzeiht doch die Budgets, dass das Meerwasser schäumt von eurer Wut. Was ist die Konsequenz? Ihr verliert die Jobs, die euch vermutlich sowieso abhandenkommen. Ihr werdet leben wie die Autoren heute. Ihr geht in den Knast? Ist es das nicht wert? Für eine Spielzeit, in der ihr das getan habt, was ihr schon immer in den Kantinen erträumt habt kurz bevor euch der Wirt besoffen ins Taxi oder über die Kloschüssel geschleift hat. Und wenn ihr nach halber Spielzeit mit Schimpf und Schande aus euren Normalverträgen geworfen werdet? Es gibt genug offene Stellen bei der Bundesanstalt für Arbeit. Wäre es das nicht wert? Statt in Sünde zu leben den Untergang als gegeben hinzunehmen – und einfach eine Runde Schampus aufs Haus zu saufen? Ihr sauft doch eh ab. Mineralwasserbestellungen schützen davon nicht. Die Finanzgötter haben euch nicht lieb. Sie werden euch nicht lieb haben. Und Autoren ins klaffende Leck zu stopfen und zu hoffen, dass deren frühes Ersaufen den Rest rettet – wird auch nicht helfen. Das Stück ist ein Stück Theater ohne das Theater kein Theater ist.

Was kommt?

Die Welt, in der die Theater sich noch befinden, gibt es nicht mehr. Wer dieses Blog liest, hat bereits eine Ahnung von der neuen Welt. Nicht des Inhalts dieses Blogs wegen – sondern der digitalen Welt wegen, in der das hier stattfindet. In der sich ein Irgendjemand ein eigenes Publikationsorgan schafft. Ohne Druckerei. Ohne Vertrieb.  Ohne Bezahlung. Das Netz – wie in dem einen oder anderen Posting hier bereits ausgeführt – verändert die Welt mehr als alle Revolutionen und Erfindungen zuvor. Theater wollen heute noch die alte Welt bewahren. Für diese Dinosaurier ist kein Platz mehr. Und Geld? Auch nicht. Die Flucht in die Vergangenheit der Klassiker ist der falsche Weg. Die Flucht geht nach vorne, zum Neuen.

Nora,

Faulheit, Feigheit, Dummheit, Eitelkeit als Gründe für die Klassikerverhaftetheit – wäre das eine Antwort auf deine Frage?

 

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§ 3 Responses to Warum so viele Klassikerinszenierungen: Die Todsünden des Theaters (Antwort auf Nora Decker)"

  • frank sagt:

    lieber dr. postdramatiker, danke fürs ausführliche zitieren (sogar mit quellenangabe, ganz gegen den trend!). zum theater als „stückemarkt“ vielleicht noch eine ketzerische anmerkung, die ich mir damals aus taktischen gründen gespart habe, weil es mir zuerst darum ging, protestierende autorInnen zu unterstützen: natürlich ist es auch ein problem, dass so viele schwache stücke auf dem markt sind. neben wenigen starken stücken. das hat auch gründe im profilierungsbedürfnis von theaterleuten, die für eine bestimmte kurzzeitnachfrage sorgen. aber für texte ohne größeren nachklang sind immer zuerst ihre autorInnen verantwortlich. manchmal liegts an den publikumsohren, wenn es nichts erlauscht. aber hierzulande wird doch allerorten sehr genau hineingehorcht in stücke, würde ich mal behaupten. trotzdem oft nur: rosa rauschen. frohe ostern wünscht jedenfalls mit aufgestellten lauschern – fk

  • Postdramatiker sagt:

    Servus,
    freilich ist dem so, dass schwache Stücke nicht von Theatern hergestellt werden und dass sich vermutlich Vieles auf dem geduldigen Papier oder den Rechnern findet, das eigentlich nicht die Kraft für die Bühne hätte (und gelegentlich dennoch da landet). Nun lese ich Neues nicht annähernd so extensiv wie Sie – weswegen ich mir keinen entsprechenden Rant auf Schreiber erlauben kann und will.
    Und wenn man Beck/Düffels Sottise zum Thema Ökonomie des Stückemarks für Autoren ernst nimmt, müssten Theater vor allem das Entstehen neuer Stücke sowohl durch Finanzierung als durch Professionalisierung des Entstehungsprozesses fördern. Und zwar mit einer Entschieden- und Entschlossenheit, dass entsprechende Erfolge sichtbar werden. Mangelder Erfolg ist nur auf mangeldes Momentum der Anstrengungen zurükzuführen. Dont’t try – do!
    Ich jedenfalls gebe mich bis auf Weiteres nicht mit einem Seufzer zufrieden „Ach, es gibt keine starken Autoren mit starken Stücken mehr heutzutage.“ (Den ich gerade Ihnen natürlich auch nicht unterstelle). Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich: Sie wurden nur entweder noch nicht gefunden, oder nicht (ernst zu nehmend) aufgeführt, oder noch nicht geschrieben. Denn sollte es sie nicht geben – können wir langsam überlegen, wofür die schönen Bauten genutzt werden können, nachem die Theater geschlossen sein werden.
    Auch frohe Ostern! Im Namen der Auferstehung…!

  • Postdramatiker sagt:

    Ach und eins noch: Blog doch mal wieder bisserl mehr. Gibt so wenig Denkens- und Lesenswertes zum Theater im deutschen Netz.

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