Was die Welt im Innersten zusammen hält?

Juli 2nd, 2010 § 4 comments Autor: Ulf Schmidt

Die Fra­ge des Dok­tor Faust darf wohl als beant­wor­tet gel­ten. Es ist das Inter­net.

§ 4 Responses to Was die Welt im Innersten zusammen hält?"

  • Kusanowsky sagt:

    Die Ant­wort auf die Fra­ge des Dok­tor Faus­tus ist er selbst. Er ist nicht nur der Wahr­heits­su­cher, Welt­ver­ste­her und Welt­be­zwin­ger, son­dern auch sein Ant­ago­nist. Ich hal­te viel von den Schrif­ten Oswald Speng­lers.
    Die abend­län­di­sche Kul­tur ist nach Speng­ler im 10. Jahr­hun­dert aus der faus­ti­schen See­le ent­stan­den. Das Ursym­bol die­ser See­le ist der rei­ne, unbe­schränk­te Raum, der zugleich ein Sym­bol des Men­schen ist, der sucht und nach Erlö­sung strebt und in sei­ner Ein­sam­keit einen Wil­len zur Unend­lich­keit hat. Die­ses Sym­bol zeigt sich in der Idee der Unend­lich­keit des Rau­mes, in der goti­schen Archi­tek­tur, die dyna­misch zur Unend­lich­keit strebt, in der Tra­di­ti­on der klas­si­schen Musik, die den gan­zen Raum erfüllt, in der Ein­drück­lich­keit der abend­län­di­schen Male­rei, in wel­cher der Kör­per in einem sphä­ri­schen Raum erscheint, in den gro­ßen Dynas­ti­en der Barock­zeit mit ihrer Kabi­netts­di­plo­ma­tie, die sich über ganz Euro­pa erstreckt, in der katho­li­schen und pro­tes­tan­ti­schen Dog­ma­tik mit ihrem nicht an einen Ort gebun­de­nen uni­ver­sa­lis­ti­schen Anspruch, im bio­gra­phi­schen Inter­es­se und in der Fas­zi­na­ti­on für die Geschich­te des Men­schen und des Uni­ver­sums.
    Die Eigen­art der faus­ti­schen See­le erstreckt sich über ver­schie­de­ne Lebens­ge­bie­te, die auf die­se Wei­se ihre eige­ne Ein­heit des Stils haben. Dies gilt auch für Reli­gi­on und Moral. Die Moral ist also auch kei­ne uni­ver­sel­le, all­ge­mein gül­ti­ge Wis­sen­schaft zeit­lo­ser Wahr­hei­ten, son­dern die geis­ti­ge Selbst­in­ter­pre­ta­ti­on des Men­schen und des­we­gen an die See­le gebun­den, aus der sie erwächst. Es ist für die Moral des abend­län­di­schen Men­schen kenn­zeich­nend, dass immer etwas “gefor­dert wird” — von ihm selbst und den ande­ren. Die Form, die die Moral ange­nom­men hat, gehört zur See­le des Abend­lan­des. Sie ist ein geist­li­cher Aus­druck des­je­ni­gen, was in dem Takt des Daseins, der “Sit­te” , schon unbe­wusst da ist. Ein der­ar­ti­ges Stre­ben zur Macht, durch den die gan­ze Wirk­lich­keit umge­wan­delt wird, ist eigent­li­che Eigen­tum der faus­ti­schen See­le. Die Macht­po­li­tik des mit­tel­al­ter­li­chen Katho­li­zis­mus, die gro­ßen Dynas­ti­en der Barock­zeit, die Reli­gi­ons­krie­ge, das puri­ta­ni­sche Pflicht­ge­fühl, der Streit der Ideo­lo­gi­en im 19. Jahr­hun­dert, dies alles sind Äuße­run­gen eines into­le­ran­ten Stre­bens zur Macht. Die­ses Stre­ben zur Macht ver­steht Speng­ler als die inne­re Bewegt­heit des faus­ti­schen Daseins. Es ist ein gro­ßer Irr­tum, das Chris­ten­tum für die­sen Impe­ra­tiv, unter den das Leben des Men­schen gestellt wird, ver­ant­wort­lich zu machen. Wir fin­den ihn nicht im frü­hen Chris­ten­tum und schon gar nicht in Chris­tus. Der faus­ti­sche Mensch selbst hat das Chris­ten­tum erst spä­ter in eine neue Reli­gi­on und Moral umge­wan­delt. Dar­in wird das “Ich will” — das bereits im mit­tel­al­ter­li­chen Sakra­ment der per­sön­li­chen Buße vor­aus­ge­setzt ist — eine rich­tung­wei­sen­de und reli­giö­se Lebens­er­fah­rung, in der ein unge­heue­rer Macht­an­spruch beschlos­sen liegt. Das euro­päi­sche Chris­ten­tum ist die Mani­fes­ta­ti­on die­ses Stre­bens zur Macht in einem affir­ma­ti­ven Sin­ne. Man muss dann aber zwi­schen dem Ide­al des Chris­ten­tums und sei­ner Ver­wirk­li­chung — von den Kreuz­zü­gen bis zu den Welt­krie­gen, von den spa­ni­schen Kon­quis­ta­do­ren bis zu den preu­ßi­schen Kur­fürs­ten — dif­fe­ren­zie­ren.
    Speng­ler beschreibt die faus­ti­sche Lebens­er­fah­rung, die sich bereits im Mit­tel­al­ter auf eine sehr star­ke Bezie­hung zu Geschich­te und Zukunft ein­ließ, als Her­aus­bil­dung eines his­to­ri­schen Cha­rak­ters. Die­se “His­to­ri­zi­tät” äußert sich u. a. in einer Gericht­et­heit auf die eige­ne Zukunft, die er auch als “Sor­ge” cha­rak­te­ri­siert und die zum Bei­spiel in der plan­mä­ßi­gen Ein­rich­tung des Klos­ter­le­bens im Mit­tel­al­ter erscheint. Außer­dem hat die faus­ti­sche See­le die Nei­gung, die Geschich­te als eine Ent­wick­lung aufzufassen,die ihre Voll­endung in einer Zukunft fin­det, die mit der eige­nen Gegen­wart ange­fan­gen hat.
    Nur das Abend­land kennt streng­ge­nom­men die­sen his­to­ri­schen Sinn, dies ist eine Fähig­keit der “faus­ti­schen” See­le: dar­um kön­nen auch nur Abend­län­der die his­to­ri­sche Wirk­lich­keit, ihre eige­ne und die­je­ni­ge ande­rer, erken­nen: “Wir Men­schen der west­eu­ro­päi­schen Kul­tur sind mit unse­rem his­to­ri­schen Sinn eine Aus­nah­me und nicht die Regel, “Welt­ge­schich­te” ist unser Welt­bild, nicht das “der Mensch­heit”. Für den indi­schen und den anti­ken Men­schen gab es kein Bild der wer­den­den Welt und viel­leicht wird es, wenn die Zivi­li­sa­ti­on des Abend­lan­des ein­mal erlo­schen ist, nie wie­der eine Kul­tur und also einen mensch­li­chen Typus geben, für den “Welt­ge­schich­te” eine so mäch­ti­ge Form des Wach­seins ist. (“Unter­gang des Abend­lan­des”, dtv, 3.Aufl. 1975,20f.)
    Auch das Fort­schritts­den­ken des 19. Jahr­hun­derts — das noch immer die Wei­se bestimmt, in der die sozia­len und juri­di­schen Ins­tÏ­tu­tio­nen, die Wirt­schaft, die Wis­sen­schaft und die Tech­nik auf­ge­fasst wer­den — geht auf die­ses faus­ti­sche Lebens­ge­fühl zuruck.

    Inter­es­sant bei Speng­ler ist, dass es zwar den Zer­falls­pro­zess der faus­ti­schen See­le erklär­te, aber nicht sagen konn­te, in wel­chen For­men sich die­ser Zer­falls­pro­zess voll­zieht. Der Zer­falls­pro­zess bei Speng­ler zeich­net sich aus durch den Über­gang von Kul­tur in Zivi­li­sa­ti­on. Zivi­li­sa­ti­on ist bei Speng­ler ein blo­ßes, see­len­lo­ses Neben­ein­an­der ehe­ma­li­ger kul­tu­rel­ler For­men, die sich nur neu kom­bi­nie­ren, zitie­ren, repro­du­zie­ren, kos­mo­po­li­ti­sie­ren. Speng­ler hat­te damit die Post­mo­der­ne und die mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft vor­her­ge­sagt.

    Inte­resant ist auch, dass in dem Roman von Hes­se “Das Glas­per­len­spiel” etwas ver­gleich­ba­res erzählt wird. Genau wie Speng­ler rech­net auch Hes­se mit einem Zer­falls­pro­zess, der aber in sei­ner Ent­i­ck­lung ganz neue For­men ent­wi­ckelt.
    Dabei han­delt es sich dann um den Cyber­space und Inter­net als “digi­ta­le See­le.”

  • Postdramatiker sagt:

    Hm. Kusanow­sky. Da has­te mir einen hin­ge­wor­fen. Speng­ler ist mir ent­gan­gen. Außer Gerüch­ten über ken­ne ich nichts von ihm. Und die­se Gerüch­te trie­ben mich nicht gera­de an sei­ne Schrif­ten. Bei der einen oder andern dei­ner Kate­go­rie räu­felts mir kurz­zei­tig die Fuß­nä­gel — will hei­ßen: Der See­len­be­griff min­des­tens. Ich muss dei­nen Kom­men­tar mal in Ruhe beden­ken.
    Wor­auf ich eigent­lich hin­aus­woll­te, ist viel­leicht eher dem Sys­tem­be­griff ver­wandt. Viel­leicht etwas ver­plät­tend aus­ge­legt als ein sich halb mate­ria­li­siert haben­des Sys­tem. Zunächst als metal­le­ne oder glä­ser­ne Lei­tun­gen oder Funk­si­gna­le (das wäre der mate­ri­el­le Teil), zugleich als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge, die per­ma­nent offen ste­hen und doch geschlos­sen sind. Will hei­ßen: Als wür­den die Kom­mu­ni­zie­ren­den ledig­lich in Röh­ren spre­chen und dar­aus hören kön­nen, neben den Röh­ren aber herrsch­te Stil­le (nun ja kind of). Die­se gera­de­zu welt­bil­den­den und zum uni­ver­sa­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz sich aus­bil­den­den Netz­lei­tun­gen mit sämt­li­chen Unter­net­zen (Das Sys­tem als Netz der Welt­ge­sell­schaft?) wer­den zu einer durch Kom­mu­ni­ka­ti­on bewerk­stel­lig­ten Welt­ver­bin­dung, die eben nicht nur eine gemein­sa­me Welt zu schaf­fen im Begriff ist, son­dern die­se auch zusam­men hal­ten wird. Cis­co unter­schei­det zwi­schen Com­pu­ter­netz­werk und Human Net­work — ers­te­res ver­band Maschi­nen, letz­tes Men­schen bzw. Kom­mu­ni­ka­to­ren. Und da die­se Kom­mu­ni­ka­to­ren nur in der Kom­mu­ni­ka­ti­on sind (im empha­ti­schen Begriff von sein), zugleich aber dem­je­ni­gen, mit dem kom­mu­ni­ziert wird, der Gesprächs­part­ner immer nur in der und als Kom­mu­ni­ka­ti­on “anwe­send” ist, hält es eine Welt zusam­men. Und zwar nicht eine Welt, die es auch ohne die­ses Netz gäbe, son­dern eine erst durch das Netz ent­stan­de­ne Welt. Das find ich am Inter­net als faus­ti­schen Gedan­ken span­nend. Ob das den speng­ler­schen Raum als Cyber-Space mit ein­schließt — ver­mag ich nicht zu ent­schei­den.
    So viel zunächst. Ich den­ke wei­ter drü­ber nach. Und ent­wir­re mich.

  • Postdramatiker sagt:

    Sehe jetzt erst den letz­ten Satz (so gehts …): …“Cyber­space und Inter­net als “digi­ta­le See­le.” Wenn die See­le die­sen halb­ma­te­ri­el­len Zwit­ter­zu­stand des Inter­net besitzt — wäre das ein inter­es­san­ter See­len­be­griff. Halb metal­li­sches Geflecht, halb kom­mu­ni­ka­ti­on. Als Cyber­space halb kom­mu­ni­ka­ti­ves Rau­schen, halb Ima­gi­na­ti­on der Kom­mu­ni­zie­ren­den an der ande­ren Sei­te der “Röh­re”. Den See­len­be­griff, den das nicht zer­reißt, müss­te man wohl noch erfin­den …

  • […] inner­halb der Welt­ge­schich­te, näm­lich der Alters­pe­ri­ode der abend­län­di­schen Kul­tur, deren faus­ti­sche See­le zur Zeit Karls des Gro­ßen zur Welt kam und wel­che sich im Lau­fe des 20. Jahrund­erts von der Welt […]

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