Theater als Ort der Reflexion über die Mitweltzerstörung — Antwort an Frank Kroll, Teil 4

Januar 10th, 2013 Kommentare deaktiviert für Theater als Ort der Reflexion über die Mitweltzerstörung — Antwort an Frank Kroll, Teil 4 Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter ist ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, ein Ort, den sich Gesell­schaft leis­tet und in dem sie sich Gesell­schaft leis­tet. Ein Ort in der Gesell­schaft außer­halb der Gesell­schaft, viel­leicht ein Hetero­top, was ich vor eini­ger Zeit ein­mal hier im Blog ver­gleichs­wei­se mit der Agrip­pa-Legen­de von Titus Livi­us ver­gli­chen hat­te. Thea­ter ist der Ort, in dem hin­ein man aus der Tages­ge­sell­schaft abends hin­aus­tritt, um in die Gesell­schaft zurück zu schau­en, Refle­xi­on also nicht im ein­fach bewusstseins­phi­lo­so­phi­schen, son­dern im durch­aus opti­schen Sin­ne, in dem sich etwas wider­spie­gelt, das es außer­halb der Spie­ge­lung nicht gibt. Eine Mime­sis, die nichts nach-ahmt, son­dern ein­fach ahmt und durch den Effekt des schein­ba­ren „nach“ der Ahmung Erkennt­nis und Ver­gnü­gen mit­ein­an­der zu ver­bin­den zu ver­mag. Es ist ein Spie­gel­bild ohne Vor­bild. Aber machen wirs viel­leicht auch nicht zu kom­pli­ziert. Also anders.

Seit 40 Jah­ren schaf­fen wir all­mäh­lich ein gesell­schaft­li­ches Bewusst­sein über Umwelt­zer­stö­rung und die unge­wünsch­ten Fol­gen der Mani­pu­al­ti­on an der phy­si­schen Natur. Es ist an der Zeit, für das21. Jahr­hun­dert neben der Umwelt­zer­stö­rung auch die Mit­welt­zer­stö­rung in den Blick zu bekom­men, die in den letz­ten fünf Jah­ren in der soge­nann­ten Finanz­kri­se ihr gesell­schaft­li­ches Fuku­shi­ma erleb­te. Näm­lich nicht nur die (dro­hen­de) Kern­schmel­ze der Finanz­in­dus­trie, son­dern die rea­le Ver­strah­lung gan­zer Län­der und Regio­nen, gegen­wär­tig in Süd­eu­ro­pa, aber mit der kla­ren Per­spek­ti­ve, dass die radio­ak­ti­ve Finanz­wol­ke sich all­mäh­lich auch in Rich­tung Nor­den bewegt. Ich erlau­be mir, da die For­mu­lie­rung ganz pas­sa­bel war, hier ein Zitat aus einer Kom­men­tar­de­bat­te im Schuld und Schein Blog, in der ich hier Ste­phan Ewald ant­wor­te­te:

Trotz aller Befä­hi­gung hat die­se {Fähig­keit der aka­de­mi­schen Wirt­schafts­wis­sen­schaft} uns nicht davor bewahrt, heu­te mit einem Wirt­schafts- und Finanz­sys­tem kon­fron­tiert zu sein, das uns in den letz­ten etwa 5 Jah­ren – nun­ja, nicht an den Abgrund geführt hat. Es hat ein wenig gehüs­telt. Und die­ses Hüs­teln hat bereits Mil­lio­nen Men­schen in Süd­eu­ro­pa und den USA (um ande­re Tei­le der Welt ein­mal aus­zu­las­sen) das sozia­le Leben gekos­tet. Das war nicht der Abgrund. Wir haben nicht ein­mal hin­ein­ge­se­hen in den Abgrund. Wir erah­nen höchs­tens die Kan­te des Abgrunds.

Und machen wei­ter wie zuvor, da wir noch ein­mal davon gekom­men sind. Ich betrach­te die öko­no­mi­sche Wis­sen­schaft (nicht etwa die bösen Ban­ker oder die doo­fen Poli­ti­ker) für die Quel­le der größ­ten Bedro­hung der Mensch­heit im 21. Jahr­hun­dert. Sie mag die­sen ers­ten Platz tei­len mit der glo­ba­len Erwär­mung. Die Atom­kraft hat sie jeden­falls über­holt, wobei letz­te­re eine recht gute Ver­gleichs­grö­ße dar­stellt. Ver­glei­chen wir kurz Äpfel mit Bir­nen, Fuku­shi­ma mit der soge­nann­ten Welt­fi­nanz­kri­se. Ver­glei­chen wir die Fol­gen für die Men­schen und die Welt. Hier eini­ge hun­der­te oder tau­sen­de Tote (ohne den Tsu­na­mi) eini­ge ver­strahl­te Qua­drat­ki­lo­me­ter. Eine Kata­stro­phe, die wir in allen Bil­dern im Fern­se­hen erle­ben durf­ten. Dage­gen die Finanz­kri­se: Gan­ze Län­der sind dabei (zumin­dest für die jün­ge­re Gene­ra­ti­on) unbe­wohn­bar zu wer­den, unbe­zahl­bar weil ohne Job. Die sozi­al schwa­chen Schich­ten der Bevöl­ke­rung wer­den wei­ter aus­ge­plün­dert (man nennt es Sozi­al­kür­zun­gen – weil man ja spa­ren muss, um wei­te­re Kri­sen zu ver­hin­dern).

Was war die Fol­ge von Fuku­shi­ma? Zumin­dest die deut­sche Regie­rung hat ein­ge­se­hen, dass Atom­kraft kei­ne beherrsch­ba­re Tech­nik ist und stieg aus der Atom­wirt­schaft aus. Gegen­fra­ge: Ist das Finanz­sys­tem, ist die Finanz­in­dus­trie „beherrsch­bar“. Hat nicht der ers­te Geld­krieg, der in den letz­ten Jah­ren zwi­schen Regie­run­gen und Zen­tral­ban­ken einer­seits, „den Märk­ten“ ande­rer­seits getobt hat, gezeigt, dass das Sys­tem nicht beherrsch­bar sein KANN? Was ist also die Kon­se­quenz? Und was wäre ein Aus­stieg?

Es sei Ihnen zuge­stan­den, mich für einen vor­weih­nacht­lich deran­gier­ten Spin­ner zu hal­ten. Ich jeden­falls ver­mis­se die Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me der Wirt­schafts­wis­sen­schaft als Gan­zes für die Situa­ti­on, die in den letz­ten Jah­ren ein­ge­tre­ten ist, in der sich Grie­chen­land noch befin­det und für den Abgrund, der noch immer exis­tiert. Ob wir ihn je sehen wer­den? Weiß man nicht, auch wenn ich mir recht sicher bin.

Wenn die geball­te Bril­li­anz und Fach­kennt­nis der Wirt­schafts­wis­sen­schaft aber nicht hin­reicht, ein Wirt­schafts- und/oder Finanz­sys­tem zu bau­en, das der­ar­ti­ge „Unfäl­le“ aus­schließt – wozu sie noch betrei­ben oder för­dern? War­um nicht die Ver­ant­wort­li­chen aus den öko­no­mi­schen Fakul­tä­ten vor Gericht stel­len?

Sie wer­den jetzt fra­gen: Was hat das mit der Dis­kus­si­on zu tun. Mei­ne Ant­wort: Sie haben recht, dass ich ver­gleichs­wei­se wenig von der „wis­sen­schaft­li­chen“ Öko­no­mie ver­ste­he. Schützt mich das davor, für die Fol­gen in Regress genom­men zu wer­den, die ihre „Feh­ler“ ver­ur­sacht haben? Nein. Dann erlau­be ich mir trotz man­geln­den Sach­ver­stands auch an der Debat­te teil­zu­neh­men.

Die Mit­welt­zer­stö­rung in den Blick zu neh­men, ist eine, viel­leicht sogar die wich­tigs­te Funk­ti­on von Thea­ter im 21. Jahr­hun­dert. Die Finanz­kri­se ist dabei nur eine Quel­le der Zer­stö­rung, derer sich wei­te­re hin­zu­fü­gen lie­ßen, begä­be man sich auf künst­le­ri­sche For­schungs­rei­se. Für die aber rei­chen die Text­wer­ke des Kanons nicht aus.

Weder die spe­zi­el­le Form des Poli­ti­schen, die die gegen­wär­ti­gen Kon­filk­te poli­tisch auf­be­rei­tet und pro­zes­sier­bar macht, noch auch die Mas­sen­me­di­en­ge­sell­schaft, die Gesell­schaft dadurch her­zu­stel­len bemüht ist, indem sie die Ein­zel­nen iso­liert vor flim­mern­de Kis­ten setzt und das Poli­ti­sche zu einer pseudo-shakespeare’schen Dra­ma­tur­gie in den Abend­nach­rich­ten oder den Zei­tun­gen auf­be­rei­tet, das Sozia­le zur Soap Ope­ra und das Doku­men­ta­ri­sche zur Scrip­ted Rea­li­ty Soap umar­bei­tet, sind mit den kano­ni­schen Tex­ten fass­bar.

Die Wucht der Anfor­de­run­gen an Tex­te im wis­sen­schaft­lich-mas­sen­me­di­en Zeit­al­ter aber wei­ter­hin auf die Schul­tern des mes­sia­nisch ersehn­ten dra­ma­ti­schen Ori­gi­nal­ge­nies stür­zen zu las­sen, ist gera­de­zu absurd. Wer sich der Mit­welt­zer­stö­rung in ihren Facet­ten stel­len will, hat nicht genug Stun­den im Tag, nicht genug Tage im Jahr, um sich das inhalt­li­che Rüst­zeug zu beschaf­fen, das dis­kur­si­ve Satis­fak­ti­ons­fä­hig­keit wenigs­ten ansatz­wei­se garan­tier­te. Und von einem sol­chen dann noch dra­ma­tur­gi­sche Exzel­lenz zu for­dern, wie sie einem Kino­gän­ger und Fern­seh­zu­schau­er ganz selbst­ver­ständ­lich ver­traut ist, zudem Sprach­be­herr­schung, die in der Lage wäre, es mit einem Kleist oder Mül­ler auf­zu­neh­men – wie unsin­nig sind sol­che kon­tra­fak­ti­schen For­de­run­gen oder Erwar­tun­gen?

Wie vie­le Tex­te von Nach­wuchs­au­to­ren schaf­fen es hin­aus über sze­ni­sche Lesun­gen, Werk­räu­me oder Kam­mer­spie­le auf die „gro­ßen“ Büh­nen? Und wie vie­le Tex­te könn­ten es in jeder Spiel­zeit dort­hin schaf­fen? Die jetzt fäl­li­ge markt­dar­wi­nis­ti­sche For­mu­lie­rung, dass nicht wei­ter kommt, was nichts taugt, ist kein Schuss in den Kopf mit­tel­mä­ßi­ger Auto­ren, son­dern ins Knie der Thea­ter selbst. Oder eine Magic Bul­let, die bei­de trifft. Natür­lich kann man ver­sucht sein, den elen­den Para­go­ne zwi­schen Text und Büh­ne, Auto­ren­thea­ter und Regie­thea­ter jetzt wei­ter zu trei­ben. Er scheint ja hin­rei­chend vie­len Leu­ten hin­rei­chend viel Freu­de zu berei­ten. Er ist aller­dings so däm­lich wie nur irgend­et­was. Unge­fähr so sinn­voll wie die Fra­ge, um die Brü­cke zum letz­ten Pos­ting zurück zu schla­gen, wie die Fra­ge, ob Was­ser oder Schlauch wich­ti­ger sind zum Brand­lö­schen. Ein lee­rer Schlauch löscht eben­so wenig wie Was­ser, das nicht ankommt. Von der Schwä­che der Auto­ren­si­tua­ti­on pro­fi­tie­ren nicht Regis­seu­re, son­dern die Brand­stif­ter in der Mit­welt.

Die Fra­ge, war­um Nora ihren Mann ver­ließ, wird jeden Abend in Tele­no­ve­las und Soaps beat­wor­tet. Und zwar bes­ser, als in den alt­vä­ter­li­chen For­men des Kanons. Die Geschich­te eine pädo­phi­len Natur­wis­sen­schaft­lers, der zum Teu­fel geht, taugt allen­falls für das Ver­misch­te der Bild­zei­tung. Und däni­sche Prin­zen und Prin­zes­sin­nen gehö­ren in Pro­mi­ma­ga­zi­ne und Gro­schen­ro­ma­ne.  Das ein­zu­se­hen, heißt aber noch lan­ge nicht, schon Ande­res und Heu­ti­ge­res parat zu haben. Wenn eine Zeit nicht mit einer Tafel­run­de von Groß­schrei­bern geseg­net ist – dann muss es eben die geball­te Fähig­keit von Klein­schrei­bern (und ich rei­he mich ger­ne in die­se Kate­go­rie ein, auch wenn ich bezweif­le, dass mei­ne Sozia­li­sa­ti­on mir eine sinn­vol­le Teil­nah­me am von mir gefor­der­ten Kol­la­bo­ra­ti­ons­pro­zess ermög­licht oder wün­schens­wert schei­nen lässt) rich­ten. Immer­hin erle­ben wir in den letz­ten Jah­ren, wie die geball­te ein­zel­ne Macht der Vie­len aus­reicht, um die geball­te vie­le Macht der Ein­zel­nen zu stür­zen. Auch kei­ne neue Idee. Dra­ma­ti­ker aller Län­der ver­ei­nigt euch – und schafft gemein­sam.

Die Arbeit an der Mit­welt­zer­stö­rung for­dert schrei­ben­de Mit­wir­ken­de unter­schied­li­cher Kom­pe­tenz und Pro­ve­ni­enz.  Nicht nur als post­mo­der­nis­ti­sches Patch­work, das dem Modell der Tages­zei­tung folgt, die sich aus vie­len Tin­ten­quel­len kon­sti­tu­iert. Son­dern als kol­la­bo­ra­ti­ve und koope­ra­ti­ve Arbeit von Schrei­bern mit­ein­an­der und mit allen ande­ren Betei­lig­ten an jenem kol­la­bo­ra­ti­ven Pro­zess, der Thea­ter schon immer war. Eine eige­ne Form der Mit­welt, viel­leicht ein Mit­welt­la­bor.

Wenn und solan­ge Thea­ter in sich selbst hier­ar­chisch-mon­ar­chisch orga­ni­siert blei­ben (wie hier und hier letz­tens geb­loggt und hier auf nacht­kri­tik gera­de wie­der dis­ku­tiert), solan­ge wer­den sie in der Netz­ge­sell­schaft nicht ankom­men. Und wenn eine gemein­sa­me Mit­welt nicht im Thea­ter funk­tio­niert – wo dann? (P.S. Ich schen­ke mir die Dis­kus­si­on der Mit­be­stim­mungs-Komö­di­en der 60er und 70er Jah­re; es gibt inzwi­schen erprob­te­re und bes­se­re Model­le – dazu im nächs­ten Pos­ting mehr)

 

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