Ist dem Stadttheater noch zu helfen?

Juli 5th, 2011 Kommentare deaktiviert für Ist dem Stadttheater noch zu helfen? Autor: Ulf Schmidt

Auf nacht­kri­tik erschien vor eini­gen Tagen ein Dis­kus­si­ons­bei­trag von Mat­thi­as von Hartz (auch abge­druckt im Thea­ter der Zeit Arbeits­buch „ Heart of the City – Recher­chen zum Stadt­thea­ter der Zukunft“), der sich mit dem Ver­hält­nis zwi­schen Stadt­thea­tern und soge­nann­ten frei­en Thea­tern aus­ein­an­der­setz­te und mehr oder min­der erst gemein­te Lösungs­an­sät­ze für die von ihm kon­sta­tier­te Kri­se des deut­schen Stadt­thea­ter­sys­tems prä­sen­tier­te.

Wer die­ses Blog hier ein wenig mit­ver­folgt, wird erwar­ten, dass hier sowohl sei­ne Zustands­be­schrei­bung als auch die prä­sen­tier­ten Lösungs­an­sät­ze als bei wei­tem nicht grund­le­gend genug betrach­tet wer­den. In den Pos­tings zum Tod des Stadt­tha­ters (Teil 1, Teil 2, Teil 3) dem Sie­chen von Thea­tern und Kri­tik (hier) und dem zuletzt hier gepos­te­ten Lösungs­vor­schlag war ich der Situa­ti­on eben­falls nach­ge­gan­gen – mit aller­dings eini­gen ande­ren Kon­se­quen­zen.

Was sagt von Hartz

Von Hartz zieht die Dif­fe­renz zwi­schen Stadt­thea­tern und Frei­en Grup­pen, kon­sta­tiert, dass „Inno­va­tio­nen“ im Wesent­li­chen aus der frei­en Sze­ne kämen und schließt dar­aus, dass die unter­fi­nan­zier­ten Frei­en Grup­pen mehr Geld bekom­men müss­ten. Dabei ist sei­ne Pro­blem­be­schrei­bung durch­aus „dra­ma­tisch“. Es gehe, schreibt er, letzt­lich „ um Ent­wick­lung und Über­le­ben des gesam­ten Medi­ums“. Er kon­sta­tiert, dass zwar  90% der öffent­li­chen Mit­tel in die Stadt­thea­ter­sys­te­me flie­ßen, die „Inno­va­tio­nen“ hin­ge­gen zu 90% aus den gering finan­zier­ten „armen“ frei­en Grup­pen kämen.

Das Inter­es­se des Stadt­thea­ters sei dabei weni­ger die Zukunft des Thea­ters, son­dern das eige­ne Über­le­ben als Insti­tu­ti­on, das als Insti­tu­ti­on eben zunächst am Fort­be­stand und an der öko­no­mi­schen Nut­zung der eige­nen Res­sour­cen inter­es­siert sei. Die Struk­tur der Insti­tui­ti­on bestim­me, wel­che Art von Thea­ter pro­du­ziert wird. In einer For­mu­lie­rung, die auch hier aus dem Blog stam­men könn­te, stellt er fest:  „Über die Jahr­hun­der­te ist so eine Fabrik ent­stan­den, die sehr pro­fes­sio­nell und spe­zia­li­siert ein sehr gutes Pro­dukt her­stellt.“. Aus­führ­li­cher und poin­tiert:

Inter­es­sant ist, dass die Pro­ble­me am Stadt­thea­ter nicht nur durch Men­schen oder Din­ge ent­ste­hen, die ein Künst­ler braucht und die es dort nicht gibt. Son­dern auch durch die Pro­duk­ti­ons­mit­tel, die vor­ge­hal­ten wer­den, die man aber nicht benutzt. Also: Wer nicht probt oder kei­ne Schau­spie­ler für sei­ne Arbeit braucht, pro­du­ziert Leer­stand.

Von der Insti­tu­ti­on zum Inhalt

Im Ver­lauf sei­nes Tex­tes durch­aus unver­mit­telt fällt von Hartz dann aus der insti­tu­tio­nel­len in die inhalt­li­che Kri­tik, die durch sei­ne vor­he­ri­gen Aus­füh­run­gen nicht vor­be­rei­tet ist:

Als Thea­ter­be­su­cher wün­sche auch ich mir, dass die Insti­tu­ti­on sich mit den The­men der sie umge­ben­den sozia­len Rea­li­tät befasst.

Man könn­te fra­gen, ob nicht auch die beschrie­be­nen Insti­tu­tio­nen grund­sätz­lich in der Lage wären, sich mit der umge­ben­den gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät aus­ein­an­der zu set­zen? Ob sie es nicht viel­leicht sogar tun und dabei nur nicht wahr­ge­nom­men wer­den – weil es ein­fach zu viel wäre, um es sich in all den vie­len Thea­tern anzu­se­hen. Sei­ne Lösung: Rei­se­zwang für Inten­dan­ten und Kul­tur­po­li­ti­ker, Koope­ra­ti­ons­zwang mit frei­en Grup­pen, Schaf­fung eines Modell­hau­ses sind am Ende sicher­lich eher hilf­lo­se Scher­ze, denn Vor­schlä­ge, um das der­ma­ßen dra­ma­tisch beschrie­be­ne Stadt­thea­ter zu ret­ten.

War­um von Hartz zu kurz denkt

Zu reflek­tie­ren wäre, war­um es ein Stadt­thea­ter in der von Hartz beschrie­be­nen Insti­tu­ti­ons­form und Freie Grup­pen mit „Inno­va­tio­nen“ gibt. Lan­ge Zeit waren freie Thea­ter­grup­pen nichts ande­res als Stadt­thea­ter in klein. Lai­en­schau­spie­ler, -regis­seu­re, -auto­ren usw. taten sich zusam­men, um im Wesent­li­chen das­sel­be zu tun wie Stadt­thea­ter – nur auf ande­rem Qua­li­täts­ni­veau. Den Unter­schied mach­te die Pro­fes­sio­na­li­tät. Die Fabrik-Pro­duk­ti­ons­mit­tel sorg­ten dafür, dass die klei­nen Thea­ter­ma­nu­fak­tu­ren ein­fach als das erschie­nen, was sie waren: Lai­en­spiel.

In den 90er Jah­ren wan­del­te sich das. Nicht zuletzt durch den Gies­se­ner Thea­ter­wis­sen­schafts-Stu­di­en­gang oder Strom­bergs Über­nah­me des TAT ent­stand eine freie Sze­ne, die ande­res Thea­ter mach­te, als das, was an den Stadt­thea­tern zu sehen war. Ein ganz ande­res Thea­ter neben den Stadt­thea­tern, die sich in einer Hal­tung des Kon­ser­va­tis­mus übten, den sich nicht ein­mal der Vati­kan mehr erlau­ben kann. Sich ver­ste­ckend hin­ter „Leucht­tür­men“ wie der Volks­büh­ne, Martha­ler, Jeli­nek, Schlin­gen­sief betrieb ein Groß­teil der Thea­ter „Busi­ness as usu­al“. Die Kon­se­quenz: Seit Anfang der 90er Jah­re ist in den Stadt­thea­tern ein anhal­ten­der Publi­kums­schwund und gleich­zei­ti­ge Publi­kums­ver­grei­sung zu beob­ach­ten. Mit einer Fol­ge, die tat­säch­lich aus einer fabrik­ar­ti­gen Pro­duk­ti­ons­den­ke stammt. Dazu gleich mehr.

In Sum­me ist also zu sagen, dass es heu­te zwei Thea­ter gibt. Das Stadt­thea­ter, das sich im Wesent­li­chen als Insti­tu­ti­on ver­ste­hen lässt, die aus einem Ort, einer Stadt, einem Gebäu­de, einer Infra­struk­tur und einem Per­so­nal besteht – und ein „frei­es Thea­ter“ gibt, das weit eher als ein Netz­werk­thea­ter (im Gegen­satz zum Insti­tu­ti­ons­thea­ter) zu bezeich­nen wäre. Letz­te­res ist nicht orts­ge­bun­den, inter­na­tio­nal, ver­netzt, fluk­tu­ie­rend sowohl von den betei­lig­ten Per­so­nen, als auch den ört­li­chen Bedin­gun­gen.  Letz­te­res – wie es etwa Ivan Nagel hier zitiert tat – in der Tra­di­ti­on der Rei­se­büh­nen und „Trup­pen“ zu ver­or­ten, wie es sie vor der Insti­tu­ti­on der Stadt- und Staats­thea­ter im 18. Jahr­hun­dert gab, wäre fatal und falsch. Die­se Rei­se­trup­pen hat­ten ein­fach kein fes­tes Haus. Das Netz­thea­ter der Gegen­wart ist anders.

„Inno­va­tio­nen“ als Pro­dukt der Pro­duk­ti­ons­den­ke

Von Hartz unter­stellt den Stadt­thea­tern, kei­ne Inno­va­tio­nen zu betrei­ben. Das stimmt und stimmt nicht. Tat­säch­lich reagie­ren die Stadt­thea­ter seit den 90er Jah­ren wie jedes ande­re Unter­neh­men, des­sen abso­lu­te Kun­den­zahl zurück geht: Man ver­sucht an weni­ger Leu­te mehr zu ver­kau­fen. Heißt für die Thea­ter: Immer mehr Neu­in­sze­nie­run­gen, Pre­mie­ren, Urauf­füh­run­gen. Ein Ren­nen, das für Pro­du­zen­ten nie­mals zu gewin­nen ist, weil bei gleich­blei­ben­dem Bud­get die Qua­li­tät lei­den muss. Und der vor­an­schrei­ten­de „Kunden“-Schwund die Spi­ra­le nur immer wei­ter dre­hen wird. Aus Urauf­füh­run­gen wer­den Sze­ni­sche Lesun­gen. Aus Sze­ni­schen Lesun­gen „Bun­te Aben­de“ mit aus­schnitts­wei­se gele­se­nen Tex­ten. Oder zusam­men­ge­klaub­te Gast­spie­le wer­den zu „Fes­ti­vals“ dekla­riert. Wer eine „öko­no­mi­sche“ Den­ke an den Tag legt und in der Form han­delt, bringt das eige­ne „Unter­neh­men“ um. Ins­be­son­de­re, wenn zugleich argu­men­tiert wird, Thea­ter sei­en eben kei­ne Unter­neh­men oder Wirt­schafts­be­trie­be.

Natür­lich sind sie kei­ne Wirt­schafts­be­trie­be. Sich aber als Nicht-Wirt­schafts­be­trieb gera­de die dümms­te Wei­se des „wirt­schaft­li­chen“ Han­dels aus­zu­su­chen, um eige­ne Pro­ble­me zu adres­sie­ren ist – sau­dumm.

Das Pro­blem ist kein Wirt­schaft­li­ches – die Lösung kann auch kei­ne „wirt­schaft­li­che“ sein.

„Insti­tu­tio­nen“

Tat­säch­lich ist das Insti­tu­ti­ons­pro­blem, das von Hartz beschreibt, eines, das auch ande­re Bran­chen erle­ben. Ganz vor­ne weg Zei­tun­gen. Das rasan­te Siech­tum der deut­schen Zei­tungs­land­schaft, über die im Web so viel zu lesen ist, dass ich es hier nicht erneut dar­stel­len muss, zeigt: es ist nicht das erwa­chen­de Des­in­ter­es­se an bestimm­ten Inhal­ten, das Insti­tu­tio­nen in die Knie zwingt. Son­dern ein tief­grei­fen­der gesell­schaft­li­cher Wan­del. Um ihn mit einem Schlag­wort zu benen­nen: Die ent­ste­hen­de Netz­ge­sell­schaft, von der Manu­ell Cas­tells schon vor über 10 Jah­ren schrieb und die Dirk Baecker für die „nächs­te Gesell­schaft“ hält. Es gibt kei­ne, wirk­lich kei­ne Insti­tu­ti­on, die die­sen Wan­del nicht am eige­nen Leib erlebt. Und die dar­auf nicht mit Panik reagie­ren wür­de. Es ist nicht allein die kos­ten­lo­se All­ver­füg­bar­keit der Infor­ma­ti­on, die Zei­tun­gen in gedruck­ter Form bedroht, nicht allein die Ver­net­zungs­fä­hig­keit von Men­schen, die Regie­run­gen ins Wan­ken bringt, nicht allein die netz­ba­sier­te Zusam­men­ar­beit, die bestehen­de Unter­neh­mens­gren­zen auf­löst, nicht allein die Ver­gleich­bar­keit von Prei­sen, die Han­dels­un­ter­neh­men in Not bringt, nicht allein die Macht der ver­öf­fent­lich­ten Kun­den­mei­nun­gen, die Pro­dukt­her­stel­ler bedroht – aber es ist all das zusam­men. Und noch vie­les mehr, das man als Ent­ste­hen einer neu­en Form von Gesell­schaft beschrei­ben kann.

Stadt­thea­ter hin­ge­gen sind Insti­tu­tio­nen einer in Auf­lö­sung befind­li­chen Gesell­schafts­form, die im 19.Jahrhundert ent­stand. Relik­te einer Zeit, in der das Publi­kum nicht mehr zuhau­se ist. Fabri­ken und Pro­duk­ti­ons­stät­ten, den Krupps und Man­nes­manns die­ser Zeit ver­gleich­bar. Sie sind nicht zufäl­lig als Insti­tu­tio­nen so beschaf­fen, wie sie beschaf­fen sind. Son­dern ihre Beschaf­fen­heit ist ihr wesent­li­cher Inhalt. Als Insti­tu­tio­nen sind sie For­men – und es ist die­se Form, die sich über­lebt hat.

Hin­ge­gen ent­spricht die Arbeits­wei­se frei­er Grup­pen in wei­ten Tei­len den Kri­te­ri­en, mit denen die Netz­wer­köko­no­mie der Gegen­wart und nähe­ren Zukunft beschreib­bar ist. Pre­kär, pro­jekt­ba­siert, koope­ra­tiv, weit­ge­hend hier­ar­chie­frei, ohne fes­ten Ort, ohne fes­te Anstel­lung, inter­na­tio­nal. Ange­stell­ten an Stadt­thea­tern muss „Wir nen­nen es Arbeit“ von Lobo/Friebe wie ein Bericht aus einer ande­ren Welt erschei­nen. Für freie Grup­pen ist es weit­ge­hend eine Beschrei­bung ihrer eige­nen Lebens­um­stän­de. Und damit zugleich die Fähig­keit, mit die­sen Umstän­den nicht nur zu leben und zu arbei­ten – son­dern sie zugleich in der Arbeit auf­zu­neh­men, zu reflek­tie­ren und zu kon­kre­ti­sie­ren.

Befas­sung mit der umge­ben­den sozia­len Rea­li­tät

Die von Mat­thi­as von Hartz gefor­der­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der umge­ben­den Rea­li­tät kann nicht reflek­tie­ren, wer außer­halb die­ser Rea­li­tät ange­sie­delt ist. Man könn­te jetzt ent­ge­gen hal­ten: Natür­lich kann ein Stadt­thea­ter ein Stück auf die Büh­ne brin­gen, dass die­se Rea­li­tät dar­stellt. Das aber zeugt von dem grund­le­gen­den Unver­ständ­nis, das die Stadt­thea­ter in die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on brach­te. Denn bereits eine sol­che for­ma­le Auf­ar­bei­tung ist nicht mehr in der Lage, die­se Rea­li­tät zu grei­fen.

Die Netz­werk­ge­sell­schaft stellt Fun­da­men­te zur Dis­po­si­ti­on, auf denen die Stadt­thea­ter auf­ge­baut haben. Es wür­de den Rah­men jedes Blogs spren­gen die­se Fun­da­men­te auch nur ansatz­wei­se wie­der zu geben. Dazu gehö­ren die gesell­schaft­li­che Ver­or­tung des Thea­ters in einer (so nicht mehr exis­tie­ren­den) Stadt­ge­sell­schaft (groß)bürgerlicher Pro­ve­ni­enz, das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Lite­ra­tur­thea­ter und einer im Grund­satz scrip­tu­ra­len Gesell­schaft, zwi­schen dem Ver­ständ­nis von Schrift als ein-ein­deu­ti­gem Doku­ment und Thea­ter als frei­es Spiel der Ein­bil­dungs­kraft mit und rund um das schein­bar Ein­deu­ti­ge, die Kon­sti­tu­ti­on von Pri­vat­heit und Öffent­lich­keit in der Gesell­schaft, die Kon­sti­tu­ti­on von Innen und Außen in den als „Men­schen“ ange­leg­ten Akteu­ren, die als Anfang-Mit­te-Ende ange­leg­te Dra­ma­tur­gie, die eine Form von Vul­gär- und Pro­fan-Escha­to­lo­gie ver­kün­det, die im 19. Jahr­hun­dert auf­kom­men­de Mas­sen­me­dia­li­sie­rung, die dif­fe­ren­zier­te zwi­schen sen­de­be­rech­tig­ten „Exper­ten“ und rezi­pie­ren­den Emp­fän­gern und noch eini­ges mehr.

Kann also als eini­ger­ma­ßen beschreib­bar ange­nom­men wer­den, wie es war – so ist doch die Fra­ge jetzt, wie es eigent­lich ist. Die soge­nann­ten post­dra­ma­ti­schen Akti­vi­tä­ten der letz­ten bei­den Jahr­zehn­te haben ihren Teil dazu bei­ge­tra­gen, dass die her­kömm­li­chen Dra­ma­tur­gi­en und For­men ins Wan­ken gerie­ten oder gar in Trüm­mer fie­len. Die Fra­ge lau­tet: Was ist die kom­men­de Form?

Um nur ein Bei­spiel zu neh­men: In der Ver­gan­gen­heit kon­sti­tu­ier­te sich Öffent­lich­keit durch Infor­ma­ti­on und Trans­pa­renz. Im 19.Jahrhundert sor­gen jour­na­lis­ti­sche Insti­tu­tio­nen dafür, dass poli­ti­sches Han­deln einer dadurch erst zu einer sol­chen wer­den­den Öffent­lich­keit trans­pa­rent gemacht, in sei­nen Ver­flech­tun­gen und Kon­se­quen­zen dar­ge­stellt und in den Bezie­hun­gen auf das gesell­schaft­li­che Leben ein­ge­ord­net wur­de. Die­se Form der Trans­pa­renz fin­det sich in gewis­ser Wei­se auch auf den Büh­nen der Zeit, die sich His­to­ri­sches wie­der ver­ge­gen­wär­tig­te, Ver­bor­ge­nes (in den pri­va­ten 4 Wän­den) aus­stell­te und (psy­chisch) Inner­li­ches äußer­te.

Inzwi­schen aber wird Öffent­lich­keit zuneh­mend als eine Fra­ge der Par­ti­zi­pa­ti­on betrach­tet. Jen­seits des vier­jähr­li­chen Wahl­spek­ta­kels fin­den sich in rasant wach­sen­dem Aus­maß For­de­run­gen nach akti­ver Ent­schei­dungs­be­tei­li­gung, Initia­ti­ven zur Bereit­stel­lung von Infor­ma­tio­nen jen­seits jour­na­lis­ti­scher Auf­ar­bei­tung, Bewe­gun­gen unab­hän­gi­ger Mei­nungs­bil­dung, die weder vor 15 noch vor 150 Jah­ren denk­bar gewe­sen wären. Wenn aber in der Poli­tik die Schei­dung zwi­schen Akteu­ren auf der Büh­ne und rezi­pie­ren­dem Publi­kum der­art ins Wan­ken gerät (und weit über die Poli­tik hin­aus in nahe­zu allen Berei­chen des gesell­schaft­li­chen Lebens) – wie könn­ten dann Thea­ter, ver­haf­tet in dem alten Dis­po­si­tiv, glau­ben, dass sie in die­ser Gesell­schaft über­haupt ange­kom­men wären? Es ist kei­ne inhalt­li­che Fra­ge – es ist eine for­ma­le Fra­ge. So wie die Fra­ge nach Demo­kra­tie oder Mon­ar­chie ein Fra­ge der Staats­form ist.

Thea­ter ver­steht die Welt nicht mehr

Thea­ter haben sich seit Jahr­zehn­ten weit­ge­hend vom Pro­zess künst­le­ri­scher und vor allem auch gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen abge­kop­pelt. Mit wenig Pole­mik lässt sich sagen, dass das post­dra­ma­ti­sche Thea­ter der letz­ten Jah­re viel­leicht gera­de ein­mal als Par­al­le­le zum Kubis­mus ver­ste­hen lässt: Frag­men­tie­rung des Gan­zen, Auf­lö­sung in Aspek­te – aber noch immer im Den­ken der Ganz­heit ver­haf­tet und vor allem an einer figür­li­chen Wie­der­ga­be von so etwas wie nai­ver „Wirk­lich­keit“.

Seit Brechts Unter­neh­men, zumin­dest dem Dickicht der moder­nen Groß­städ­te näher zu kom­men, gab es kei­ne ernst zu neh­men­den umfas­sen­de­ren Ver­su­che mehr, sich damit aus­ein­an­der zu set­zen, was denn Welt unter den Bedin­gun­gen des 20. Oder gar 21. Jahrhn­derts ist oder sein könn­te. Als Ver­län­ge­rung von Klas­si­ker­bi­blio­the­ken, Lite­ra­tur­be­bil­de­rungs­an­stal­ten und Lebens­bau­be­hör­de haben Thea­ter ver­lernt, sich mit dem aus­ein­an­der­zu­set­zen, was ist. Was Gesell­schaft ist oder sein könn­te. Was Mensch ist oder sein könn­te. Was geschieht. Als han­de­le es sich um die Live-Ver­si­on der medi­al fest­ge­leg­ten und eng begrenz­ten For­men Fern­se­hen und Film, bleibt Thea­ter in einer Welt ver­haf­tet, die es nicht mehr gibt. Und ver­steht die Welt nicht mehr, in der es sich befin­det.

Die­se Welt ist span­nend und span­nungs­reich.  Und es ist eine ande­re Welt, die noch nicht im Ansatz „ver­steh­bar“ ist – man muss schon das Kon­zept des „Ver­ste­hens“ selbst dar­auf­hin befra­gen, was es in der alten Welt gemeint hat und was ihm in der neu­en Welt adäquat sein könn­te. Um es mit Dirk Baecker zu sagen:

Die ratio­na­le Ord­nung der Buch­druck­ge­sell­schaft, wie immer kon­ter­ka­riert durch Kata­stro­phen der Tri­via­li­sie­rung ihrer Kom­ple­xi­tät, weicht einer neu­en Ord­nung, deren zen­tra­le Ord­nungs­fi­gur, wenn sie so etwas hat, noch nicht gefun­den ist. (Schrif­ten zur nächs­ten Gesell­schaft, 82)

Und spä­ter heißt es bei ihm:

Ver­folgt man die The­se, wie wir es hier tun, dass neue Ver­brei­tungs­me­di­en der Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht etwa lokal auf­ge­fan­gen und ein­ge­baut wer­den kön­nen, son­dern die Gesell­schaft ins­ge­samt in Anspruch neh­men, dann wird die Ver­un­si­che­rung, die dar­aus resul­tiert, auch das Thea­ter errei­chen, jenen Beob­ach­ter der Gesell­schaft, der immer wie­der neu die Dif­fe­renz von Vor­füh­rung und Publi­kum dazu nutzt, um her­aus­zu­fin­den, zu fei­ern und zu kri­ti­sie­ren, je nach Bedarf, was noch geht und was nicht geht. (ebd., 85f.)

Nun ist Baecker ein Reprä­sen­tant der Buch­ge­sell­schaft – und kommt des­we­gen nicht umhin, sowohl am Beob­ach­ter (der sich also einem Beob­ach­te­ten glaubt gegen­über stel­len zu kön­nen), als auch an der siche­ren Tren­nung zwi­schen Vor­füh­rung und Publi­kum fest zu hal­ten – was es aber kon­se­quen­ter­wei­se in Fra­ge zu stel­len gilt. Genau die­ser Glau­be, man kön­ne sich noch als Beob­ach­ter auf eine Außen­po­si­ti­on stel­len oder durch die Ein­nah­me der Beob­ach­tungs­po­si­ti­on eine her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung errei­chen, gera­de die­se Grund­an­nah­me kommt ins Wan­ken. Schön in ein Bild gefasst hat das Mar­tin Oet­ting in einem letz­tens hier gepos­te­ten Video für Wer­ber: Der Beob­ach­ter beob­ach­tet Rat­ten nicht mehr außer­halb des Rat­ten­kä­figs. Er sitzt mit­ten dar­in, Aug‘ in Aug‘ mit den Rat­ten, die ihn beim Beob­ach­ten viel­leicht beob­ach­ten. Das Pro­jekt nacht­kri­tik, das die mon­ar­chisch-juri­di­sche Posi­ti­on des allein urtei­len­den Kunst­rich­ters auf­hebt und sich der Debat­te aus­setzt, ist ein Vor­bo­te des­sen, wohin es gehen kann: Kri­ti­ker, die nicht mehr außer­halb des “Rat­ten­kä­figs” in ihrer Redak­ti­ons­stüb­chen ein­sam das letz­te Urteil schrei­ben, son­dern einen Gesprächs­be­ginn (idea­li­ter) ermög­li­chen.

Vom Doku­ment zum Per­for­mat

Von dem Sys­tem­theo­re­ti­ker und Sozio­lo­gen Klaus Kusanow­sky wird die Unter­schei­dung zwi­schen Doku­men­ten (wie sie eine gera­de ver­ge­hen­de Gesell­schafts- und Kul­tur­form aus­ma­chen) und Per­for­ma­ten enorm frucht­bar ange­wandt. Die Kate­go­ri­en des Doku­ments sind dabei den kan­ti­schen Kate­go­ri­en, wie auch der klas­si­schen Thea­ter­dra­ma­tur­gie enorm eng ver­wandt. Es han­delt sich dabei um eine grund­le­gen­de Kul­tur­form, die nun durch das abge­löst wir, was Kusanow­ski Per­for­ma­te nennt.

Wäh­rend das Doku­ment – der Thea­ter­auf­füh­rung gleich – als ein Werk zu ver­ste­hen ist, das bestimm­ten kul­tu­rel­len Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen unter­liegt, die mög­lichst trans­pa­rent sein sol­len und zugleich die öko­no­mi­sche Han­del­bar­keit sichern, ver­flüs­sigt das Per­for­mat die­sen Werk­cha­rak­ter. Jen­seits der Unter­schei­dun­gen Original/Fälschung, Identität/Verschiedenheit, Ganzheit/Fragmentiertheit, Mein/Dein, die dem Doku­ment eig­nen, sind Per­for­ma­te „dau­er­pro­zes­sier­te und fluk­tu­ie­ren­de For­ma­te, die kei­ne Mani­pu­la­ti­on nicht zulas­sen“. (hier) Wer den Unter­schied an einem plas­ti­schen Bei­spiel neh­men will, ver­glei­che ein Buch und eine Web­sei­te. Bei­des Schrif­träu­me – und bei­des so ver­schie­den, wie es sich nur den­ken lässt. Die Web­sei­te nicht nur andau­ernd ver­än­der­lich, bloß mög­li­cher­wei­se die „sel­be“ beim nächs­ten Besuch, vol­ler Links und Bezü­ge auf ande­re Inhal­te, die sich nicht kon­trol­lie­ren las­sen. Selbst ver­linkt, aus­schnitts­wei­se kopiert, anders­wo ein­ge­fügt, in einen Surf­pro­zess ein­ge­las­sen, der mit dem Lese­pro­zess eines Buches oder meh­re­rer Bücher nichts gemein hat.

So wäre zu fra­gen, wie ein Thea­ter wäre, das nach dem Doku­ment­sche­ma statt­fin­det. Eines, das nicht ein­fach als „Per­for­mance“ die alte Struk­tur der Auf­tei­lung zwi­schen Sen­de­me­di­um und Zuschau­er­mas­se repro­du­ziert, son­dern tat­säch­lich zu einem Per­for­mat wird. Wie also ein Buch­thea­ter zu einem Netz­thea­ter wer­den könn­te, das die sich ent­wi­ckel­te Erfah­rungs­form des Per­for­mats auf­nimmt, frucht­bar macht und zugleich zu ver­ste­hen unter­nimmt.

Von der Insti­tu­ti­on zum Mög­lich­keits­raum

Es geht nicht um ein plat­tes „Mit­mach­thea­ter“ – so wenig wie die Erhö­hung der „Bür­ge­be­tei­li­gung“ im poli­ti­schen Raum durch Ple­bis­zi­te und ähn­li­ches die­ser ande­ren Gesell­schafts­form gerecht wer­den könn­te. Trotz­dem geht es um das Stadt­thea­ter – und nicht dar­um, frei­en Grup­pen die­se Auf­ga­be zu über­las­sen. Nicht um die Grün­dung von Sek­ten, die auf der Grund­la­ge der katho­li­schen Leh­re eini­ge fort­schritt­li­che Aspek­te in die Reli­gi­on ein­bau­en – son­dern um die Reform des Vati­kans. Die Insti­tu­ti­on der Stadt­thea­ter hat als Form einen Sinn. Wie es den gegen­wär­ti­gen Stadt­thea­tern aber nicht gelingt, ein Jen­seits der Doku­ment­form, ein Thea­ter unter den Bedin­gun­gen der Netz­ge­sell­schaft zu erschaf­fen, so dürf­te auch recht klar sein, dass die meis­ten frei­en Grup­pen nicht in der Lage sind, eine staats­thea­tra­le Groß­büh­ne zu „fül­len“. Der Raum eines Stadt­thea­ters ist gna­den­los gegen­über zu klei­nen Pflänz­chen. Der Peters­dom will erst ein­mal gefüllt sein.

Thea­ter war immer und bleibt ein Mög­lich­keits­raum. Die Netz­ge­sell­schaft zwingt zu neu­en Mög­lich­kei­ten — aber nicht unbe­dingt zu “Inno­va­tio­nen”. Dazu gehö­ren auch Tex­te, die den Ver­such unter­neh­men, jen­seits des Doku­ment­sche­mas zu ope­rie­ren und den­noch Thea­ter­tex­te sein kön­nen, jen­seits von „Text­flä­chen“. Viel­leicht ist die gegen­wär­ti­ge Kri­se der Stadt­thea­ter vor­nehm­lich eine Kri­se der Tex­te, die nicht mehr sein kön­nen, was sie waren, und noch nicht sind, was sie wer­den könn­ten oder müss­ten. Tex­te, die sich vom Para­dig­ma der Buch­lek­tü­re ver­ab­schie­den und das Para­dig­ma des Sur­fens auf­neh­men? Die die Unter­schei­dung zwi­schen „Vor­füh­rung und Publi­kum“ auf­he­ben, ohne dabei das Vor-Schrei­ben auf­zu­ge­ben. Wie war das noch:

Als Thea­ter­be­su­cher wün­sche auch ich mir, dass die Insti­tu­ti­on sich mit den The­men der sie umge­ben­den sozia­len Rea­li­tät befasst. […] Ich for­de­re eine stär­ke­re inhalt­li­che Anbin­dung an die poli­ti­sche und sozia­le Rea­li­tät ein.

Ich auch. Und ich hab da so eine Idee…

 

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