Theater als Ort des Hier und Jetzt — Antwort an Frank Kroll, Abschluss

Januar 11th, 2013 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Was macht denn Thea­ter aus? Was kann es denn ande­res, mehr, bes­ser als Film, Fern­se­hen, Inter­net, Video­spie­le? Wo liegt die Quel­le einer ein­zig­ar­ti­gen Kraft des Thea­trons? Natür­lich in der live­haf­ti­gen Koprä­senz von Dar­stel­lern und Zuschau­ern. Aber was heißt das schon, wenn das Dar­stel­lungs­per­so­nal in sei­ner Dar­stel­lung die Live­haf­tig­keit auf die Simu­la­ti­on eines nicht vor­han­de­nen Screens ein­schränkt, vor dem die Zuschau­er sit­zen? In dem Koprä­senz ledig­lich zur Stö­rungs­quel­le des Dar­stel­lungs­per­so­nals durch unbot­mä­ßi­ges Hüs­teln, Flüs­tern, fal­sches Gni­ckern wird, um nicht zu reden von Chips- und Pop­korn­tü­ten­ra­scheln oder den Geräu­schen eines Kalt­ge­trän­ke­ge­nus­ses und ganz zu schwei­gen von der Benut­zung digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en. Was bleibt von der Koprä­senz, wenn das Publi­kum nichts ande­res ist als poten­zi­el­ler Stö­ren­fried?

Chips? Han­dys im Zuschau­er­raum? Wer will das denn? Will ich das? Ich weiß es nicht. Es geht dar­um auch gar nicht, son­dern dar­um, dass Thea­ter aus sei­ner Hier- und Jet­zig­keit nichts zu machen ver­steht. Und wenn die Gegen­fra­ge „Ja wie denn“ nicht nur pole­misch-rhe­to­risch im Raum ste­hen bleibt, son­dern viel­leicht zum Ansatz eines künst­le­ri­schen For­schungs­pro­gram­mes wird, wenn zudem das all­fäl­li­ge gelang­weil­te „machen wir doch alles schon“ weg bleibt und akzep­tiert wird, dass das Publi­kum das, was in die­ser Form statt­fin­det, eben noch (!) nicht » Wei­ter­le­sen «

Theater als Ort der Reflexion über die Mitweltzerstörung — Antwort an Frank Kroll, Teil 4

Januar 10th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Theater als Ort der Reflexion über die Mitweltzerstörung — Antwort an Frank Kroll, Teil 4 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter ist ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, ein Ort, den sich Gesell­schaft leis­tet und in dem sie sich Gesell­schaft leis­tet. Ein Ort in der Gesell­schaft außer­halb der Gesell­schaft, viel­leicht ein Hetero­top, was ich vor eini­ger Zeit ein­mal hier im Blog ver­gleichs­wei­se mit der Agrip­pa-Legen­de von Titus Livi­us ver­gli­chen hat­te. Thea­ter ist der Ort, in dem hin­ein man aus der Tages­ge­sell­schaft abends hin­aus­tritt, um in die Gesell­schaft zurück zu schau­en, Refle­xi­on also nicht im ein­fach bewusstseins­phi­lo­so­phi­schen, son­dern im durch­aus opti­schen Sin­ne, in dem sich etwas wider­spie­gelt, das es außer­halb der Spie­ge­lung nicht gibt. Eine Mime­sis, die nichts nach-ahmt, son­dern ein­fach ahmt und durch den Effekt des schein­ba­ren „nach“ der Ahmung Erkennt­nis und Ver­gnü­gen mit­ein­an­der zu ver­bin­den zu ver­mag. Es ist ein Spie­gel­bild ohne Vor­bild. Aber machen wirs viel­leicht auch nicht zu kom­pli­ziert. Also anders.

Seit 40 Jah­ren schaf­fen wir all­mäh­lich ein gesell­schaft­li­ches Bewusst­sein über Umwelt­zer­stö­rung und die unge­wünsch­ten Fol­gen der Mani­pu­al­ti­on an der phy­si­schen Natur. Es ist an der Zeit, für das21. Jahr­hun­dert neben der Umwelt­zer­stö­rung auch die Mit­welt­zer­stö­rung in den Blick zu bekom­men, die in den letz­ten fünf Jah­ren in der soge­nann­ten Finanz­kri­se ihr gesell­schaft­li­ches Fuku­shi­ma » Wei­ter­le­sen «

Die Frage der Zahl der Produktionen — Antwort an Frank Kroll, Teil 3

Januar 9th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Die Frage der Zahl der Produktionen — Antwort an Frank Kroll, Teil 3 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Natür­lich stim­me ich Frank Krolls Dia­gno­se zu, dass die Anzahl der „Pro­duk­tio­nen“ bereits zu hoch ist, um sowohl ver­träg­lich für die Mit­ar­bei­ter, als auch zuträg­lich für die Kunst zu sein. Höhe­re Schnel­lig­keit kann dem­nach nicht hei­ßen, noch mehr in noch kür­ze­rer Zeit zu pro­du­zie­ren. Wür­den Thea­ter­leu­te nicht mit einer ange­bo­re­nen Arro­ganz gegen­über den Erfah­run­gen nicht­künst­le­ri­scher Insti­tu­tio­nen, wie es etwa Wirt­schafts­be­trie­be sind, her­um­lau­fen, hät­ten sie die Fata­li­tät die­ses Pro­zes­ses schon längst abse­hen kön­nen: Wenn die Zahl der Kun­den gleich bleibt oder sinkt, besteht die ein­zi­ge Chan­ce zum Wachs­tum (sprich: zu höhe­ren oder zumin­dest gleich blei­ben­den  Aus­las­tungs­quo­ten), den ver­blei­ben­den Kun­den mehr (Insze­nie­run­gen) zu ver­lau­fen, ihnen also zusätz­li­che Kauf­an­läs­se zu bie­ten. Heißt: Erhö­hung der Pro­dukt­pa­let­te. Geschieht dies bei gleich­blei­ben­den oder sin­ken­den Bud­gets, tra­gen die Kon­se­quen­zen die Beschäf­tig­ten. Und die Pro­dukt­qua­li­tät. Das ist so ein­fach, wie nur etwas. Und es ist kein infi­ni­ter Pro­zess, weil irgend­wann die hin­ge­schlu­der­ten Pro­duk­te auch immer weni­ger » Wei­ter­le­sen «

Theater als gesellschaftliche Berufsfeuerwehr – Antwort an Frank Kroll, Teil 2

Januar 8th, 2013 § 11 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist an der Zeit, dass die deut­sche Gesell­schaft (wenn auch nicht unbe­dingt wie­der die Deut­sche Gesell­schaft) wie­der ein­mal frag­te: „Was kann eine gute ste­hen­de Schau­büh­ne eigent­lich wir­ken?“.

Und bevor wir uns an die über­ge­ord­ne­ten Fra­gen hin­sicht­lich des Mensch­seins bege­ben, ist also das „ste­hen­de“ zu befra­gen. Denn die zuletzt immer lau­ter wer­den­de Debat­te, die das soge­nann­te Freie gegen das soge­nann­te Stadt­thea­ter aus­spielt, hat mehr oder min­der deut­lich die Fra­ge nach die­sem Ste­hen­den gestellt, sofern das Ste­hen­de doch offen­bar das alzu Bestän­di­ge, das Star­re, das Nicht-Beweg­li­che zu bezeich­nen schien. Soll­te eine Schau­büh­ne also ste­hen oder nicht viel­mehr gehen? Aber das nur als Exer­gue.

Wozu leis­ten sich Gesell­schaf­ten (ich ver­wen­de die­ses Wort als lee­ren Begriff, der nichts meint als das, was er poten­zi­ell mei­nen könn­te ohne doch bereits bestimmt zu sein) ste­hen­de Insti­tu­tio­nen? Wozu die­ser Bestand? Nicht weni­ge davon sol­len wider­ste­hen, sol­len der Gang der Din­ge ver­lang­sa­men und auf­hal­ten, der ansons­ten en pas­sant zu Ergeb­nis­sen führt, die wären sie vor­her bedacht wor­den, nicht ein­ge­tre­ten wären, da uner­wünscht oder gefürch­tet. Bau­äm­ter » Wei­ter­le­sen «

Die (Neu)Entfaltung der szenischen Kraft – eine Antwort an Frank Kroll, Teil 1

Januar 7th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich fürch­te, die Zeit für „mal aus­pro­bie­ren“, von der Frank Kroll schreibt, läuft ab. Es geht eher dar­um, neue Mög­lich­kei­ten ent­schlos­sen zu ergrei­fen, um Thea­ter die Kraft (wie­der) zu geben, die es hat­te oder haben könn­te. So mensch­lich ver­ständ­lich es ist, dass das Füh­rungs­per­so­nal nach jahr­zehn­te­lan­ger Bela­ge­rung durch Bud­get­spa­rer und Etat­kür­zer Ermü­dungs- und Ver­schleiß­erschei­nun­gen zeigt, so inak­zep­ta­bel ist es für die Insti­tu­ti­on und Kunst des Thea­ters. Es kann nur die Macht der Gewohn­heit sein, die den Blick für den Dorn­rös­chen­schlaf ver­schlei­ert, in dem Thea­ter sich befin­den. Und der, in die­ser Form fort­ge­setzt, all­mäh­lich und unbe­merkt in einen Big Sleep über­geht. Es ist eben nicht edler, die Pfeil und Schleu­dern des Geschicks zu dul­den, son­dern sich zu waff­nen gegen die­se See der Pla­gen und durch Wider­stand sie zu been­den. Wel­chen Weg der Wider­stand ein­schla­gen soll – das mag jedes ein­zel­ne Thea­ter für sich ent­schei­den. Nur Wider­stand gegen Kame­ra­lis­ten zu leis­ten aber heißt, die Kräf­te auf die fal­sche Flan­ke zu kon­zen­trie­ren. Hier ist nichts zu gewin­nen. Schon gar nicht durch späthon­ecker­haf­te „Thea­ter muss sein“ Auf­kle­ber auf Autos.

Die Bela­ge­rungs­si­tua­ti­on ent­steht ja nicht etwa aus über­mäch­ti­gen Geg­nern, son­dern sie ist selbst­ge­mach­ter Unbe­weg­lich­keit geschul­det.  Aller­dings gemischt mit dem feh­len­den Blick für mög­li­che Alli­an­zen – und dazu zäh­le ich eben die Schrei­ber (form­er­ly known as Auto­ren). Nicht in der Form einer Wie­der­ein­set­zung » Wei­ter­le­sen «

Die Antiquiertheit des szenisches Schreibprozesses – Antwort an Frank Kroll

Januar 7th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Die Antiquiertheit des szenisches Schreibprozesses – Antwort an Frank Kroll § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Frank Kroll, Lei­ter des Suhr­kamp Thea­ter­ver­lags, hat mir mit einem Kom­men­tar auf den zwei­ten Teil zum Pos­ting „Die Anti­quiert­heit des sze­ni­schen Schreib­pro­zes­ses“ geant­wor­tet. Ich habe Frank Kroll, der erfreu­li­cher­wei­se wie­der hier zu blog­gen begon­nen hat,  auf den Auto­ren­thea­ter­ta­gen 2002 in Ham­burg als aus­ge­spro­chen klu­gen und sehr ange­neh­men Men­schen ken­nen­ge­lernt, woll­te des­we­gen auch ent­spre­chend sinn­voll auf sei­nen Kom­men­tar ant­wor­ten – was lei­der vom Umfang her eini­ger­ma­ßen aus dem Ruder lief. Des­we­gen habe ich mich ent­schie­den, mei­ne Ant­wort in meh­re­re Pos­tings zu zer­tei­len und in den nächs­ten Tagen suk­zes­si­ve hier zu ver­öf­fent­li­chen.

 

UPDATE: Der ers­te Bei­trag ist jetzt hier online: Die (Neu)Entfaltung der sze­ni­schen Kraft – eine Ant­wort an Frank Kroll, Teil 1

 

Die Antiquiertheit des szenischen Schreibprozesses II

November 22nd, 2012 § 4 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter ist ganz selbst­ver­ständ­lich ein kol­la­bo­ra­ti­ver Pro­zess, aus dem, über­ra­schen­der­wei­se, nur eine Funk­ti­on nahe­zu kom­plett aus­ge­schlos­sen ist: die Schrei­ber. Das sorgt dafür, dass „eigen­stän­di­ge“ Tex­te ent­ste­hen, mit denen Thea­ter meis­tens in die­ser Form, mit die­ser Beset­zung, in die­ser Tona­li­tät nichts anfan­gen kön­nen. Und es sorgt auch, auf­grund der damit ver­bun­de­nen Unge­wiss­heit hin­sicht­lich der Finan­zie­rung der eige­nen Arbeit, dafür, dass Schrei­ber nach eini­gen Tex­ten auf­ge­ben. Wer wäre so dumm, seri­en­wei­se Tex­te zu pro­du­zie­ren, die kei­ne Abneh­mer fin­den? Die nur ein paar­mal auf einer Nebenstät­te gespielt wer­den? Die, selbst wenn sie Ein­nah­men erbrin­gen, die­se Ein­nah­men – auf­grund der lang­wie­ri­gen Vor­lauf­zei­ten – so spät kom­men, dass inzwi­schen irgend­ein Brot­job ange­nom­men wer­den muss? Der übli­cher­wei­se durch­aus für eine Aus­las­tung in einem Maße sorgt, dass kon­zen­trier­tes Schrei­ben dann nicht mehr mög­lich ist. Dass die ers­ten Arbei­ten direkt eine Per­fek­ti­on haben, dass meh­re­re Häu­ser sie spie­len, ist zumeist nur dem jähr­li­chen Hype-Autor gegönnt. Der zwei oder drei Tex­te spä­ter dann wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwin­det. Oder einer Hand­voll Groß­au­to­ren von der Kate­go­rie Hand­ke, Strauß, Jeli­nek, die „es geschafft“ haben.

Hin­ter die­sem Umgang mit Schrei­bern und Tex­ten schlum­mert noch immer der Mythos vom Ori­gi­nal­ge­nie, vom aus sich selbst und ein­sam schaf­fen­den Schrift­stel­ler, der in sei­nem Stüb­chen den Kampf mit sich und der Welt auf­nimmt und als Sieg die­ses Kamp­fes einen Text vor­legt. Die­sen Mythos gilt es zu zer­trüm­mern. Weil er der Arbeits­wei­se der Gegen­wart nicht » Wei­ter­le­sen «

Die Antiquiertheit des szenischen Schreibprozesses I

November 22nd, 2012 § Kommentare deaktiviert für Die Antiquiertheit des szenischen Schreibprozesses I § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die Funk­ti­on des Autors im Stadt­thea­ter der Gegen­wart ist nichts weni­ger als eine Para­do­xe. Einer­seits als Publi­kums­ma­gnet auf Spiel­plä­ne und Pla­ka­ten ein­ge­setzt, ist „der Autor“ und sei­ne Aukt­oria­li­tät, sei­ne Herr­schaft über Sinn und Gestalt der Auf­füh­rung (in einem nai­ven Ver­ständ­nis die­ser Begrif­fe, die jeweils ein­zeln und in ihren Zusam­men­spiel aller­dings zu befra­gen wären) doch in keins­ter Wei­se mehr garan­tiert. Regie ver­steht sich nicht mehr als blo­ße Inter­pre­ta­ti­on, schon gar nicht als einer Treue gegen­über dem Text­werk ver­pflich­tet. Das Selbst­ver­ständ­nis moder­ner und post­dra­ma­ti­scher Regie umfasst expli­zit den Anspruch eines frei­en Umgangs mit vor­lie­gen­den sprach­li­chen Arte­fak­ten, inklu­si­ve der Strei­chung oder Umstel­lung, des text­li­chen Mesh-ups, der Ein­be­zie­hung nicht ori­gi­när für die Büh­ne geschrie­be­ner Tex­te wie Roma­ne, Dreh­bü­cher oder Doku­men­te und Text­sor­ten unter­schied­lichs­ter Pro­ve­ni­enz. Das sorgt für den Reich­tum des aktu­el­len Thea­ters, auch wenn gele­gent­lich noch immer Häup­ter sich recken, die dem Autor und sei­ner Inten­ti­on das Pri­mat zurück ertei­len wol­len (wie zuletzt und wie­der ein­mal Kehl­mann). Die­se Schlach­ten kön­nen als geschla­gen, » Wei­ter­le­sen «

Stadttheater – Zerquetscht wie eine Nussschale?

Oktober 24th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Stadttheater – Zerquetscht wie eine Nussschale? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Man muss schon in beson­de­rer Wei­se lei­dens­fä­hig sein, um in Zei­ten wie die­sen an einem Stadt­thea­ter zu arbei­ten und es zu ver­tei­di­gen. In einem Umfeld mit zuneh­men­dem Ver­än­de­rungs­druck und immer aggres­si­ve­ren Reform­for­de­run­gen die eige­ne tra­di­ti­ons­för­mi­ge Arbeit wei­ter zu betrei­ben, nötigt durch­aus Respekt ab. Einer­seits. Ande­rer­seits droht es zu dem Ende zu füh­ren, das Mar­tin Sem­mel­rog­ge als Wach­of­fi­zier schon in Das Boot ankün­dig­te, als es lang­sam zu Grun­de ging: Wenn der Außen­druck zu groß wird, wird es zer­quetscht wie eine Nuss­scha­le. Nach­dem die­se Debat­te sich auf den unter­schied­lichs­ten Platt­for­men und Medi­en abspiel­te, star­tet nun die Uni­ver­si­tät Hil­des­heim mit einer Ring­vor­le­sung noch eine aka­de­mi­sche Breit­sei­te.

Woher kommt der Druck? Fas­sen wir eini­ge Kom­po­nen­ten (Ergän­zun­gen ger­ne per Kom­men­tar) zusam­men:

Zuschau­er­zah­len: Wahr­schein­lich guckt wie­der kein Schwein

Aus­las­tungs­zah­len sind nichts Neu­es, sie erfül­len in etwa die Funk­ti­on der Ein­schalt­quo­ten und Auf­la­gen. Sie mes­sen eigent­lich nichts, aber man­gels einer bes­se­ren Quan­ti­fi­zie­rung zieht man sie her­an, um die Arbeit ins­be­son­de­re einer Thea­ter­lei­tung zu bewer­ten. Ergänzt noch um die Ein­nah­men, die damit erzielt wer­den. Dass das zu einer unge­sun­den Pro­duk­ti­ons­be­schleu­ni­gung führt, um in Zei­ten schwin­den­der Thea­ter­in­ter­es­sier­ter die weni­ger ver­blei­ben­den Besu­cher öfter ins Thea­ter zu holen, habe ich schon vor eini­ger Zeit hier aus­ge­führt. Es ist eine Spi­ra­le, die dafür sorgt, dass in immer kür­ze­ren Pro­ben­zei­ten „Pro­duk­tio­nen“ erzeugt wer­den müs­sen, die dann immer weni­ger Vor­stel­lun­gen haben. Und deren Qua­li­tät sich sicher­lich nicht durch Pro­duk­ti­ons­be­schleu­ni­gung stei­gert. Oder in Faust-Spek­ta­kel wie in Frank­furt enden, die das Unzu­läng­li­che zum Ereig­nis machen tun.

Finan­zie­rung: Spa­ren wir uns das Thea­ter

Je weni­ger Rück­halt Thea­ter in der städ­ti­schen Öffent­lich­keit haben, des­to leich­ter fällt es in Zei­ten ange­spann­ter öffent­li­cher Haus­hal­te deren Bud­gets zu kür­zen, Spar­ten zu strei­chen, Häu­ser zusam­men zu legen. Oder Thea­ter ein­fach dicht zu machen. Das Kri­so­me­ter auf nacht­kri­tik lis­tet – lei­der wohl nicht mehr aktu­ell gepflegt, da etwa die aktu­el­len Wup­per­ta­ler Ent­wick­lun­gen dort nicht zu fin­den sind – in einem Kata­log der Schre­cken die an vie­len Orten anzu­tref­fen­de Mani­pu­al­ti­on des Geld­hahns auf.

Die Kul­tur­in­farkt-Fuz­zis: Immer fes­te druff

Sekun­diert wer­den die­se finanz­po­li­ti­schen Ein­schnit­te von den Auto­ren des berüch­tig­ten „Kul­tur­in­farks“ (mei­ne Rezen­si­on hier). In kru­der Ver­mi­schung einer­seits durch­aus beden­kens­wer­ter Ein­wän­de und Beob­ach­tun­gen mit einem Gene­ral­an­griff auf die deut­sche Thea­ter­land­schaft lie­fern die Ver­fas­ser die argu­men­ta­ti­ve Unter­füt­tern für Kür­zungs­be­stre­bun­gen – täte es doch ihrer Mei­nung nach nicht nur die Hälf­te des Bud­gets für die Stadt­thea­ter, son­dern die Hälf­te täte der Thea­ter­land­schaft auch noch gut.

Stadt­thea­ter­de­bat­te: Geld den frei­en Hüt­ten, Sturm auf die Paläs­te

In der auf nacht­kri­tik geführ­ten und von Mat­thi­as von Hartz mit einem Bei­trag dort begon­ne­nen Debat­te wer­den Stadt­thea­ter und freie Grup­pen gegen­ein­an­der geführt – mit der Behaup­tung, Inno­va­tio­nen (Ein ziem­lich unglück­li­cher Begriff in die­sem Zusam­men­hang) kämen in der letz­ten Zeit vor­nehm­lich von den Frei­en. Und ent­spre­chend sol­le ihnen eine bes­se­re Finan­zie­rung auch auf Kos­ten der Stadt­thea­ter zukom­men. Die Tei­le der Debat­te:

Mat­thi­as von Hartz: Dem Stadt­thea­ter ist noch zu hel­fen
Ulf Schmidt: Die Funk­ti­on des Stadt­thea­ters – zum Thea­ter in der Netz­ge­sell­schaft
Ute Nys­sen: Die Geburt des Autors aus dem Nach­spie­len
– zu Neu­er Dra­ma­tik im Reper­toire­be­trieb
Tors­ten Jost und Georg Kasch:
Kraft­zen­tren im Dickicht der Städ­te – Stadt­thea­ter als kom­mu­na­ler Dis­kurs­mo­tor
Niko­laus Merck: Ten­den­zi­el­ler Fall der Legi­ti­mi­täts­ra­te
– Ein Brief zum Arbeits­buch “Heart of the City. Recher­chen zum Stadt­thea­ter der Zukunft”
Dirk Pilz und Chris­ti­an Rakow  im Inter­view mit Ulrich Khuon:
In den Städ­ten fin­den Kämp­fe statt -
Eine Rei­he wei­te­rer inter­es­san­ter Tex­te auf nacht­kri­tik hier.

Zudem ist das Thea­ter der Zeit Arbeits­buch „Stadt­thea­ter der Zukunft“ zwar auf Inspi­rie­ren­des für die besag­te Zukunft aus­ge­rich­tet, muss aber natür­lich dabei auch als Kri­tik am Bestehen­den ver­stan­den wer­den, wie es in der Beschrei­bung des Ban­des auch zu lesen ist:

Die als not­wen­dig ange­nom­me­ne Neu­be­stim­mung der Insti­tu­ti­on Stadt­thea­ter vor­aus­ge­setzt, woll­ten wir mit den Recher­chen der hier ver­sam­mel­ten Auto­rin­nen und Auto­ren Mate­ria­li­en für unse­re tas­ten­den Ver­su­che auf schwan­ken­dem Boden zusam­men­tra­gen. (Quel­le)

Hil­des­hei­mer Ring­vor­le­sung: Geball­te pro­fes­so­ra­le Macht

Seit heu­te fin­det an der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim eine (auf nacht­kri­tik durch The­sen­zu­sam­men­fas­sun­gen doku­men­tier­te) Ring­vor­le­sung (Fly­er­down­load) statt, mit dem Titel „Thea­ter. Ent­wi­ckeln. Pla­nen.“ Als Auf­takt ist Prof. Dr. Wolf­gang Schnei­der, Direk­tor des Insti­tuts für Kul­tur­po­li­tik der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim an den Start und das Pult getre­ten. Die The­sen sind auf nacht­kri­tik hier zu fin­den. Ein kur­zes Zitat aus den (lesens­wer­ten) The­sen:

Die Situa­ti­on, in der wir uns im Moment befin­den, ist nicht nur eine Fol­ge des Ver­sa­gens der Kul­tur­po­li­tik, son­dern auch der Thea­ter. Wenn sie sich selbst für neue For­men geöff­net haben, dann nur in eini­gen weni­gen Pro­jek­ten. Wenn sich etwas geän­dert hat, dann eigent­lich nur » Wei­ter­le­sen «

Veranstaltungshinweis: Theatercamp Hamburg im November

Oktober 9th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Veranstaltungshinweis: Theatercamp Hamburg im November § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Trotz der Erfah­run­gen mit der miss­ra­te­nen Spiel­plan­wahl Anfang des Jah­res bleibt das Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter in Sachen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem, was man land­läu­fig Soci­al Media nennt, am Ball: Am 11. Novem­ber (also zu Beginn der Kar­ne­vals­sai­son …) wird dort eine als Bar­Camp beschrie­be­ne Ver­an­stal­tung statt­fin­den, das Thea­ter­camp 2012 (hier der Hin­weis vom Tha­lia, hier die Ver­an­stal­tungs­sei­te). Lei­der gibt man der Ver­an­stal­tung nur etwa acht Stun­den Zeit und Raum — immer­hin mehr als nichts. Wenn auch mehr mehr gewe­sen wäre. Sein wür­de. Hät­te kön­nen.

Die Fra­gen, die man sich in der Ver­an­stal­tungs­be­schrei­bung stellt, sind die­je­ni­gen, die sich auch so ziem­lich jedes Unter­neh­men stellt, das sich mit Soci­al Media aus­ein­an­der­setzt: Wer­den wir damit nicht zu trans­pa­rent? Kön­nen wir hier Tickets ver­kau­fen? Las­sen sich Soci­al Media für die Ver­än­de­rung unse­res Ange­bots nut­zen? Oder haben wir lan­ge genug gewar­tet, um jetzt den gan­zen Soci­al Media Kram als abeb­ben­den Hype kate­go­ri­sie­ren und damit igno­rie­ren zu kön­nen? Ziem­lich vie­le und ziem­lich fun­da­men­ta­le Fra­gen für acht Stun­den. Aber ein span­nen­der Beginn viel­leicht von etwas.

Auf der Ver­an­stal­tungs­web­sei­te (hier) las­sen sich noch Ses­si­on-Vor­schlä­ge unter­brei­ten. Bis­her gibt es Bei­träg zu Dra­ma­tur­gi­en 3.0 – Rezep­ti­ons­ver­hal­ten und Erzähl­for­men von Jochen Strauch, Ein Tweet­up für die Kul­tur. Neue Ver­an­stal­tungs­for­ma­te von Ulri­ke Schmid und Bir­git Schmidt-Hur­ti­en­ne, sowie Das Thea­ter Heil­bronn im Soci­al Web von Kat­rin Schrö­der.

In jedem Fal­le gilt auch hier, was vom Thea­ter grund­sätz­lich zu sagen ist: Wer nicht da ist, kann nicht mit­re­den und sich kein eige­nes Bild machen. Also: hin­fah­ren! Wenn nichts dazwi­schen kommt, wer­de ich da sein.

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